Der geheime Akkord? Was Weihnachtslieder so weihnachtlich klingen lässt

Musik spielt in der vielleicht schönsten Zeit des Jahres eine wichtige Rolle. Doch warum vermitteln uns Weihnachtslieder dieses wohlige Gefühl?

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Es gibt einen Akkord, der bei vielen Weihnachtsliedern für ein warmes Gefühl sorgt. Doch zum Weihnachtgefühl gehört noch etwas mehr. © Tadas Mikuckis / unsplash.com

Weihnachten ist immer auch ein Fest der Musik. Die Lieder, die alle Jahre wieder in dieser Jahreszeit aus Radios und Anlagen tönen, tragen maßgeblich zur vorweihnachtlichen Stimmung bei. Wenig transportiert Gefühle der Geborgenheit, Wärme und Nostalgie so sehr wie Weihnachtsmusik.

Doch warum ist das so? Was lässt Weihnachtslieder so wahnsinnig weihnachtlich klingen?

Die heutige Weihnachtsmusik ist ein Potpourri aus vielen Genres

Kurzer Abstecher in die Geschichte der Weihnachtsmusik: Diese reicht lange, bis in die Spätantike, zurück, wie Clement Miles in Christmas Customs and Traditions, Their History and Significance schreibt. Den Ursprung hat sie demnach in Rom, irgendwann im vierten Jahrhundert. Mit den uns heute bekannten Liedern hatten diese aber nur den Anlass gemein. Erst Jahrhunderte später kultivierte sich eine Tradition der eingängigen, gemeinsam gesungenen Lieder. O Tannenbaum zum Beispiel entstand bereits im 16. Jahrhundert und wird bis heute gesungen.

Noch viel häufiger als diese Klassiker hören wir heute zeitgenössischere Weihnachtsmusik, die im 20. Jahrhundert entstand und maßgeblich durch die US-amerikanische Musikgeschichte beeinflusst ist. Im Grunde genommen mischen sich in den Weihnachtsliedern, die wir alljährlich hören, ein musikalisches Erbe aus vielen wichtigen amerikanischen Musikepochen und Stilen des vergangenen Jahrhunderts. So vereinen sie Elemente des Jazz, Blues, Soul, des Rock’n’Roll und des Singer/Songwriter-Genres in sich.

Der bis heute meistgespielte Weihnachssong ist laut Billboard-Charts Mariah Careys All I want for Christmas is you. Diesen Rekord stellt das Lied seit der Veröffentlichung 1994 immer wieder aufs Neue auf, so auch in diesem Jahr.

Auf solchen Listen finden sich einige der Lieder, die vielen sofort in den Kopf springen dürften, etwa Whams Last Christmas oder das von Irving Berlin 1947 komponierte White Christmas. Vor allem mit letzterem hat das Lied der Popsängerin Mariah Carey mehr gemein, als es auf den ersten Blick scheint.

Ein besonderer Akkord taucht immer wieder auf

Bei der US-Erklärplattform Vox spricht ein Musikjournalist über die geistigen Vorgänger von Mariah Careys Hit. All I want for Christmas is you sei in Sachen Stil und Arrangement im Geiste des 1972 veröffentlichten und sehr beliebten Christmas Album von Phil Specter. Besonders der Song Christmas (Baby please come home) zeigt das: Das Intro ähnelt sich sehr stark.

Doch die womöglich größten Gemeinsamkeiten habe Careys Song mit White Christmas. Nicht weil sie sonderlich ähnlich klingen, sondern weil bei beiden besonders ein Akkord für die weihnachtliche Stimmung sorge: D m7b5. Werde dieser nach einem etwas dominanteren Akkord gespielt, schaffe er diesen warmen, dahinschmelzenden Effekt in den Liedern, der perfekt zum Weihnachtsgefühl passt.

Der Gesamtkontext macht’s

Das ist allerdings nur eine von mehreren Erklärungen dafür, was ein Weihnachtslied weihnachtlich klingen lässt. Sie ist objektiv keineswegs falsch: Der Akkord taucht in der Musikgeschichte immer wieder auf und gerade in Weihnachtsmusik sorgt er für ein satt-und-glücklich-mit-den-Liebsten-vor-dem-geschmückten-Baum-sitz-Gefühl.

Doch es kommt darauf an, wie der Akkord gespielt wird – denn nur, wenn er in einer bestimmten Geschwindigkeit gespielt wird, eher langgezogen, entfaltet er diese Wirkung. Der Komponist und Musiktheorist Adam Neely antwortet in einem weiteren Video auf die Darstellung von Vox. Für Neely spielen weitaus mehr Faktoren eine Rolle.

Neely erklärt, dass ein einzelner Akkord allein noch nichts transportieren könne. Es komme auf den Kontext an, in den er eingebettet sei. Er erklärt das anhand eines weiteren Songs von Irving Berlin, der die exakt selbe Akkord-Folge wie White Christmas aufweist, aber keineswegs weihnachtlich klinge. Große Unterschiede mache es zum Beispiel, ob Akkorde in Moll und direkt danach in Dur gespielt würden, oder umgekehrt, ob sich also das Tongeschlecht innerhalb eines Liedes mehrmals ändere.

Bei der richtigen Abfolge entstehe ein bittersüßes Gefühl, man schwanke von glücklich zu melancholisch, etwas, womit in der frühen Popmusik des 20. Jahrhundert oft gespielt wurde. Das, gepaart mit einem gewissen Nostalgiecharme, schaffe eine Weihnachtsstimmung. Und der Einsatz von Weihnachtsglöckchen, versteht sich. Warum gerade Mariah Careys All I want for Christmas so erfolgreich ist, lässt sich laut Neely vor allem dadurch erklären, dass der Song eine besonders gelungene Synthese aus drei Elementen ist: ein üppiges Arrangement, perfekte Postproduktion und die soulige Stimme von Mariah Carey.

Was wir heute musikalisch als besonders weihnachtlich wahrnehmen, wird demnach wohl nicht nur durch einen geheimen Akkord bestimmt. Es ist viel mehr die gelungene Kombination aus verschiedensten Stilen und Spielarten der Musik im 20. Jahrhundert. Kommen dann noch Tannenbäume, Schnee, geschmückte Häuser und Gerüche von Gebäck und herzhaften Gerichten dazu – kein Wunder, dass wir uns dann wie in einem Weihnachtstraum fühlen, aus dem wir nur ungern aufwachen wollen.