Dessau: Warum der Auftritt von Feine Sahne Fischfilet so wichtig für die Stadt ist

Die Aufmerksamkeit durch die linke Punkband, das ZDF und Begleitproteste ist wichtig für Dessau. Wie ze.tt-Recherchen zeigen, hat die Stadt ein gewaltiges Neonazi-Problem. Ein Kommentar

Jan "Monchi" Gorkow, Sänger von Feine Sahne Fischfilet auf dem Hurricane Festival 2018. Foto: © Christian Dittrich / dpa

Obwohl es kurzzeitig anders aussah: Feine Sahne Fischfilet wird in Dessau-Roßlau spielen. Das Brauhaus stellt am 6. November eine Bühne zur Verfügung, begleitend sind mehrere Proteste gegen Rechts angekündigt, das ZDF wird aufzeichnen. Es wird demnach eine Menge los sein in der Stadt.

Womöglich hat die anfängliche Absage des Dessauer Bauhauses an die linke Punkband am Ende doch etwas Gutes bewirkt: Das beispiellose Kuschen des Museums vor Rechten, die gegen das Konzert trommelten, brachte und bringt der Stadt Aufmerksamkeit. Diese zunächst negative Aufmerksamkeit bewirkt jetzt, dass Menschen verstärkt gegen Rechts protestieren. Das hat Dessau bitter nötig. Recherchen zeigen, wie stark die rechtsextremen Strukturen in der Stadt in Sachsen-Anhalt sind.

Die rechtsextreme Szene in Dessau ist besonders aktiv

Auch wenn die Stadtverwaltung sich das nicht eingestehen möchte und es gerne beiseite wischt, wissen viele Dessau-Roßlauer*innen schon längst: Die Stadt hat ein Neonazi-Problem. Und kein kleines: In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Neonazi-Angriffen, jüngst etwa auf die Initiative Buntes Roßlau und deren Initiator*innen, die sich etwa für Geflüchtete einsetzen.

Flaschen-, Böller- und Steinwürfe, eingetretene Türen von Privathaushalten, Angriffe auf Kinderfeste oder Gedenkaktionen, blutige Schuhe und Plastikäxte vor Kneipen oder dem Haus der Initiative, ja sogar Bekennungsschreiben der sogenannten Identitären Bewegung, einer rechtsextremen Gruppe, gibt es. Der Staatsschutz ermittelt längst, Teile der Initiative müssen durch die örtliche Polizei besonders geschützt werden und leben in Angst.

Das rechtsextremistische Personenpotenzial in der Stadt wird auf etwa 150 Personen geschätzt.

Verfassungsschutzbehörde, Sachsen-Anhalt

Am Ende aber will nie jemand etwas gewusst haben im Rathaus und bei der Polizeiführung. Dabei liegen Belege für rechtsextreme Bestrebungen auf der Hand: Neonazi-Schlüsselfiguren aus der Region wie etwa Alexander Weinert, der sich sogar schon einmal zur Bürgermeisterwahl stellte, initiiert Veranstaltungen für Neonazis, Infoabende, Plenardiskussionen, Rechtsrockkonzerte. Weinert tauchte bereits in Verfassungsschutzberichten auf.

Wie eine simple YouTube-Recherche zeigt, sprechen Neonazis regelmäßig in Dessau, darunter extrem rechte Kader wie Dieter Riefling, der als einer der führenden Köpfe in der deutschen Neonazi-Szene gilt.

Der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt bestätigt eine hohe Aktivität der Rechtsextremen in Dessau-Roßlau gegenüber ze.tt. Sie seien bundesweit „gut vernetzt“, reagierten auf „tagesaktuelle politische Themen“, initiierten „öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen“ und würden auch „andernorts an Szeneveranstaltungen“ teilnehmen – etwa in Chemnitz und in Köthen, das nur 20 Kilometer entfernt liegt. Im vergangenen Jahr gab es in Dessau vier Demonstrationen, die von Rechtsextremen initiiert wurden.

Das rechtsextremistische Personenpotenzial in Dessau wird vom Verfassungsschutz derzeit auf etwa 150 Personen geschätzt. Sie stammen aus NPD-Kreisen, aber auch aus der Neonazi-Szene. Das ist für eine Stadt mit gerade einmal 80.000 Einwohner*innen eine Menge. Es ist zudem eine Mindestzahl: Deren Familien, Freundeskreise, von denen einige mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls eine rechte bis rechtsextreme Einstellung vertreten, sind in der Zahl noch nicht berücksichtigt.

Der Fußballverein ASG Vorwärts Dessau wurde bis Ende 2016 von Rene Diedering geleitet, der seit Jahren regelmäßig neben Weinert öffentlich an rechtsextremen Veranstaltungen teilnimmt – unter anderem einer vor dem Dessauer Bauhaus 2017, wie Fotos zeigen. Der Verein trennte sich aus diesen Gründen von Diedering.

Es soll laut einer örtlichen Antifa-Gruppe auf einem abgelegenen Grundstück nahe der Elbe zudem einen von Neonazis betriebenen Jugend-Wassersportverein geben, der den Nachwuchs rekrutiere, radikalisiere und zu Angriffen wie den oben erwähnten anstifte.

Dessau braucht ein starkes Engagement gegen Rechts

Die rechtsextreme Szene nutzt die Stadt sowie die Region regelmäßig als Bühne für ihre menschen- und verfassungsfeindlichen Ideologien – und diese münden ebenso regelmäßig in Gewalt. Es ist daher wichtig, dass furchtlose Gegenstimmen laut werden. Zum Beispiel solche wie die von Feine Sahne Fischfilet, die sich seit Jahren insbesondere im ländlichen Raum gegen Rechts einsetzen und den Menschen dort zeigen: Wenn ihr den Mund aufmachen wollt, seid ihr nicht allein, wir helfen euch.

Die rechtsextreme Szene in Dessau-Roßlau ist mit oder ohne einen Aufritt der linken Band aktiv – aber durch den Auftritt werden viele Menschen mobilisiert, die sich sonst womöglich nicht auf die Straße getraut hätten. Die Stadt braucht breite Aufmerksamkeit durch die Öffentlichkeit, denn sie ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn rechtsextreme Strukturen zu lange wachsen dürfen. Für kommende Woche sind große Proteste gegen Rechts in Dessau angekündigt.

Es bleibt zu hoffen, dass besonders viele Menschen diesem Ruf folgen werden, ein Zeichen für Dessau setzen und den Neonazis in der Region, wenn auch nur für einen Abend, bedeuten: Wir wissen, dass ihr da seid – und wir geben erst dann Ruhe, wenn ihr weg seid.

Richtigstellung, 3. November, 19.45:

In einer vorherigen Version des Textes hieß es, Rene Diedering habe den Verein ASG Vorwärts Dessau bis Ende 2017 geleitet. Das ist so nicht korrekt: Diedering war bis Ende 2016 für den Verein tätig, der sich von ihm trennte, weil er sich von rechter Gesinnung distanzieren möchte. Der Text wurde dementsprechend aktualisiert.