„Der Vergewaltiger bist du“ – Das steckt hinter dem feministischen Tanz aus Chile

Die 22-jährige Catalina berichtet, wie die Performance Un violador en tu camino die feministische Bewegung verändert.

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„Wir alle haben auf die eine oder andere Art Missbrauch erlebt“, sagt die 22-jährige Catalina aus Chile. Foto: privat

Sie tragen schwarze Augenbinden, Halsbänder oder sind mit Kopftüchern vermummt. Sie tragen kurze Röcke, bauchfreie Tops und Hotpants. Sie wiegen sich hin und her, im gleichen Takt, oft ohne jegliche Musik. Dann strecken sie alle die Arme aus, zeigen in eine Richtung und rufen: „Der Vergewaltiger bist du!“ Dieses Bild geht im Moment um die Welt – aus Buenos Aires, Jerusalem, Istanbul, Berlin und vor allem aus Santiago. Tausende Frauen kommen zusammen, um das Lied Un violador en tu camino zu performen. Übersetzt bedeutet das: „Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“. Die Frauen wollen damit auf Femizide aufmerksam machen, auf Machismo, sexualisierte und strukturelle Gewalt gegen Frauen.

Die Inszenierung stammt vom Künstlerinnenkollektiv Las Tesis aus der chilenischen Hafenstadt Valparaíso. Dahinter stehen die vier jungen Frauen Dafne Valdés, Paula Cometa, Sibila Sotomayor und Lea Cáceres. Un violador en tu camino sei inspiriert von der argentinischen Anthropologin Rita Segato und der italienischen Feministin Silvia Federici, erklärt Paula Cometa in einem Interview mit der taz: „Federici zeigt auf, dass der Kapitalismus auf der Versklavung der Frauen basiert. Segato demystifiziert den Vergewaltiger und stellt klar, dass er aufgrund einer sozialen Machtstruktur vergewaltigt und nicht um seine sexuelle Lust zu befriedigen. Die Vergewaltigung ist eine Strafe für Frauen und sexuelle Minderheiten, die nicht der Norm entsprechen.“

Der Song Un violador en tu camino greift das Motto der chilenischen Polizei in den 1980er-Jahren mit dem Titel Ein Freund auf deinem Weg auf. Die Strophe „Schlaf ruhig, unschuldiges Mädchen, ohne dich um Banditen zu sorgen, denn dein geliebter Carabinero wacht über deine süßen Träume“, entstammt dieser Polizeihymne und ist nun in der feministischen Performance eine ironische Anspielung. In dem Lied von Las Tesis werden unter anderem Richter*innen, Staat und Polizei angeklagt.

„Wir alle haben auf die eine oder andere Art Missbrauch erlebt“

Die 22-jährige Catalina Cabello ging vor ein paar Wochen an einem Freitag mit ihren Freundinnen zum Hauptgebäude ihrer Uni, der Pontificia Universidad Católica de Chile. Dort hatten sich die Studentinnen verabredet, um Un violador en tu camino zu performen. Freitag ist momentan der Tag, an dem es viele Chilen*innen auf die Straße treibt, um soziale Gerechtigkeit zu fordern. Noch heute beschreibt Catalina diesen einen Freitag als einen der schönsten Tage ihres Lebens. Es gab einen Moment während des Tanzes, da habe sie beinahe weinen müssen: „Wir alle haben auf die eine oder andere Art Missbrauch erlebt. Sich hinzustellen und genau das zum ersten Mal laut auszusprechen, ja richtig zu schreien, das ist ein unglaubliches Gefühl.“

„Es war nicht meine Schuld, egal, wo ich war oder was ich trug. Das Patriarchat ist ein Richter, der uns für unsere Geburt verurteilt.“ Es sind Sätze wie diese, die Catalina und viele andere bei den Performances singen. Gerade, als sie an jenem Freitag fertig waren, stießen Catalina und ihre Freundinnen auf eine Gruppe von Frauen in roten Sturmhauben, das Markenzeichen der feministischen russischen Band Pussy Riot. Sie schlossen sich ihnen an und folgten ihnen zum Centro Gabriela Mistral, einem kulturellen Zentrum in der Nähe, um ein weiteres Mal zu tanzen.

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Manche feministischen Gruppen in Santiago tragen rote Sturmhauben bei ihren Protesten. Foto: privat

Es ist nicht erst der feministische Tanz, der Catalina auf die Straße treibt. Es ist auch nicht das erste Mal, dass sie vor dem Hauptgebäude ihrer Uni protestiert. Als 2018 die feministische Bewegung in Chile und Lateinamerika neuen Aufwind bekam, besetzte sie mit anderen Studentinnen sogar das Gebäude der Pontificia Universidad Católica de Chile. Auslöser der Proteste war unter anderem ein Fall in Spanien, bei dem fünf Männer eine 18-Jährige während des Stiertreibens in Pamplona mehrfach vergewaltigten. Das Landgericht in Navarra entschied 2018 zunächst auf sexuellen Missbrauch und neun Jahre Haft für die Angeklagten, was zu Massenprotesten und Debatten über das spanische Sexualstrafrecht führte. 2019 verschärfte das Oberste Gericht das Urteil und verurteilte die Täter zu 15 Jahren Haft – diesmal für Vergewaltigung.

Es war nicht meine Schuld, egal, wo ich war oder was ich trug.

Auch an Catalinas und weiteren chilenischen Unis wurden damals mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigung bekannt. Die Verantwortlichen wurden oft nur milde bestraft. „Für uns war in dem Moment klar: Es reicht. Sie bringen uns um, sie vergewaltigen uns, und das überall auf der Welt. Wir müssen etwas tun“, sagt die 22-Jährige. Die Gebäude der Uni zu besetzen, war für viele Studentinnen der logische Schritt, um Gerechtigkeit zu fordern. „Die Católica ist für uns ein Symbol des konservativen Chiles.“

2018 in Lateinamerika: Mehr als neun Femizide pro Tag

In Lateinamerika ist der Kampf für Feminismus schon lange laut und präsent. 2015 organisierte sich in Argentinien die Protestbewegung Ni Una Menos („Nicht eine weniger“), die von dort aus auf Chile und viele weitere Länder des amerikanischen Kontinents überschwappte. Die Bewegung setzt sich vor allem gegen geschlechterspezifische Gewalt, Machismo und Femizide ein. Mindestens 3.529 Frauen sind 2018 in Lateinamerika von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet worden. Im Schnitt sind das mehr als neun Frauen pro Tag. Zum Vergleich: In Deutschland gab es laut Bundeskriminalamt im selben Jahr 122 Femizide. Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem, das aber in vielen Ländern Lateinamerikas besonders stark zutage tritt.

Wer sind diejenigen, die am meisten unter unserem Bildungs-, Renten- und Gesundheitssystem leiden? Wie so oft: Frauen.

Studentin Catalina

Mit Un violador en tu camino verändert sich die feministische Bewegung, glaubt Studentin Catalina. Für sie ist es auch kein Zufall, dass das gerade jetzt passiert, wo durch die soziale Krise in Chile ohnehin viele auf die Straße gehen. „Das geht doch alles Hand in Hand. Wer sind diejenigen, die am meisten unter unserem Bildungs-, Renten- und Gesundheitssystem leiden? Wie so oft: Frauen.“ 2018, sagt die junge Chilenin, wurde die feministische Bewegung oft noch belächelt, als eine „Bewegung von lauten Mädchen“. Jetzt ist sie zu einer Bewegung aller Frauen geworden.

„Egal, wie alt wir sind, wer wir sind oder was wir machen: Wir tragen dieselbe Angst, denselben Schmerz und dieselbe Wut in uns. Aber auch die Fähigkeit, uns zu organisieren“, sagt Catalina. „2018 ging schon eine Art Ruck durch die Gesellschaft. Aber wirklich mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und zu sagen ‚Der Vergewaltiger bist du‘ – das ist neu. Es ist ein Zeichen, das stärker ist als jede Debatte.“ Und es hat einen Dialog angestoßen. Betroffene berichten im Internet mithilfe von Textzeilen aus Un violador en tu camino von sexuellem Missbrauch und Übergriffen. Catalina spürt die Veränderung auch im Alltag: „Ich arbeite nebenbei in einem Supermarkt. Meine Kolleg*innen reden plötzlich darüber, unsere Kund*innen reden darüber – das gab es so die letzten Jahre noch nicht.“ Und: Auch männliche Bekannte von Catalina sprechen über das Thema und hinterfragen ihr Handeln.

Eine Performance in Santiago mit englischen Untertiteln:

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