Davor fürchtet ihr euch am meisten

In unserer Serie Was ist deutsch? wollten wir Ende 2016 wissen, wovor junge Menschen in Deutschland Angst haben. Nun haben wir euch zum zweiten Mal um eure anonymen Antworten gebeten.

"Wenn ich alleine zu Hause bin, muss ich alle Rollläden schließen, weil ich mich sonst beobachtet fühle." © Joshua Rawson-Harris | Unsplash

Dritter Weltkrieg, Altersarmut, Einsamkeit – das waren einige der Themen, die unsere Leser*innen Ende 2016 Angst machten. Ein Jahr später wollten wir wieder wissen: Wovor fürchtet ihr euch gerade am meisten?

Warum wollen wir das wissen?

Hass, Sexismus und Rassismus verseuchen das Netz, Trump droht Nordkorea, und die Superreichen verdienen sich mit Paradise Papers goldene Nasen, während Normalverdiener um ihre Renten fürchten müssen. Es gibt so viele Missstände, die uns ärgern und ängstigen können.

Dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung und auch keine repräsentative Studie. Aber wir wollen versuchen, ein Meinungsbild einzufangen. Und so vielleicht wenigstens einen Ansatz dafür finden, wodurch Ängste in Deutschland überhaupt entstehen.

Das sind eure Ängste

Liebe und Beziehung

„Manchmal wird mein Bedürfnis nach Nähe in den unterschiedlichsten Situationen laut, und dabei schleicht sich heimlich die Angst ein, dass es nur eine große Liebe gibt und ich meine schon hatte.“

„Nie eine Partnerin zu finden.“

„Ich habe Angst, meinem Mann zu sagen, dass ich die Trennung will. Er kann kaltblütig und rachsüchtig sein. Ich habe Angst, dass er mich psychisch zerstören wird.“

„Niemals wirklich einen anderen Menschen zu lieben.“

„Ich habe Angst, mich zu verlieben. Ich habe Angst davor, von einer Person abhängig zu werden und ohne diese nicht überleben zu können.“

„Ich habe jederzeit Angst, dass mein Partner mich verlässt. Ich kann diesen Gedanken kaum ertragen. Einen Grund für diese Angst gibt es nicht, aber sie ist täglich da.“

Ich habe Angst davor, später mal so eine Ehe zu führen wie meine Eltern jetzt.“

„Ich habe meinem Partner eine Affäre verziehen. Doch heimlich habe ich Angst davor, eine dieser Frauen zu sein, die alles mit sich machen lassen.“

„Ich habe Angst davor, Menschen mit meiner Anwesenheit zu stören.“

„Ich habe Angst, nicht gemocht zu werden und dass ich einfach nicht genug bin, egal, wie erfolgreich ich bin.“

„Von zu Hause aus war Zuneigung und positive Bestätigung immer an Bedingungen geknüpft; trotzdem hieß es immer ‚Du bist schon nicht schlecht, aber ich bin immer besser als du‘.
Es nagt, und schränkt die Lebensqualität schon sehr ein, wenn man sich jeden Tag anstrengen muss, keine Angst zu haben. Ich bin mir selten sicher, dass Zuneigung mir gegenüber nicht gespielt ist.“

„Männer anzusprechen, die ich interessant finde. Ich komme mir dann wieder vor wie 12 und habe Angst, dass die sich eher belästigt als geschmeichelt fühlen. Auch wenn ich weiß, dass das bescheuert ist.“

„Ich habe Angst, dass jemand Nudes von mir veröffentlichen könnte. Generell vor Slut-Shaming. Besonders, dass es sich eventuell auf eine zukünftige Liebe negativ auswirken könnte.“

Leben und Tod

„Da ich in der Schule gemobbt wurde, habe ich Angst, dass es wieder passiert. Ich bekomme Angst, wenn ich das Gefühl habe, Leute reden negativ über mich. Ich fühle mich unwohl, wenn Leute lachen und ich nicht weiß, warum. Ich habe Angst, wenn jemand einen komischen Gesichtsausdruck hat. In der Öffentlichkeit fühle ich mich oft sehr unwohl und ständig beobachtet.“

„Ich hab Angst, dass mich die Leute nicht mögen. Vor allem habe ich schreckliche Hautprobleme, die ich verstecke, und ich habe Angst, dass mich Leute deswegen nicht mögen, verachten und über mich reden.“

Ich habe Angst vor dem Mond in Vollmondnächten. Wenn ich alleine zu Hause bin, muss ich alle Rollläden schließen, weil ich mich sonst beobachtet fühle.“

„Ich habe Angst davor, den Anforderungen anderer aus meiner Umwelt nicht zu genügen. Sie haben sich ein Bild von mir gemacht und ich versuche, dem gerecht zu werden, auch wenn dies manchmal bedeutet, sich selbst und seine Träume (aus den Augen) zu verlieren.“

Studium und Arbeit

„Die Masterarbeit nie zu schreiben.“

„Vor dem Ende des Studiums, weil man dann nur noch auf die Rente hinarbeitet und man damit dem Tod nur immer schneller näher kommt.“

„Meiner Familie von meinem Scheitern zu erzählen.“

„Nicht meinen Ansprüchen zu genügen.“

„Als kompletter Versager in meinem Umfeld zu enden.“

Psyche und Körper

„Ich habe Angst davor, immer weiter in Warteschleifen für einen Therapieplatz zu hängen und nicht rechtzeitig Hilfe zu bekommen.“

„Einsamkeit und an den Erwartungen der Gesellschaft zu zerbrechen.“

„Vor allen Veränderungen – ob klein oder groß – weil es immer Abschied heißt und ich Abschiede nicht mag.“

„Ich habe Angst davor, nicht zu sterben. Unsere Technologie und Medizin wird immer fortgeschrittener und ich habe Angst, dass ich mit 150 Jahren noch immer auf der Welt bin und ich eigentlich keine Lebensenergie mehr besitze, aber nicht sterben kann, weil meine Ärzte es nicht zulassen.“

„Mich durch meine Depressionen und Gleichgültigkeit allem gegenüber nie wieder zu verlieben. Es ist zehn Jahre her, dass ich Schmetterlinge im Bauch hatte.“

„Davor, dass meine Mauern brechen und mich die verdrängten Erinnerungen überrennen.“

„Vor meiner Depression, die ich seit zwei Jahren relativ gut unter Kontrolle habe, aber ich weiß nicht, wie lange noch.“

„Einsamkeit. Irgendwann aufzuwachen und ganz allein zu sein. Vielen Menschen geht es schon heute so, vor allem den Älteren. Leider sind auch nicht alle Menschen dafür gemacht, rauszugehen und Leute kennenzulernen. Die Angst vor Ablehnung lässt einen im Endeffekt noch einsamer werden.“

Nicht herauszufinden, was ich mit meinem Leben anfangen will.“

„Davor, dass ich nicht lange leben werde. Vor 16 Jahren hatte ich eine Zwangsstörung, die in einer Essstörung mündete. Ich wäre fast gestorben. Nun bin ich seit Jahren davon genesen (ich bin 37) und habe mich eigentlich nur zwei Jahre gesund gefühlt. Danach fing das Leiden wieder an, mit Folgeerscheinungen: Rheuma, Osteoporose mit Knochenbrüchen, chronische Anämie, Zahnprobleme, Haarausfall, Knochenzysten, Ovarialzysten, hormonelle Probleme, Zeugungsunfähigkeit, soziale Phobie und Depression. No way out? Man kämpft und das Kämpfen nimmt kein Ende.“

„Ich finde es total schlimm, zu telefonieren. Mit Freunden zu telefonieren ist kein Problem, aber schon sobald ich einen Arzttermin ausmachen muss, werde ich gestresst, teilweise fange ich sogar an zu stottern. Da ich mich der Angst aber (zum Glück) zwangsläufig stellen muss, werde ich von Mal zu Mal souveräner am Telefon.“

„Meine Eltern haben Drogen konsumiert und waren sehr spirituell. Sie erzählten mir als Kind von Astralreisen und dass man seinen Körper verlassen könne, wenn man entspannt auf dem Rücken im Bett liegen und seine Füße anstarren würde. Bis heute habe ich ein mulmiges Gefühl, auf dem Rücken zu liegen und meine Füße anzuschauen, da ich als Kind wirklich Angst hatte, aus Versehen meinen Körper zu verlassen.“

Davor, vergessen zu werden.“

„Ich bin 20 Jahre alt und habe unglaubliche Angst, meine Mutter zu verlieren. Mein Vater ist gestorben, als ich keine vier Jahre alt war, wodurch ich eine sehr enge Beziehung mit meiner Mutter habe. Sie ist das einzige Elternteil, das ich habe und an das ich mich wenden kann. Sie zu verlieren, daran würde ich kaputt gehen. Schon allein bei dem Gedanken, dass sie irgendwie ums Leben kommen könnte, schnürt sich meine Brust zu und ich bekomme Schweißattacken. Mit meinen Geschwistern, die alle älter sind als ich, möchte ich nicht darüber sprechen, weil ich nicht möchte, dass sie sich um mich Sorgen machen.“

„Ich habe sehr große Angst vor einer Geburt. Ich bin noch nicht mal schwanger, möchte aber auf jeden Fall mal Kinder und habe totale Horrorvisionen. Ich habe Angst, dass meine Vagina danach ganz anders aussieht, mein Körper hässlich ist oder ich inkontinent bin.“

„Vor einer ungewollten Schwangerschaft.“

„Ich habe Angst, dass ich, meine Freunde oder meine Familie schwer krank werden und sterben.“

Klimawandel / Umwelt

„Unbesiegbare Plastikmassen.“

„Climate Change/Global Warming oder wie das jetzt politisch korrekt genannt wird.“

Gesellschaft

„Den Fehler zu machen, Facebook-Kommentare zu lesen und an der grenzenlosen Dummheit der meisten KommentatorInnen zu verzweifeln.“

„Dass ich in der Öffentlichkeit erschossen werde. Es laufen immer mehr Irre mit Waffen herum.“

„Vor Rechten. Ach, Moment! Die sitzen ja schon im Parlament und niemanden schert’s.“