Deshalb funktioniert „Mach dich rar“ in der Liebe

Wer in der Liebe begehrenswert wirken will, kommt mit Verknappung am weitesten. Laut Forschung ist an „Mach dich rar und du bist der Star“ wirklich was dran.

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"Besonders in der ersten Kennenlernphase ist Sich-Rar-Machen wichtig, um positive Spannung aufzubauen und gegenseitiges Interesse aufrecht zu erhalten." Foto: Manu Reyes / photocase.de

„Willst du was gelten, dann mache dich selten“ – das hat meine Omi gern mal mit einem Augenzwinkern irgendwo zwischen weise und liebevoll gesagt, wenn ich ihr zu ihren Lebzeiten mit Liebeskummer die Ohren vollgeheult habe. Ich habe Sprüche wie diesen immer für haarsträubende Plattitüden gehalten – und ehrlicherweise auch nie gewusst, wie das eigentlich gehen soll.

Doch die Wissenschaft gibt meiner Omi inzwischen Recht: „Mach dich rar und du bist der Star“ funktioniert tatsächlich. Und das liegt vor allem an Konkurrenz und Verknappung.

Andere Optionen machen sexy

Ein Team der University of Rochester und einer unabhängigen Universität im israelischen Herzliya hat sich für eine Studie das mit der Beliebtheit und dem Begehren sowohl online als auch analog angeschaut. Um herauszufinden, inwieweit „Mach dich rar und du bist der Star“ als Flirt-Taktik funktioniert oder auch nicht, haben die Forscher*innen drei miteinander zusammenhängende Untersuchungen durchgeführt und so verschiedene Strategien getestet.

Ergebnis: Denjenigen, die sich in der Kontakt- und Flirtanbahnung rar machten, wirkten auf die anderen Testpersonen attraktiver und begehrenswerter. Das hinge laut der Wissenschaftler*innen mit dem zugeschriebenen Partner*innenwert zusammen. Wer den Anschein erweckt, als hätte er*sie noch andere Optionen, ist offenbar schon anderweitig für besonders gut befunden worden – also muss ja was dran sein. Und: Sie könnten sich ja jederzeit anders entscheiden. In der Folge wurden diejenigen stärker umworben.

Wenn es etwas gibt, das jeden Flirt sofort zerstört, dann ist es die Ausstrahlung von Bedürftigkeit. Bedürftig bedeutet, nicht auf Augenhöhe zu sein.

Flirtcoachin Julia Mattes

Konkurrenz und Verknappung beleben also eindeutig das Flirtgeschäft. Und das bedeutet: „Mach dich rar und du bist der Star“ funktioniert.

Darum funktioniert „Mach dich rar“

Die Berliner Flirtcoachin und Kommunikationstrainerin Julia Mattes erklärt mir, woran das liegt: „Wenn es etwas gibt, das jeden Flirt sofort zerstört, dann ist es die Ausstrahlung von Bedürftigkeit. Besonders in der ersten Kennenlernphase ist das ’sich rar machen‘ wichtig, um positive Spannung aufzubauen und gegenseitiges Interesse aufrecht zu erhalten.“

Julia Mattes erläutert das am Beispiel von Onlinedating: „Wenn man in den ersten Nachrichten besonders viel von sich schreibt, direkt und sofort antwortet, kann das auf den oder die andere bedürftig wirken. Bedürftig bedeutet, nicht auf Augenhöhe zu sein.“ Und genau diesen ersten Eindruck gelte es zu vermeiden. Denn wer sich vermeintlich nicht auf Augenhöhe bewegt und von Anfang an zu fest zugreift, mit dem*der könnte nach dem Paarungs-Interesse-Prinzip was nicht stimmig sein.

Doch bei dem ganzen „Mach dich rar“-Spielchen sei laut Flirtcoachin die richtige Balance entscheidend. Denn wer sich zu sehr entzieht und dann komplett desinteressiert wirkt, riskiert damit, potenzielle Partner*innen gänzlich vom Haken zu lassen. Teuflisch.

„Hier sollte man die sogenannte Spiegeltechnik anwenden“, rät Julia Mattes. „Das heißt: In der gleichen Zeit antworten, wie es der oder die andere macht.“ Lässt der*die Flirtpartner*in sich Zeit, lässt man sich selbst genau so viel Zeit. Schreibt er*sie schnell zurück, schreibt man auch schnell zurück. So werde Balance hergestellt.

In der gleichen Zeit antworten, wie es der oder die andere macht.

Flirtcoachin Julia Mattes

Verlustangst vs. Verknappungsstrategie

Doch dieses ganze „Mach dich rar“-Gedöns klingt in der Theorie wesentlich einfacher, als es in der Praxis funktioniert. Es ist nämlich das eine, sich für eine wissenschaftliche Studie stringent nach einer bestimmten Strategie zu verhalten; es ist eine komplett andere Sache, das auch im Vollrausch der Hormone durchzuziehen, wenn das Herz das Kommando übernommen hat und überall beschwipste Schmetterlinge flattern.

Das ist aber total natürlich und normal. „Wenn man verliebt ist, dann möchte man viel Zeit miteinander verbringen, man möchte dem oder der anderen nahe sein“, weiß auch Julia Mattes. „Man möchte sich kennenlernen und herausfinden, ob man zueinander passt.“

Ungünstigerweise kann jedoch die Verlustangst ins strategisch noch so ausgebuffte Spiel kommen, wenn der*die andere nicht so schnell antwortet, wie man es erwartet oder sich wünscht. Genau diese Angst gehört dann ordentlich weggeatmet, damit das „Mach dich selten“ funktionieren kann. Zumindest am Anfang.

„In der allerersten Kennenlernphase ist es wichtig, sich auch mal rar zu machen, um zu signalisieren ‚Ich habe auch noch ein Leben, ich bin beschäftigt, ich bin bei anderen beliebt.‘ Das macht attraktiv“, sagt Julia Mattes und bestätigt mit ihrer praktischen Erfahrung das, was die Wissenschaftler*innen auch in ihrer Untersuchung herausgearbeitet haben.

Es sei jedoch wichtig, dieses künstliche Verknappungs-Gebaren wieder abzustellen, wenn aus dem Flirt irgendwann etwas Festeres geworden ist. In einer Beziehung könne „Mach dich rar und du bist der Star“ laut Julia Mattes nämlich tatsächlich kontraproduktiv sein. Vor allem dann, wenn erste Problemchen und Konflikte auftreten. Da sind Rückzug und gespielte Gleichgültigkeit nämlich keine sonderlich konstruktive Strategie, ganz im Gegenteil.

In der allerersten Kennenlernphase ist es wichtig, sich auch mal rar zu machen, um zu signalisieren ‚Ich habe auch noch ein Leben, ich bin beschäftigt, ich bin bei anderen beliebt.‘ Das macht attraktiv.

Flirtcoachin Julia Mattes

Liebe als Markt?

Ob und inwieweit „Mach dich rar“ bei der Beziehungsanbahnung erfolgreich zum Einsatz kommt, ist letztlich zu einem nicht unerheblichen Teil eine Typfrage. Es gibt eben Menschen, denen das Zügeln und Kontrollieren ihrer Gefühle, Begierden und Impulse leichter fällt als anderen. Mir ist das zu manipulativ, ich finde Liebe als marktorientiertes Unterfangen unromantisch. Wenn beide es wollen und bereit sind, dann wird es sich schon ergeben. Und wenn nicht, dann eben nicht. Omi hatte da nämlich noch einen Spruch auf Lager: „Es kommt eh zusammen, was zusammengehört.“ Tja, was soll ich sagen? Meine Omi war eben eine schlaue Frau.

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