„Den Schwerbehindertenausweis in Schwer-in-Ordnung-Ausweis umzubenennen, ist nur ein Anfang“

Nach einem Mädchen aus Pinneberg wünscht sich jetzt auch ein Junge in Hamburg im offiziellen Dokument als „schwer in Ordnung“ statt als „schwerbehindert“ bezeichnet zu werden. Die Behörden wollen sich um einen entsprechenden Ausweis kümmern.

Gefällt Hannah besser. © Kai Bruhn

„Ich möchte, dass mein Ausweis umbenannt wird“, schrieb die 14-jährige Hannah aus Pinneberg im Magazin Kids Aktuell des Vereins Kids Hamburg Mitte Oktober. Die Schülerin mit Downsyndrom befand, dass Schwerbehindertenausweis nicht das richtige Wort für ihren Ausweis sei. „Ich möchte lieber, dass er Schwer-in-Ordnung-Ausweis genannt wird.“

In den sozialen Netzwerken wurde Hannah für ihren Vorschlag bejubelt, die Aktion sei schwer in Ordnung, schrieben viele User*innen.

Nun hat auch ein behinderter Junge aus Hamburg beim Hamburger Versorgungsamt einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis beantragt, den er bekommen soll. Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) sagte dazu bei NDR 90,3: „Das zeigt deutlich: Menschen mit Behinderung empfinden sich als ganz normale Menschen, als Teil dieser Gesellschaft, und sie haben keine Lust, von Dritten immer als eine bestimmte Gruppe klassifiziert zu werden.“ Den offiziellen Schwerbehindertenausweis braucht der Junge weiterhin, doch als Begleitdokument soll er den Schwer-in-Ordnung-Ausweis geben. Wie genau der aussehen soll, ist noch nicht klar, den geänderten Namen werde er aber auf jeden Fall tragen, meinte die Senatorin.

Anstoß für eine größere Diskussion

Dass die Geschichte von Hannah so viel Aufmerksamkeit bekommt, findet Michel Arriens, kleinwüchsiger Aktivist, Vorstandsmitglied und Pressesprecher des Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e. V., grundsätzlich gut. Die Idee sei eine schöne Forderung, aber rechtsbindend leider nicht umsetzbar. „Ich finde es legitim, dass sie sich einen anderen Namen für das Dokument wünscht, denn die Behinderung ist ja gar nicht das größte Problem, sondern das behindert werden.“ Einen behinderten Menschen mache schließlich nicht ein Ausweis aus, sondern ein Lebensgefühl und das sei bei ihr eben, dass sie sich schwer in Ordnung fände.

Er hofft, dass die Aktion die Menschen wachrüttelt, mal eine andere Perspektive einzunehmen und eine Diskussion darüber anstößt, dass die Lebensqualität von behinderten Menschen eine andere ist als es die Sprache suggeriere. Bei schwerbehindert sei allein das Wort schwer schon sehr negativ besetzt. „Dabei fühle ich mich mit Behinderung gut, nicht trotzdem.“

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Letztlich müsse aber nicht der Ausweis geändert werden, sondern die Art, wie wir mit dem Thema Behinderung umgehen. Wir müssten dafür sorgen, dass sich Schwerbehinderte nicht mehr schwerbehindert fühlen. Das finge damit an, Orte barrierefrei zu gestalten, schwerbehinderte Menschen bei Bewerbungen als gute Mitarbeiter*innen zu sehen, bis hin zu Berichterstattungen über sie: „Außerhalb der Paralympics spricht zum Beispiel niemand über Paralethen.“ Stichwort: Disability Mainstreaming, die Gleichstellung von Behinderten auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Es dürfe keine Rolle spielen, ob jemand behindert sei oder nicht.

Hannah selbst war von dem Trubel über ihre Geschichte ganz überrascht, wie der NDR berichtet. In einem Interview mit dem Sender sagte ihre Mutter, dass es ihrer Tochter gelungen sei, emotional für Inklusion zu werben. Hoffentlich wird noch länger darüber gesprochen.