Der 17-jährige Ziyaan hat eine Menstruationsbinde entwickelt, die drei Jahre hält

500 Millionen Frauen und Mädchen haben weltweit keinen Zugang zu hygienischen Menstruationsprodukten. Ziyaan aus Tansania brachte das auf eine Idee.

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Die Binde ist biologisch abbaubar und kostet zwischen fünf und acht Dollar. Foto: Ziyaan Virji

In der 9. Klasse sollte Ziyaan aus Tansania im Unterricht ein persönliches Projekt umsetzen. Worum es dabei geht, war ihm freigestellt. Eine schwierige Aufgabe für den 15-Jährigen – bis er beiläufig durch seinen Facebook-Feed scrollte und dort auf die etwa fünfminütige Dokumentation India‘s Menstruation Man von Al Jazeera stieß. Ziyaan klickte das Video an. Was er sah, bewegte ihn nachhaltig.

Die Doku erzählt die Geschichte von Arunachalam Muruganantham, der eines Tages bemerkt, dass seine Frau unhygienische Produkte für ihre Periode verwenden muss. Sie ist damit nicht allein: Laut der Doku können sich 300 Millionen indische Frauen keine hygienischen Menstruationsprodukte leisten, weltweit sind es 500 Millionen. Eins von fünf Mädchen verlasse in Indien deshalb die Schule, sobald sie ihre Periode bekomme.

Ziyaan wandte sich an seine Mutter. Hat sie solche Probleme auch erlebt? Sie bejahte und Ziyaan begann, zu recherchieren. „Ich habe von Frauen gelesen, die sich während ihrer Periode mit alten Klamotten, Blättern, Sand oder Taschentüchern behelfen“, erzählt er. Der 17-Jährige entschied: Das wird das Thema seines Schulprojekts.

Ziyaan wollte nicht nur günstige Menstruationsprodukte herstellen, sondern auch nachhaltige. Er gab das Schlagwort „Wiederverwendbare Pads“ bei Google ein. Aus dem, was er fand, entwickelte er einen Prototyp für eine Binde, die bis zu sechs Monate verwendet werden kann. Ziyaan suchte sich einen Schneider und ließ sich von ihm das Nähen beibringen. Aus Flanell und Watte nähte er 22 Pads und verteilte sie an Schulmädchen in seinem Heimatort Dar es Salaam in Tansania. Das ist zwei Jahre her.

Eine Binde, die bis zu drei Jahre hält

Heute leitet Ziyaan die Initiative Affordable and Accessible Sanitation for Women (AASW) und veranstaltet Schulworkshops mit 17 Teams in Kenia, Tansania, Indien, den Vereinigten Emiraten, Pakistan und Nigeria. Vernetzt haben sie sich über das Internet. „Nachdem das Schulprojekt vorbei war, habe ich nachgedacht: Von 500 Millionen Frauen habe ich jetzt 22 geholfen. Das ist gar nichts. Ich wollte wirklich etwas verändern und dafür brauchte ich Hilfe“, sagt Ziyaan. Also holte er ein paar Schulfreund*innen mit ins Boot, am Anfang waren sie gerade einmal zehn Personen. Sie schlossen sich mit einer Gruppe Tunaweza-Frauen mit Behinderungen in Kenia zusammen, die bereits an nachhaltigen Binden arbeitete. Gemeinsam entwickelten sie eine Binde, die bis zu drei Jahre hält, zu 100 Prozent biologisch abbaubar ist und zwischen fünf und acht Dollar kostet.

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Eine Binde, die bis zu drei Jahre hält. Foto: Ziyaan Virji

Wie funktioniert das? Ziyaan zeigt eine Unterhose, deren Stoff an Badekleidung erinnert. Das Muster ist modisch. Die Unterhose ist von innen aus dem gleichen nylonartigen Stoff, aus dem auch Regenschirme hergestellt werden. Sie hat zwei Einschübe, in denen ein rotes Stofftuch steckt. Ziyaan holt es heraus und faltet es auseinander. „Das ist unsere Binde aus Baumwolle und Kitenge, einem Material aus Kenia“, erklärt er. Mit Seife lässt sie sich waschen und reinigen und anschließend wiederverwenden. Sie sieht aus wie ein Handtuch. „Das haben wir bewusst so gemacht, falls die Frauen und Mädchen unterwegs sind und ihre Binde waschen müssen. Vielen wäre es zu unangenehm, etwas zu waschen, das nach Menstruationsprodukten aussieht.“

Binde und Unterhose sind Teil eines Sets, das Ziyaan und seine Leute kostenlos an Schulmädchen verteilen. Darin enthalten sind acht Stoffbinden, zwei Unterhosen, antiseptische Seife, eine wasserdichte Tasche, um die gebrauchten Binden unterwegs zu verstauen und eine Tasche für das gesamte Set. „Wir arbeiten dabei immer mit Materialien, die für die Mädchen und Frauen regional erhältlich sind. Je nach Land sind das andere“, sagt Ziyaan.

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„Manche haben mich für verrückt erklärt und mich ausgelacht“

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Ziyaan und Mitstreiterinnen der Initiative „Affordable and Accessible Sanitation for Women“. Foto: Ziyaan Virji

Mittlerweile haben  Ziyaan und sein Team in Kenia, wo der 17-Jährige zur Schule geht, ihr Engagement ausgebaut: In Workshops wollen sie Jungen und Mädchen zwischen 9 und 16 Jahren aufklären. Dabei gehe es zum einen darum, das Tabu weiblicher Menstruation zu brechen. Zum anderen will Ziyaan den Mädchen zeigen, wie sie selbst wiederverwendbare Binden herstellen können. „Viele gemeinnützige Organisationen kaufen einfach einen Haufen Binden und geben sie an den Schulen aus. Das hilft den Mädchen für zwei, vielleicht drei Monate. Und danach?“ fragt Ziyaan. Seine Idee ist: „Wir klären zehn Mädchen auf, die dann wiederum zehn Freundinnen aufklären und die wiederum zehn.“

Zu Beginn seines Projekts bekam Ziyaan viel Gegenwind: „Manche haben mich für verrückt erklärt und mich ausgelacht.“ Mittlerweile kommen viele von sich aus auf ihn zu, um zu unterstützen. Die 17 Teams mit Jugendlichen in Kenia, Tansania, Indien, den Vereinigten Emiraten, Pakistan und Nigeria organisieren sich über Skypekonferenzen, Facebook- und Whatsappgruppen. Das Geld für die Projekte erhalten sie durch Spenden. Persönlich getroffen hat Ziyaan bis heute kaum eine*n der mittlerweile über 100 Freiwilligen. „Das ist die Macht von Social Media und uns jungen Menschen. Wir müssen das Internet für uns nutzen!“, sagt der 17-Jährige. Dass er ein Junge ist, sieht Ziyaan nicht als Nachteil – im Gegenteil. Er könne andere junge Männer inspirieren und der Debatte eine neue Perspektive geben. „Ich weiß nicht, wie sich die Periode anfühlt, ich weiß nicht, wie es ist, deshalb nicht zur Schule gehen zu können. Aber ich sehe, wie groß die Auswirkungen sind.“

Ein schreckliches Ereignis, das sich kürzlich ereignete, hat Ziyaan noch einmal neuen Ansporn gegeben. „Ein junges Mädchen in Kenia hat im Unterricht ihre Tage bekommen, der Lehrer sah das Blut auf ihrer Hose, nannte sie dreckig und eklig und warf sie aus der Klasse“, sagt Ziyaan. Weil sie sich so sehr geschämt habe, habe sich das Mädchen daraufhin das Leben genommen.

Ziyaan und seine Mitstreiter*innen setzen sich dafür ein, dass kein Mädchen mehr unter dem Stigma leiden muss, das der Menstruation bis heute weltweit anhaftet.

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