„Der Täter wird als Südländer beschrieben“ – wie die Polizei rassistische Stereotype reproduziert

Fast täglich taucht der Begriff „südländisches Aussehen“ in Polizeiberichten auf. Forscherin Clara Ervedosa hat untersucht, wie eine staatliche Institution damit das Bild vermeintlich krimineller Fremder zementiert.

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"Der Täter wird als Südländer beschrieben", ist eine häufig genutzte Beschreibung in Polizeimeldungen. Foto: Unsplash | CC0, Collage: © Elif Kücük / ze.tt

Es ist eine typische Polizeimeldung aus einer deutschen Stadt: „Gestern gegen 11.30 Uhr hinterlegte eine 76-Jährige einen knapp fünfstelligen Geldbetrag an der Bushaltestelle […] in Duisburg in einem Papierkorb. Vorausgegangen waren Anrufe eines angeblichen Polizeibeamten, der sie mit einem Trick dazu überredete.“ Die Beschreibung des mutmaßlichen Täters folgt: „165 bis 170 cm groß, schlanke Figur, weißes T-Shirt mit roter Aufschrift, knielange Jeanshose, kurze, dunkle Haare. […] Er wird als Südländer beschrieben.“

Anruf bei der Polizeistelle: „Was genau muss ich mir unter einem ‚Südländer‘ vorstellen?“ Antwort des Sprechers: „Offensichtlich handelt es sich nicht um einen Schweden, Finnen oder Dänen.“ Der Begriff sei verwendet worden, weil die Geschädigte den mutmaßlichen Täter so beschrieben habe. Wenn man zehn Leute befragen würde, was sie unter „südländisch“ verstünden, bekäme man zehn unterschiedliche Antworten, so der Sprecher. „Aber unterm Strich kommt man schon etwa beim Gleichen raus.“ Die Bevölkerung verbinde damit laut Sprecher: dunklere Haut und Augen und schwarze Haare.

Selbst wenn die Polizei keine rassistischen Motive hat und nur ihre Fahndungsaufgabe erfüllen möchte, befördert sie sie durch die Verwendung des Begriffs „Südländer*in“.

Clara Ervedosa

Der Begriff „Südländer*in“ oder auch „südländisches Aussehen“ ist in vielen Polizeimeldungen Standard. Das zeigt eine Stichwortsuche im Portal Blaulicht, das Polizeimeldungen aus Deutschland erfasst, allerdings nicht vollständig ist. Allein 187-mal taucht von Januar bis Juli 2020 dort das Wort „südländisch“ auf.

Warum „Südländer*in“ kein geographischer Begriff ist

Das ist ein Problem, sagt Clara Ervedosa. Die Germanistin von der Universität Coimbra in Portugal forscht zu Migration, Rassismus und Sprache. Im Juni hat sie einen wissenschaftlichen Artikel mit dem Titel The Perpetrator is a „Southerner“: „Südländer“ as Racial Profiling in German Police Reports veröffentlicht. Für ihren Artikel hat Ervedosa zwei Datenbanken genutzt, die analysieren, welche Worte digital wo und wie häufig verwendet werden. „Den Begriff  ‚Südländer*in‘ nutzen vor allem Polizei und die Medien“, sagt sie.

In ihrem Artikel argumentiert Ervedosa, dass die Polizei so rassistische Stereotype reproduziert. „Was genau soll ein*e ‚Südländer*in‘ sein?“, fragt sie im Gespräch mit ze.tt. Es sei eben kein geographischer Begriff, weil mit „Südländer*innen“ nicht Menschen aus Australien oder der Schweiz gemeint sind – aus Ländern, die von Deutschland aus gesehen auch im Süden liegen. „Es ist ein versteckter Begriff für einen bestimmten Phänotyp“, sagt die Germanistin. Im Kern meint „Südländer*in“ Menschen mit dunkler Hautfarbe. Es impliziert aber noch mehr. „‚Südländer*innen‘ werden auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben. Sie gelten als emotional, temperamentvoll, irrational und als Menschen, die schnell zur Waffe greifen.“

Die Polizei soll objektiv und neutral berichten. Da scheidet die Nutzung des Wortes „Südländer*in“ eigentlich aus.

Renato Gigliotti, Innenministerium Baden-Württemberg

Durch die Verwendung des Begriffs zementiere die Polizei ein Bild, das so auch in Teilen der Bevölkerung vorherrsche. Nämlich dass Menschen, die so aussehen, besonders kriminell sind. Dabei besteht dieser vereinfachende Zusammenhang gar nicht. Der Begriff ist aus ihrer Sicht aber noch aus einem weiteren Grund problematisch. „Menschen mit diesem Erscheinungsbild werden nicht als Deutsche angesehen.“ In Polizeimeldungen finde sich nie die Beschreibung „keltischer Typ“. Dass die Polizei mutmaßliche Täter*innen äußerlich beschreibt, um sie leichter zu finden, sei nicht das Problem, sagt sie. Aber warum die ausgrenzende und abwertende Pauschalisierung „Südländer*in“ benutzen?

„Die Polizei könnte einfach nicht-weiß, dunklere Hautfarbe, dunkle Augen oder schwarze Haare schreiben“, sagt Ervedosa. Gerade die Polizei als staatliche Institution habe eine besondere Verantwortung, so sachlich wie möglich zu informieren. „Es ist wichtig, welche Begriffe man verwendet“, sagt Ervedosa. Sprache sei das zentrale Instrument, mit dem sich Menschen ausdrückten. So beeinflusse sie unsere Wahrnehmung auf bestimmte Sachverhalte. „Selbst wenn die Polizei keine rassistischen Motive hat und nur ihre Fahndungsaufgabe erfüllen möchte, befördert sie sie durch die Verwendung des Begriffs ‚Südländer*in'“, sagt Ervedosa.

Die Polizei ist sich des Problems zumindest teilweise bewusst

Bei einigen Polizeistellen, vor allem auf höheren Hierachie-Ebenen, ist das Problem zumindest bekannt. Ein Sprecher der Polizeidirektion Westhessen sagt, dass in den vergangenen Jahren ein Umdenken stattgefunden habe. „Wir versuchen, diesen Begriff größtenteils zu vermeiden“, sagt er. Er sei zu pauschalisierend. Weil im Zuständigkeitsbereich seiner Direktion jede Polizeistelle ihre eigenen Meldungen verfasst, klappt das nicht immer. In Meldungen der Polizei Bad Homburg taucht der Begriff zum Beispiel regelmäßig auf. Man müsse die Kolleg*innen da immer wieder sensibilisieren, sagt er. „Wir fragen in der Regel schon nach, was Zeug*innen zu der Annahme verleitet, dass es sich um ‚Südländer*innen‘ handelt“, sagt er. Diese Merkmale würden dann in die Meldung aufgenommen – und möglichst nicht das Wort Südländer*in.

Die Verwendung des Begriffs zeigt ein sehr enges Verständnis von Deutschsein, das nicht mehr zur Realität passt.

Clara Ervedosa

Auch Renato Gigliotti, Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums sagt: „Die Polizei soll objektiv und neutral berichten. Da scheidet die Nutzung des Wortes ‚Südländer*in‘ eigentlich aus.“ In Einzelfällen werde es aber noch genutzt, etwa dann, wenn es um Fahndungen gehe und Beschreibungen von Zeug*innen übernommen würden. Die für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Stelle im Ministerium versuche immer wieder, die Polizeipräsidien darauf hinzuweisen, das Wort nicht zu verwenden, sagt er. „Wir haben da aber noch ein bisschen Arbeit vor uns“, gesteht er.

Vermeintlich keine echten Deutschen

Ervedosa hat sich die Frage gestellt, was es über Deutschland aussagt, dass Teile der Bevölkerung und der Polizei von „Südländer*innen“ sprechen. „Die Verwendung des Begriffs zeigt ein sehr enges Verständnis von Deutschsein, das nicht mehr zur Realität passt“, sagt sie. Deutschland sei eine Einwanderungsgesellschaft, was auch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts aus dem Jahr 2000 zeige. Als deutsch gilt seitdem auch, wer hier geboren wurde – wenn ein Elternteil mindestens 8 Jahre in Deutschland lebt. In vielen Köpfen jedoch herrsche aber noch das Abstammungsprinzip. „Eine Person mit ’südländischem‘ Aussehen und deutschem Pass wird immer noch als Ausländer angesehen und nicht als echter Deutscher“, schreibt Ervedosa.

Interessant ist auch, dass sich wandelt, was als „südländisch“ verstanden wird. Während in den 60er- und 70er-Jahren vor allem Gastarbeiter*innen aus Italien, Griechenland und der Türkei gemeint waren, änderte sich der Begriff nach Angaben Ervedosas nach dem Jahr 2015, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen. Fortan waren vermeintliche „Südländer*innen“ meist Menschen aus Syrien, Iran, Irak, nordafrikanischen Ländern oder Afghanistan.

Auch die Medien spielen nach Ervedosas Meinung eine Rolle bei der Reproduktion rassistischer Stereotype. „Gerade Lokalzeitungen übernehmen den Begriff häufig kritiklos“, sagt sie. „So reproduzieren sie das Klischee.“

Update, 17. August 11:20: In der ersten Fassung des Artikels hieß es: „Als deutsch gilt seitdem auch, wer hier geboren wurde – auch wenn die Eltern keine Deutsche sind.“ Diesen Satz haben wir präzisiert: ein Elternteil muss seit acht Jahren rechtmäßig seinen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland haben und zum Zeitpunkt der Geburt ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzen.