Depressionen in der Schule: Wie es ist, mehrere Monate wegen Krankheit zu fehlen

Unsere Schulreporterin hat mit zwei Schülerinnen gesprochen, die aussetzten, um gesund zu werden.

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Wie ist es, wegen psychischem Stress oder Depressionen die Schule hinter sich zu lassen? Foto: Finn Hackshaw / Unsplash | CC0

In unserer Reihe Aus der Schule schreiben Schüler*innen für ze.tt, was sie in ihrem Alltag bewegt.


Wenn Schüler*innen eine Auszeit vom Unterricht nehmen, dann meist, um ins Ausland zu gehen. Unsere Schulreporterin hat mit zwei Schülerinnen gesprochen, die wegen psychischer Belastung und Depressionen mehrere Monate aussetzten. Wie ist das, plötzlich nicht mehr Teil der Schulwelt zu sein? Und wie ist es, zurückzukehren?

Anna (19): Zwei Klinikaufenthalte aufgrund psychischer Überlastung

„Als sehr zielstrebiger Mensch, der immer sehr streng mit sich selber ist, stand es für mich nie außer Frage, das Abitur zu machen. Nach Erhalt meiner Mittleren Reife besuchte ich auch zunächst ein Gymnasium; psychisch ging es mir jedoch zunehmend schlechter. Einige familiäre Schwierigkeiten, darunter die Scheidung meiner Eltern und ein prinzipiell nicht besonders gutes Verhältnis zu meiner Mutter, waren daran wohl nicht ganz unschuldig. Im November 2017, kurz nach Beginn des neuen Schuljahres, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch, der aus den privaten Belastungen hervorging und mir endgültig klarmachte, dass ich die Schule und mein gesamtes Leben nur mithilfe einer grundlegenden Veränderung bewältigen könnte.

Anfangs wurde ich in eine psychiatrische Einrichtung in München gebracht; einige Monate später wechselte ich dann in eine psychosomatische Klinik in Oberbayern. Bei dieser Entscheidung haben mich einige gute Freunde unterstützt. Andere konnten es jedoch gar nicht nachvollziehen und haben sich von mir abgewendet. Eine ähnliche Reaktion befürchtete ich auch bei meinem Vater. Ich konnte mir nämlich denken, dass er meinen Entschluss zumindest nicht sofort und einfach so akzeptieren würde. Da er von mir und meiner Mutter getrennt lebt, wurde er anfangs auch gar nicht über meinen geplanten Aufenthalt informiert. Während die Schulleitung am Gymnasium über alles Bescheid wusste und auch äußerst verständnisvoll darauf reagierte, hatte ich für meine Klasse aus Scham eine Ausrede für meine Abwesenheit erfunden. Dementsprechend versuchte ich, allen aus dem Weg zu gehen, als ich nach meinem Zusammenbruch noch ein letztes Mal in die Schule ging, um meine Bücher abzugeben.

Von da an hieß es nun, mich in dem bislang vollkommen ungewohnten Umfeld einer Klinik mit meinen persönlichen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, anstatt mathematische Aufgabenstellungen zu bewältigen. Schulisch gesehen stellte dies zwar eine unheimliche Entlastung dar, forderte mich dafür jedoch auf andere Art und Weise heraus. Dafür war mir die Klinik dahingehend eine große Hilfe, einen Platz in einer betreuten Wohngruppe für die Zeit nach dem Aufenthalt zu finden.

Im Juli 2018 also schloss ich meine Kur ab und zog erst einmal von zu Hause aus. Das war wirklich das schönste Ereignis als Abschluss dieser schwierigen Phase. Klar, in Luft haben sich meine Probleme natürlich nicht aufgelöst. Etwa habe ich den Kontakt zu vielen meiner ehemaligen Freunde endgültig verloren. Außerdem – so kontraproduktiv es auch klingen mag – neigte ich wohl dazu, mir meine Erfolge selbst zu sabotieren, als ich merkte, dass es in der Klinik wieder etwas bergauf ging. Um an Schwierigkeiten wie solchen in Zukunft noch intensiver arbeiten und auch mal ordentlichen Abstand zu meiner Familie und meinem alten Umfeld schaffen zu können, stellte der Umzug nach München eine notwendige Basis dar.

Pünktlich zum neuen Schuljahr 2018/2019 wechselte ich also nicht nur in eine andere Stadt, sondern auch an eine neue Schule, an der ich niemanden kannte. Zunächst hatte ich große Angst, dass sich die Vorkommnisse des letzten Jahres wiederholen würden. Angst davor, wieder zu scheitern oder den gesamten Schulstoff vergessen zu haben. Trotzdem entschied ich mich dazu, von Anfang an offen zu sein und ehrlich auf Fragen im Bezug auf die vorhergehende Schulpause zu antworten. Und tatsächlich: Ich bin mir nun wesentlich weniger unsicher, habe wirklich tolle Mitschülerinnen und mit den Lerninhalten komme ich – anders als befürchtet – sehr gut zurecht. Das liegt wohl auch an dem unterstützenden Umfeld meiner WG, das mich einfacher mit meinen Baustellen umgehen lässt als noch zu Hause.

Auch wenn sich mein Weg anstrengend anhören mag, hat sich diese insgesamt zehnmonatige Auszeit von der Schule für mich definitiv gelohnt. Genauso wie nach einer langen Grippe sollte man sich bei psychischen Problemen unbedingt Zeit zur Regeneration geben.“

Carla (19): Stationäre Therapie wegen Depressionen

„Mir war von allen Seiten schon länger zu einem Klinikaufenthalt geraten worden, vor allem weil meine schulische Leistung von meiner schweren Depression stark beeinflusst wurde. Egal, wie sehr ich mich angestrengt habe – ich konnte mich einfach nicht mehr konzentrieren. Sollten wir etwa Texte eigenständig bearbeiten, musste ich jeden Satz dreimal durchlesen, weil ich immer wieder den Faden verloren hatte. Und obwohl ich wirklich versucht habe, den Lehrern aufmerksam zuzuhören, hatte ich jedes Mal bereits wieder alles vergessen, sobald ich aus dem Klassenzimmer raus war. Darunter haben natürlich die Klausurvorbereitungen gelitten – mit entsprechender Auswirkung auf meine Noten. Auf Referate habe ich mir bereits aus Prinzip null Punkte im Voraus eintragen lassen, weil ich mir aus Konzentrationsgründen das Präsentieren vor der Klasse nicht zugetraut habe und in einer solchen für mich stressigen Situation höchstwahrscheinlich weinend aus dem Klassenzimmer gerannt wäre. Auch wenn ich anfangs die Schulzeit nicht unterbrechen wollte – ’nur‘ weil es mir schlecht ging – habe ich mich schließlich in der zwölften Klasse aus Verzweiflung heraus selbst für eine stationäre Therapie entschieden.

Klar, in den ersten Tagen nach meiner Einweisung hab ich mich sehr verloren gefühlt und meine Entscheidung bereut. Alles war ungewohnt und neu im klinischen Umfeld, umgeben von Therapeuten, Ärzten, Psychologen und anfangs noch eher zurückhaltenden Mitpatienten. In den ersten beiden Tagen vor dem eigentlichen Therapiestart bedeutete das für mich, zunächst einmal viel Zeit mit mir alleine verbringen zu müssen. Mit Beginn der Therapie jedoch konnte ich mich schnell auf das Umfeld der Klinik einlassen und den Abstand zum stressigen Schulalltag genießen. Der hatte in den Wochen zuvor nur noch Leiden für mich bedeutet. Auch die Personen, die ich dort kennen- und lieben lernen durfte, haben sich mit der Zeit geöffnet, und wir haben versucht, uns gegenseitig zu verstehen. Hätte ich die Therapie nicht angetreten, wäre ein Abiturabschluss in einem solchen Zustand der Belastung vermutlich gar nicht möglich gewesen.

Nach meiner Auszeit bin ich in die elfte Jahrgangsstufe zurückgetreten, wo ich erst mal kaum jemanden kannte. Zum Glück wurde ich aber herzlich aufgenommen, was mir meine Rückkehr erheblich erleichtert hat. Mir wurden immer Sitzplätze angeboten – manchmal wurde sogar extra die gesamte Sitzordnung geändert, um mich als Neuling nicht alleine sitzen lassen zu müssen –, bei Gruppenarbeiten hat man mich stets mit einbezogen und auch sonst wurde mir eine wirklich zuvorkommende Haltung entgegengebracht. Sowohl von Lehrern als auch den Mitschülern.

Im Nachhinein bin ich unheimlich froh, meine psychische Gesundheit über die Schule gestellt zu haben. Denn mit sich selbst im Reinen zu sein und ein erfülltes Leben zu führen, ist so viel mehr wert, als das Abitur nach den regulären zwölf Jahren Schule in der Tasche zu haben.“

Außerdem auf ze.tt: Wie Trovi seit der Schulzeit gegen Depressionen kämpft