„Deftig, derbe, Buden sind einfach ehrlich“ – So denken junge Essener*innen über Trinkhallen im Ruhrgebiet

Trinkhallen im Ruhrgebiet bestehen oft nur aus einem Fenster. Dort gibt es die gemischte Tüte Süßigkeiten oder das Wegbier. Doch gibt es das nicht auch im Supermarkt? Junge Essener*innen erzählen, was ihnen Buden bedeuten.

Eine gemischte Tüte ist der Klassiker im Trinkhallensortiment. Einzelne Süßigkeiten kosten ein paar Cent pro Stück. Schon für zwei Euro können Kund*innen eine prall gefüllte Tüte mit Schlümpfen, weißen Mäusen, Cola-Krachern, Center-Shocks und sauren Zungen erstehen. Im Fachjargon heißt das dann: „Vier Stück von der Nummer eins“, „Zehn Stück von der Nummer drei“. Denn die Süßigkeiten liegen in separat nummerierten Fächern, damit die Bestellung besser klappt. Viele erinnert die weiße Tüte mit dem Süßkram an Tage ihrer Kindheit.

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Alternativ gibt es Kratz- oder Calippo-Eis. Wer es herzhaft mag, bekommt belegte Brötchen mit Käse oder Salami, für den kleinen Hunger auch nur eine Hälfte. Es gibt Kaffee oder das sogenannte Fußpils, so wird im Ruhrgebiet auch das Bier bezeichnet, das man sich noch schnell für den Weg zur nächstgelegenen Party kauft. Natürlich gibt es neben Nahrungsmitteln auch Zigaretten, Zeitungen und Zeitschriften.

Die Produktpalette der Trinkhallen ist vielfältig. Kinder kaufen Sammelsticker, Jugendliche den billigen Wodka, Rentner*innen ihr Boulevardblatt. Manche Kund*innen bleiben für ein kurzes Quätschchen mit dem Budenbesitzer.

Alles fing mit Mineralwasser an

Bude, Büdchen oder Kiosk, so werden die Trinkhallen im Ruhrgebiet genannt. 8.000 Stück stehen hier, sagt der Regionalverband Ruhr. 23.500 Trinkhallen soll es nach Schätzungen vom Handelsverband Deutschland in der gesamten Bundesrepublik geben. So groß wie Spätis in Berlin sind Trinkhallen im Ruhrgebiet oft nicht, viele bestehen lediglich aus einem Fenster.

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In den 1870er Jahren sind Trinkhallen in Industriestädten wie Düsseldorf oder Aachen entstanden (PDF). Zunächst zum Verkauf von Mineralwasser, später wurde das Angebot erweitert. In der Nähe der Zechen, in Arbeiter*innensiedlungen und Bahnhöfen bot es sich für die Arbeitnehmer*innen an, an den Trinkhallen ihr Frühstück oder Abendessen zu kaufen. Die Bude wurde als sozialer Treffpunkt genutzt. Dort konnte man Bekannte treffen und sich mit den Budenbesitzer*innen austauschen.

„Trinkhallen haben ihre eigene Ordnung“

Konkurrenz machen den Trinkhallen heute sowohl Tankstellen als auch Supermärkte mit immer längeren Öffnungszeiten. Auch dort können Kaugummis, Bier und Zigaretten nach 20 Uhr gekauft werden. Olaf Roik vom Handelsverband Deutschland sagt, dass in den letzten zehn Jahren rund 2.000 Trinkhallen geschlossen worden seien. Für viele Trinkhallen sei es schwer, sich neben den Supermärkten und ihrem vielfältigen Angebot zu behaupten.

Dietmar Osses hat mehrfach über Buden im Ruhrgebiet geschrieben. Er sagt, dass Buden für verschiedene Generationen unterschiedlich funktionieren würden. Wie funktionieren Buden denn für unsere Generation? Was die Buden heute so besonders mache, sei ihr eigener Charme, sagt Dietmar Osses. Tankstellen zum Beispiel würden zwar ähnliche Waren anbieten, als Franchise sähen sie aber immer gleich aus. Dort würde man reingehen und auch schnell wieder raus wollen. „Dagegen haben Trinkhallen ihre eigene Ordnung. Die Ordnung versteht man nicht immer, aber es gibt sie. Buden sind imperfekt, aber hochgradig persönlich. Das hat Flair, das rührt jemanden an.“ Das sagen junge Essener*innen über Trinkhallen:

Franziska Kraus, 24

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Foto: © Anja Wölker

Wenn ich Samstagabends gemütlich auf der Coach sitze, die Geschäfte schon zu haben und ich Lust auf was Süßes habe, gehe ich manchmal zur Bude und hole mir eine kalte Cola oder eine süße Tüte. Bei der Bude gibt es ja auch Sachen, die es im Supermarkt nicht gibt. Ich liebe saure Zungen, saure Stäbchen und Center-Shocks. Ich habe auch eine Lieblingsbude. Da kennt der Besitzer mich und meinen Freund schon. Der weist mir manchmal einen Parkplatz zu, wenn ich da rumfahre. Der kennt mein Auto und sagt dann immer „da vorne ist noch was frei“. Das ist total nett. Das hat man bei Rewe natürlich nicht. Der Besitzer ist Schalke-, mein Freund Dortmund-Fan. Dann startet dort manchmal auch die Derbydiskussion. Buden sind einfach so ein Treffpunkt, der ist nicht schick, der ist nicht gezwungen. Da geht man einfach vorbei und bekommt was man möchte, mit oder ohne Pläuschchen.

Niklas Lohmann, 28

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Foto: © Anja Wölker

Gebürtig komme ich aus Niedersachsen und habe dort auf dem Land gelebt. Diese Kioskstruktur kannte ich nicht, aber ich finde es halt cool. Das gehört hier im Ruhrgebiet einfach zur Kultur. In den ersten Jahren, in denen ich in Essen gewohnt habe, war morgens der Kiosk immer gut für einen Kaffee, ein Käse- und Salamibrötchen. Es ist cool, wenn man abends losgeht und sich noch ein kühles Bier kaufen kann, oder sonntags, wenn die Geschäfte zu haben und man noch eine Tüte Milch kriegt. Deftig, derbe, Buden sind einfach ehrlich. Im Kiosk bleibt manchmal auch die Zeit stehen. Da denkst du, der Besitzer ist mit dem zufrieden, was er hat. Der hat den Fernseher laufen oder kennt alle Zeitschriften auswendig und wenn dann mal jemand vorbeikommt, verkauft er was.

Janina Müller, 25

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Foto: © Anja Wölker

Manchmal kaufe ich ein Bier am Büdchen, wenn man abends unterwegs ist, oder Zigaretten. Meistens kaufe ich die aber an der Tankstelle, wenn man sowieso mit dem Auto dort ist. Büdchen sind in unserer heutigen Einkaufswelt eigentlich überflüssig. Trotzdem würden mir die Büdchen fehlen, wenn es sie nicht mehr gäbe. Überall gibt es die, das ist einfach so heimelig. Wenn ich zum Beispiel aus dem Urlaub zurückkomme und die Büdchen sehe, weiß ich, ich bin im Pott. Ich bin Zuhause. Wahrscheinlich bin ich einfach durch meine Kindheit und Jugendzeit geprägt. Damals habe ich süße Tüten gekauft mit sauren Zungen und Cola-Krachern, eine Wendy oder einzelne Zigaretten für zehn Cent das Stück. Das war ein unschlagbares Angebot!

Christian Mertens, 24

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Foto: © Anja Wölker

Buden gehören für mich zum Ruhrgebiet. Das ist Kult und für die Region immer noch identitätsstiftend. So wie Fußball und Bier zum Ruhrgebiet gehören, gehört der klassische Kiosk auch für mich dazu. Man holt sich ein Bier an der Bude und fährt dann zum Fußballspiel. Ich habe eine Dauerkarte für Schalke, dementsprechend mache ich das auch öfters. Viele Bekannte haben auch wirklich ihre Stammbude. Die sagen dann: „Ach komm, wir gehen zu der bestimmten Bude, die haben dann noch dieses bestimmte Bier“. Meistens sind das alte Exporte. Die Bude ist nicht so schickimicki und sauber sortiert, das passt zur Region. Wie andere Dinge Geschichte sind, sind Buden auch Geschichte des Ruhrgebiets, ähnlich wie die Zechen.

Mayra Demmer, 18

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Foto: © Anja Wölker

Wenn ich früher bei meinen Großeltern im Schrebergarten war, dann hat mein Opa mir immer zwei Euro gegeben. Damit durfte ich zur Bude laufen und mit dort was holen, meistens war das ein Eis. Heute gehe ich nicht mehr zu Buden. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal bei einer war. Zeitschriften zum Beispiel kaufe ich im Supermarkt, wenn man sowieso schon dort ist. Buden bräuchte man vielleicht mal am Wochenende, aber es gibt ja auch Supermärkte am Hauptbahnhof, die immer offen haben. Da würde ich dann eher hinfahren, wenn mir was fehlt. Aber trotzdem gehören Buden zum Ruhrgebiet irgendwie dazu, weil es sie einfach schon immer gab. Jedes Mal wenn ich an einer Bude vorbeilaufe, denke ich an früher.