Deshalb bin ich froh, dass ich als Mädchen in einem Fußballverein war

Unsere Autorin stand mit fünf Jahren zum ersten Mal auf dem Fußballplatz. Heute empfiehlt sie jedem Mädchen dieses Hobby, weil es sie für das Leben gestärkt hat. Ein Kommentar

„Ich kann nur jedem Mädchen empfehlen, Fußball zu spielen", sagt Lorena.

„Ich kann nur jedem Mädchen empfehlen, Fußball zu spielen", sagt Lorena. © privat

Mit fünf Jahren stand ich zum allerersten Mal auf einem Fußballplatz. Im Tor. Um mich herum nur Jungs, die von allen Seiten versuchten, den Ball hinter die Linie zu schießen, die ich beschützen sollte. Geht er rein, sind alle Jungs aus meiner Mannschaft enttäuscht von mir.

An mein erstes Spiel erinnere ich mich nicht. Es gibt aber genug Videos meiner Anfänge im Fußballtrikot. Schaue ich mir diese heute an, habe ich fast ein wenig Mitleid mit mir selbst. Ein Schuss nach dem anderen geht an mir vorbei ins Netz. Meine Hauptbeschäftigung ist es, meinen Mitspielern den Ball zurückzugeben, nachdem er hinter mir im Tor landete.

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Lorena in ihrer Kindheit © privat

„Ist das da wirklich ein Mädchen im Tor?“

Woran ich mich allerdings sehr gut erinnere, sind die Sprüche der Gegner: „Ist da wirklich ein Mädchen im Tor? Dann gewinnen wir ja locker.“ Unzählige Male habe ich diesen Satz gehört. Oft wurde ich auch direkt gefragt, ob ich wirklich ein Mädchen sei. Für mich völlig unverständlich – ich hatte doch lange Haare. Für die anderen war das offenbar eine völlig legitime Frage: Mädchen hatten ihrer Meinung nach selbst Anfang des 21. Jahrhunderts noch nichts auf dem Platz zu suchen.

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Heute würde man wohl sagen, ich wurde genderneutral erzogen. Ich spielte sowohl Fußball als auch mit Puppen. Meine Lieblingsfarben waren Rosa wie meine Babyborn und Grün wie der Fußballplatz. Einmal ging ich an Fasching als Torwart, im nächsten Jahr als Prinzessin mit Krone. Damals ahnte ich nicht im Geringsten, dass ich 20 Jahre später so dankbar sein würde, dass ich 15 Jahre in einem Fußballverein verbracht habe.

Nachweislich mehr Selbstvertrauen

Ich kann nur jedem Mädchen empfehlen, Fußball zu spielen. Es hilft einem im Leben – das ist wissenschaftlich untermauert. Der europäische Fußballverband Uefa hat 2017 eine Studie (pdf) veröffentlicht, für die über 4.000 Mädchen aus sechs verschiedenen Ländern befragt wurden. Die Untersuchung wurde in Kooperation mit der Universität Birmingham durchgeführt und ist die größte ihrer Art. Ziel war es, herauszufinden, welche Auswirkungen der Fußball auf den psychologischen und emotionalen Zustand junger Frauen hat.

Das Ergebnis: Mädchen, die Fußball spielen, haben ungeachtet ihres Wohnortes oder ihres Spielniveaus mehr Selbstvertrauen als Mädchen, die keinen Sport treiben oder Mädchen, die eine andere Sportart betreiben. Außerdem sagte mehr als die Hälfte der Mädchen: „Ich mache mir weniger Gedanken darüber, was andere von mir denken, seit ich Fußball spiele.“

Hätte ich als Teenagerin an dieser Befragung teilgenommen, wäre meine Antwort identisch gewesen. Es ging schnell, dass mich die Sprüche auf dem Platz nicht mehr störten und es mir egal war, was die Jungs auf dem Spielfeld und die Mädchen in der Schule von mir dachten. Wie Tausenden anderer Mädchen hat Fußball auch mich selbstbewusster gemacht. Sowohl auf dem Platz, als auch abseits davon.

Skeptische Blicke ernte nur ich – nicht von den Spielern, sondern von deren Vätern

Zeitbedingt endet meine aktive Karriere mit 20 und ich stehe seither nur noch in den Semesterferien als Trainerin auf dem Platz. Die Kinder bei den Fußballcamps spiegeln den deutschen Durchschnitt wider. Unter 40 bis 60 Kindern sind meistens nur ein oder zwei Mädchen dabei. Es sieht allerdings nur auf den ersten Blick danach aus, als hätte sich nichts geändert, seit ich als kleines Mädchen auf dem Platz stand. Die Spielerinnen sind zwar nach wie vor in der Unterzahl, dumme Sprüche von den Jungs gibt es aber nur noch äußerst selten. Skeptische Blicke ernte nur ich. Nicht von den Spielern, sondern hauptsächlich von deren Vätern. Für mich ein klares Indiz dafür, in welcher Generation das Problem liegt.

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Dass Frauen und Fußball immer wieder Skepsis oder Überraschung auslösen, merke ich noch heute. In meinem Lebenslauf stehen, wie ich finde, einige Interessante Dinge. Ganz am Ende, in einem halben Satz, erwähne ich die Fußballtrainerinnen-Tätigkeit. Anstatt über meine Auslandsaufenthalte oder relevante Praxiserfahrung zu sprechen, kommt eine Frage im Bewerbungsgespräch immer zuerst: „Du spielst Fußball?“ Zugegeben: Die meisten meiner Jobinterviews hatte ich bisher mit männlichen Vorgesetzen.

Floskeln wie Teamfähigkeit fallen in den Gesprächen jedoch nie. Vielmehr erzähle ich auf welcher Position und in welcher Liga ich gespielt habe oder was mein Lieblingsverein ist. Auch wenn es meist Banalitäten waren, die ausgetauscht wurden. Steife Jobinterviews wurden dank des Fußballs oft auf eine andere, persönlichere Ebene gehoben. Was mir zugute kam, sagt wahrscheinlich einiges über die männlichen Führungsriegen in Unternehmen aus. Aber das ist ein anderes Thema.

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Lorena in ihrem Fußballverein © privat

Mut, der sich auszahlt

Auch privat bin ich dankbar, dass ich so viel Zeit auf dem Fußballplatz mit so vielen unterschiedlichen Kindern verbracht habe. Ich bin recht behütet aufgewachsen. Beim Fußball kam ich zum ersten Mal aus der Wohlstandsblase raus. Ich kam mit vielen unterschiedlichen Kulturen, Charakteren und Nationalitäten in Berührung. Sich als Mädchen hier durchzusetzen erfordert Mut, der sich allerdings noch lange auszahlt.

In wenigen Tagen startet die Fußball Weltmeisterschaft der Männer in Russland. Ich hoffe, dass Hummels und Co nicht nur ein „uhh, der ist so heiß“ bei den jungen Frauen auslösen, sondern vor allem Mädchen dazu bringen, sich selbst die Fußballschuhe zu schnüren. Es zahlt sich aus.