Denkmäler zu entfernen bedeutet nicht, Geschichte umzuschreiben

Als Argument für den Erhalt kontroverser Denkmäler wird oft angeführt, sie seien Teil unserer Geschichte und diese dürfe nicht einfach umgeschrieben werden. Dass sie aber nichts zur geschichtlichen Aufklärung beitragen, wird völlig außer Acht gelassen. Ein Kommentar

denkmaeler-geschichte-aufklaerung-chrchill-statue-kommentar-zett
Auch die Statue Winston Churchills im Parliament Park in London lässt kaum Rückschlüsse auf dessen Vergangenheit zu. Foto: Isabel Infantes / Getty Images

Die Menschen in Bristol, England, jubelten laut, als die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston im Wasser landete. Demonstrierende hatten ihr während eines Anti-Rassismus-Protests vergangene Woche Schlingen um Hals und Füße gezogen, sie zu Fall gebracht, anschließend zum Hafenbecken gerollt und versenkt. Der englische Sklavenhändler arbeitete im 17. Jahrhundert für die Königlich Afrikanische Gesellschaft, die jährlich rund 5.000 Menschen versklavte. Die Statue erinnert viele Menschen an die Kolonial- und Sklavengeschichte Großbritanniens, die bisher nicht ordentlich aufgearbeitet wurde.

Die britische Innenministerin Priti Patel bewertete das Vorgehen der Demonstrierenden in Bristol anschließend als „zutiefst schändlich“. „Das ist ein völlig inakzeptabler Akt“, sagte sie dem Sender Sky News. Angesprochen darauf, dass es bereits seit Jahren laute Forderungen für eine Abschaffung der Statue geben würde, antwortete sie: „Warum wurde sie dann bis jetzt nicht abgeschafft?“

Tatsächlich gab es bereits mehrere Versuche, dem Denkmal des Sklavenhändlers ein Ende zu bereiten. So wurden bei einer Petition bereits im Jahr 2018 11.000 Unterschriften gesammelt, die für eine Entfernung der Statue sorgen sollte. Doch immer wieder gerieten die Verhandlungen dafür ins Stocken. In einer nicht repräsentativen Umfrage der Lokalzeitung Bristol Post aus dem Jahr 2014 stimmten 56 Prozent der Bewohner*innen Bristols für einen Erhalt. Als Argumente dafür werden bis heute die Verdienste Colstons für die Stadt Bristol angeführt. So spendete er Geld an Schulen und Krankenhäuser, weshalb bis heute beispielsweise auch die Colston Hall, Bristols größte Konzerthalle, seinen Namen trägt.

Ein weiteres Argument, dass immer wieder zu hören ist, wenn es um die Abschaffung kontroverser Denkmäler geht, lautet: Sie sei nun mal Teil unserer Geschichte und diese dürfe man nicht einfach umschreiben.

Warum Denkmäler nicht zur geschichtlichen Aufklärung beitragen 

Zugegeben: Das Argument erscheint auf den ersten Blick plausibel. Man sollte und darf die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten lassen – auch wenn sie unbequem ist. Die Frage lautet viel mehr, wie viel trägt dazu eine Statue eines Sklavenhändlers auf einem prunkvoll ausgeschmückten öffentlichen Platz bei? Die Abschaffung einer solchen steht nicht gleichbedeutend mit Geschichtsrevisionismus. Schließlich fordert niemand, die Einträge der Kolonial- und Sklavengeschichte aus den Schulbüchern zu streichen oder Sammlungen aus Museen zu verbannen.

Nur anders als Museen, verrät eine Statue auf einem öffentlichen Platz nur wenig über den Kontext. Vorbeigehende Menschen erkennen in ihr erst einmal nicht mehr als einen Menschen, der irgendwas Gutes getan haben muss. Wieso sollte man ihm*ihr schließlich sonst ein Denkmal errichten? Wer sich dennoch dafür entscheidet, einen näheren Blick auf eine Statue zu werfen, findet meist nicht mehr als heroische Floskeln. Obwohl es um die Colston-Statue schon länger Streit gab, gab es bisher noch nicht mal eine Tafel, die Informationen zu Colston als Sklavenhändler auswies. Stattdessen war dort bis vor Kurzem noch zu lesen: „Errichtet von Bürgern von Bristol zum Gedenken an einen der tugendhaftesten und weisesten Söhne ihrer Stadt“. Toller Typ muss das gewesen sein! Auch die Statue des legendären Premierministers Winston Churchill im Parliament Park in London lässt kaum Rückschlüsse auf seine Rolle während der britischen Kolonialzeit zu. Demonstrierende ergänzten den Sockel daher jüngst mit dem Hinweis: „Was a racist“.

Man stelle sich nur mal vor, die Tausenden Adolf-Hitler-Straßen und -Plätze zwischen Alpen und Küste wären nach dem Untergang des deutschen Faschismus nicht abgeschafft worden. Ein undenkbares Szenario. Sie dienten dazu, einen Diktator zu glorifizieren, der letztlich für den Tod von 60 Millionen Menschen verantwortlich war. Denkmäler dienen nicht dem Zweck, Geschichte aufzuzeichnen. Sie verherrlichen, sie sollen an einen Glauben, an eine Ideologie erinnern.

Wie nun umgehen mit dem ungeliebten Erbe der Vergangenheit?

Wie es anders geht, zeigt ein Fall aus dem niedersächsischen Schweringen, der bundesweit Schlagzeilen machte. Auf der 1934 gegossenen Glocke im Kirchturm des Ortes war 2017 ein etwa 35 mal 35 Zentimeter großes Hakenkreuz entdeckt worden. Der Kirchenvorstand sah zunächst keinen Anlass dafür, die Glocke abzuhängen. Auch hier lautete das Argument zum Erhalt unter anderen, die Glocke sei nun mal Teil der Geschichte des Ortes und könne daher nicht einfach ignoriert werden. Stattdessen schufen anschließend Unbekannte für Fakten, als sie im April desselben Jahres das Hakenkreuz sowie Teile der Inschrift mit einem Winkelschleifer entfernten. Im Herbst 2018 wurde die Glocke dann offiziell entwidmet.

Heute erinnert eine rund 1,70 Meter hohe, quaderförmige Skulptur am Fuße des Kirchturms an die dunkle Vergangenheit der Glocke. Statt einem Hakenkreuz steht darauf nun ein Zitat des 1945 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer: „Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele?“

Denkmäler gehören in Museen

Um das nachvollziehen zu können, lohnt sich ein Blick in die USA. Die Zeit der Sklaverei ist ein dunkles Kapitel, mit dem sich die USA bis heute schwertun. Und sie ist keinesfalls überwunden. Vor allem in den ehemaligen Südstaaten wird immer wieder über den Umgang mit dem ungeliebten Erbe der Vergangenheit gestritten.

Die offizielle Flagge des Bundesstaates Mississippi etwa erinnert bis heute an die Zeit der Unterdrückung der Schwarzen Bevölkerung: Sie ist die letzte verbliebene Staatsflagge der USA, in die die alte Konföderiertenflagge integriert ist. Diese Flagge war nie die offizielle Nationalflagge der Konföderierten Staaten, sondern die Kriegsflagge der Army of Northern Virginia, also der Hauptarmee der Konföderierten ab 1861 unter dem Kommando von General Robert E. Lee. Heute wird der Südstaatengeneral für seine Rolle im amerikanischen Bürgerkrieg von der rechten Szene als Held verehrt. Unter seiner Führung traten die Südstaaten gegen die Abschaffung der Sklaverei und gegen mehr Rechte für Schwarze ein.

Wir brauchen Veränderungen in diesem Land

Ralph Northam, Gouverneur von Virginia

Nicht erst seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd wird daher auch über eine Statue Lees in Richmond im US-Bundesstaat Virginia gestritten. Nach den jüngsten Protesten ordnete der Gouverneur von Virginia, Ralph Northam, die Entfernung der seit Langem umstrittenen Statue an. „Ich weiß, dass viele Leute sauer sein werden.“ Es sei aber der richtige Schritt. Die Entfernung von Symbolen sei nur ein kleiner Teil beim Kampf gegen Rassismus in Amerika. „Wir brauchen Veränderungen in diesem Land“, sagte Northam zu seinem Beschluss.

Die „vielen Leute“, von denen Northam spricht, zeigen als Hauptargument für den Erhalt der Statue – man ahnt es bereits – die Geschichte auf, von welcher der Südstaat Virginia zweifelsohne ein Teil ist. Das Denkmal, so die Argumentation, sei kein Symbol des Hasses, sondern erinnere viele an ihre Herkunft und an ihre gefallenen Vorfahren, die an der Seite der Konföderierten in den Bürgerkrieg zogen.

Dabei entstand die Statue erst im Jahr 1890, also fast drei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges, und der damit einhergehenden Abschaffung der Sklaverei. Damit zählt die Statue sogar noch zu den älteren. Eine Auswertung aus dem Jahr 2017 zeigt, dass die meisten der insgesamt über 1.500 dokumentierten Symbole der Konföderierten in den USA in drei zeitlichen Epochen entstanden sind: zunächst in den 1890er-Jahren, als mit den sogenannten Jim-Crow-Gesetzen die Rassentrennung zementiert wurde, und später noch einmal in den 1920er-Jahren, als die Lynchmorde im Süden einen ersten Höhepunkt erreichten. Ein weiterer Anstieg ist der Auswertung zufolge Mitte der 1960er-Jahre zu verzeichnen, als mit dem Civil Rights Act ein Bürgerrechtsgesetz verabschiedet wurde, welches diskriminierende Wahltests für Afroamerikaner*innen für ebenso illegal erklärte wie die Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen wie Restaurants, Kinos oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Diese Statuen erinnern also nicht so sehr an den im Bürgerkrieg gefallenen Uropa, sondern senden eine feindselige Botschaft an Afroamerikaner*innen.

Das Argument, dass die Entfernung dieser Statuen die Geschichte umschreiben würde, ist also nicht haltbar. Sie stehen für eine Ideologie der Herrschaft weißer Rassist*innen und nicht einfach für eine Erinnerung an vergangene Kriegszeiten. Denkmäler dienen nicht dem Zweck, Geschichte aufzuzeichnen. Sie verherrlichen, sie sollen an den Glauben einer Ideologie erinnern, der unwiderruflich Teil unserer Geschichte ist und mit der wir uns heute mehr denn je auseinandersetzen müssen. Aber das sollte nicht auf öffentlichen Plätzen oder in prunkvollen Parkanlagen geschehen, sondern in Museen oder im Geschichtsunterricht in der Schule.

Außerdem auf ze.tt: Elf ikonische Fotos zeigen, wie Menschen gegen Rassismus einstehen

Die Kommentarfunktion ist ausschließlich unseren Leser*innen von ze.tt gr.een vorbehalten.

Noch keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Dein Kommentar ist nur für andere Abonnenten sichtbar. Du erscheinst mit deinem bei Steady hinterlegten Namen und Profilbild. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Es kann ein paar Minuten dauern, bis dein Kommentar erscheint.

Außerdem auf ze.tt