Deshalb bringt Egoismus im Job niemanden weiter

Wer Karriere machen will, braucht harte Ellenbogen. Oder? Eine Untersuchung zeigt: Egoismus im Job führt nicht zu schnellerem Aufstieg, hat dafür aber andere Nebenwirkungen.

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Arbeitet zusammen. Foto: Ketut Subiyanto / Pexels | CC0

Sich in der Gemeinschaftsküche seelenruhig den letzten Kaffee eingießen und ganz selbstverständlich keinen neuen aufsetzen – das ist nur ein winziges Anzeichen für ein viel tiefergehenderes, größeres Problem: Egoismus im Job.

Der zeigt sich im Arbeitsalltag unter anderem an Kolleg*innen und Vorgesetzten, die andere ausbeuten und deren Ideen als ihre eigenen verkaufen, die ihr Umfeld manipulieren und einschüchtern, die sich permanent profilieren und um jeden Preis ihren eigenen beruflichen Aufstieg gnadenlos vorantreiben.

Doch auch wenn beinhartes Durchsetzungsvermögen und eine Prise Rücksichtslosigkeit in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem als erstrebenswerte Eigenschaften gelten – unsympathische, egoistische Menschen machen mitnichten schneller Karriere als nette Kolleg*innen. Stattdessen werden sie unbeliebt und isoliert; das besagt jedenfalls eine US-Studie.

Aber wenn Egoismus im Job als Karrierestrategie niemanden weiterbringt, warum verhalten sich dann manche Menschen im beruflichen Kontext trotzdem wie die Axt im Walde und sind vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht?

Egoist*innen machen Karriere – aber nicht schneller

Für ihre Untersuchung haben sich Forscher*innen der Berkeley Haas School of Business an der University of California zum einen die Persönlichkeitsprofile ehemaliger Studierender angeschaut und sie mit zehn Jahren Abstand noch mal befragt – vor allem in Hinblick auf ihre berufliche Position, Status und Macht sowie die Unternehmenskultur. Zusätzlich haben die Wissenschaftler*innen aber auch deren Kolleg*innen um eine Einschätzung in Sachen Verhalten und Status gebeten.

Ergebnis: Diejenigen, die unsoziale, aggressive und egoistische Persönlichkeitszüge zeigen und sich am Arbeitsplatz entsprechend verhalten, sind in ihren Karrieren nicht schneller oder weiter vorangekommen als großzügige und nette Menschen. Dafür zahlten sie für ihren Egoismus im Job jedoch mit ziemlich schlechten persönlichen Beziehungen. Anders gesagt: Niemand mag Egoist*innen.

„Unabhängig von der Person oder dem Kontext hat Unfreundlichkeit den Menschen im Wettbewerb um Macht keinen Vorteil verschafft – auch nicht in einer Organisationskultur, die von Halsabschneiderei-Kultur geprägt ist“, fasst Studienautor Professor Cameron Anderson die Ergebnisse laut Uni-Website zusammen.

Warum verhalten sich Menschen im Job egoistisch?

Das wirft natürlich die Frage auf, weshalb sich manche Menschen dann trotzdem wie die letzten Fieslinge verhalten und gar garstigen Egoismus im Job an den Tag legen.

„Weil sie glauben, dass sich damit alles erreichen lässt, dass man Ziele durchdrücken kann und Aufgaben, die man nicht mag, los wird. Und dass man nur so die Hierarchiestufen hochklettert“, erklärt die Berliner Karriereberaterin und Coachin Petra Barsch. „Leider wird das aus Chefetagen auch immer noch vorgelebt. Boss wird, wer sich narzisstisch, psychopathisch oder manipulativ verhält.“

Egoismus im Job äußert sich, von der Sache mit dem letzten Kaffee mal abgesehen, in verschiedenen Verhaltensweisen.

„Da gibt es viele, die teilweise nicht so gut zu erkennen sind“, sagt Petra Barsch, „zum Beispiel loben. Jemand, der oder die oft gelobt wird, kann schwerer Nein sagen – damit wird die Gutmütigkeit der Menschen ausgenutzt“.

Nette Menschen an der Macht sorgen für bessere Ergebnisse.

Petra Barsch, Karriereberaterin und Coachin

Aber auch anderen ein schlechtes Gewissen machen, Mitleid erzeugen und jammern gehöre laut Petra Barsch zu manipulativ-egoistischem Verhalten im Job: „Das bringt Menschen dazu, ihre Unterstützung anzubieten und zu helfen.“

Eine weitere Variante ist laut Karriereberaterin die Verdrehung von Tatsachen: „Die Schuld auf andere schieben und Dinge sagen wie ,Ich könnte viel weiter sein, wenn ich nicht immer die Unfähigkeit der anderen ausbügeln müsste‘.“ Das basiere auf einer Arroganz, die sich für unfehlbar halte. Der eigene Blick auf die Welt ist dabei der einzig richtige, die eigenen Bedürfnisse und Ziele sind die einzig wichtigen. Und der*diejenige sei bereit, mit allen Mitteln für diese Bedürfnisse und Ziele zu kämpfen.

Dann ist da natürlich noch die Sache mit der vor allem bei Chef*innen beliebten Verbreitung von Angst und Schrecken. „Dazu gehört zum Beispiel, wenn Vorgesetzte zu Angestellten Dinge sagen wie ,Das ist bis morgen fertig, sonst gibt’s die Kündigung!‘ Dass kündigen nicht so schnell funktioniert, wissen die meisten im normalen Denkmodus“, erläutert Petra Barsch. „Doch je mehr Angst jemand hat, desto mehr wird das logische Denken gelähmt. Und wenn die Angst vor Arbeitsplatzverlust ins Spiel kommt, lassen sich Menschen auf diese Weise zu sehr viel Einsatz und Überstunden bewegen.“

Dass derart manipulative Egoist*innen die Abneigung der restlichen Belegschaft auf sich ziehen und niemand mit ihnen Feierabendbier trinken will – wen wundert’s. „Menschen spüren irgendwann, dass sie manipuliert werden und wenden sich ab“, so Petra Barsch.

Das sind die Folgen von Egoismus im Job

Ein vergiftetes Betriebsklima und Einsamkeit an der relativen Spitze sind allerdings nur ein Teil der Konsequenzen von Egoist*innen am Arbeitsplatz; laut Professor Anderson können solche Menschen dem Unternehmen ernsthaften Schaden zufügen.

Das meint auch Petra Barsch: „Für Unternehmen kann eine Folge sein, dass manipulative und egoistische Menschen in Positionen gelangen, in denen sie durch einsame Fehlentscheidungen Schaden anrichten können.“

Doch die Auswirkungen von Egoismus im Job sind vielfältig und erstrecken sich auf verschiedene Bereiche. „Die Fluktuations- und Krankheitsquoten steigen, was zu Überbelastung der Belegschaft führt“, sagt Petra Barsch. „Die Arbeitslust nimmt ab, damit auch die Leistung der Mitarbeitenden.“

Deshalb ist es wichtig, dass eben nicht reine Fachkompetenz und vermeintlich erstrebenswertes Durchsetzungsvermögen sowie persönliche Brillanz über eine Beförderung entscheiden, sondern eben auch andere Faktoren. „Mein Rat an Entscheidende wäre, Freundlichkeit als eine wichtige Qualifikation für Macht- und Führungspositionen zu sehen“, so Professor Anderson. „Frühere Forschung ist da auch sehr eindeutig: Nette Menschen an der Macht sorgen für bessere Ergebnisse.“

Es geht auch anders

Statt das Arbeitsumfeld als Haifischbecken zu betrachten und sich dem beruflichen Sozialdarwinismus und Egoismus im Job hinzugeben, könnten echte Zusammenarbeit und gegenseitige Wertschätzung wesentlich sinnvoller sein.

„Gemeinsame Arbeit an einem Produkt, Aufgaben und Rollen untereinander aufteilen, Absprachen, Regeln, Fristen, Zuständigkeiten und Aufgabenbereiche gemeinsam festlegen“, rät Petra Barsch. All das führe zu einem gesunden Arbeitsklima, weniger Fluktuation und Krankheit und stattdessen zu Innovation und Kreativität, steigender Produktivität, erhöhter Problemlösungsfähigkeit, Talentbindung sowie Verbundenheit mit dem Unternehmen, der Aufgabe und den Kolleg*innen. Egoismus im Job bringt wirklich niemanden weiter.

Diejenigen, die laut den US-Wissenschaftler*innen beruflich am besten vorangekommen sind, waren übrigens extrovertierte, soziale, energiegeladene und selbstbewusste Menschen. Kurz: die Netten.