Dexter, Max Herre und Konstantin Sibold: So klingt der Sommer in Stuttgart

Der Kessel kann mehr als Rap. Wir haben die spannendste Musik aus oder über Stuttgart in eine Playlist gepackt.

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Wer durch dieses Tor schreitet, betritt eine der Hip-Hop-Hochburgen Deutschlands. Foto: Sara Kurfeß / Unsplash

Mit Stuttgart verbinden viele Außenstehende vor allem dicke Luft in der chronisch verstopften Innenstadt und ein riesiges Loch im Stadtzentrum, in dem irgendwann mal Züge durch einen neuen Bahnhof rollen sollen. Doch abseits dieser Querelen bietet die Baden-Württembergische Landeshauptstadt viele Rückzugsorte, an denen sich der Sommer genießen lässt.

Sommer in Stuttgart bedeutet: Abhängen am Max-Eyth-See, die ein oder andere Halbe am Palast trinken oder auf einem der zahlreichen Sommerfeste dem spannenden neuen Sound zu lauschen, den die Stadt zu bieten hat. Denn auch wenn eine Auswertung des Nutzer*innenverhaltens des Musikstreamingdienstes Spotify jüngst ergeben hat, dass in Stuttgart überwiegend Hip-Hop gestreamt wird, brodelt im Kessel – wie Stuttgart aufgrund der Tallage auch genannt wird – nicht nur der Rap.

Während der*die Stuttgarter*in dank Bands wie den Fantastischen Vier, den Massiven Tönen oder Freundeskreis Mitte der 1990er-Jahre das Kopfnicken erlernte, bildete sich in den darauffolgenden Jahren eine vielfältige Musikszene. 2011 war es Cro, der ganz easy Stuttgart wieder auf die musikalische Landkarte Deutschlands setzte. 2017 kamen die Rapper RIN und Bausa aus dem benachbarten Bietigheim-Bissingen mit einem ganz anderen Sound groß raus. Heute wird Stuttgart zwar weiter vom Rap dominiert, doch mittlerweile mischen sich in die musikalische Landschaft auch elektronische und akustische Sounds, die zeigen, dass die Stadt am Neckar vielfältiger ist, als es das Klischee des Provinzschwabens zunächst vermuten lässt.

 

 

Dexter: Der rappende Kinderarzt

Felix Göppel alias Dexter kann von allen deutschen Rapper*innen die wohl ungewöhnlichste Vita vorweisen. Obwohl sich der in Heilbronn aufgewachsene Musiker als Produzent in der deutschen Hip-Hop-Szene längst einen Namen gemacht hat, arbeitet er hauptberuflich bis heute in einer Praxis im Stuttgarter Stadtteil Botnang als Kinderarzt. Neben eigenen Releases, unter anderem mit Fatoni, veröffentlichte er im Jahr 2017 mit Haare nice, Socken fly sein erstes Soloalbum. „Der erste Nichtrapper, der wie der beste deutsche Rapper klingt“, wie es in seinem Track Robby Bubble heißt, bildet außerdem gemeinsam mit Suff Daddy und dem Wiener Musikproduzenten Brenk Sinatra die Producer-Supergroup Betty Ford Boys.

Maeckes: Mal solo, mal Orsons

Auch wenn die Eltern von Markus Winter aka Maeckes beide aus Österreich stammen, hat der 36-Jährige als geborener Stuttgarter die Rapgene eines Schwabens im Blut. Zunächst auf Solopfaden lernte er im Rahmen einer Freestyle-Veranstaltung den Rapper Plan B kennen und schloss sich anschließend mit Kaas, Bartek und Tua zur Hip-Hop-Combo Die Orsons zusammen. 2004 erlangte Maeckes größere Bekanntheit, als er gemeinsam mit Plan B das traditionsreiche Stuttgarter Rapfestival HipHop Open moderieren durfte. 2016 erschien mit Tilt sein erstes Soloalbum. Aktuell rappt er wieder gemeinsam mit den Orsons.

Konstantin Sibold: Aus Stuttgart in die Welt

Einer der bekanntesten Musiker ohne größeren Rap-Hintergrund ist zweifelsohne Konstantin Sibold. Mit 22 Jahren war der Techno-DJ im Jahr 2009 der jüngste Resident in der Geschichte des legendären Stuttgarter Clubs Rocker 33. Gemeinsam mit Leif Müller gründete er in dieser Zeit die Partyreihe Common Sense People, mit der es ihm gelang, regelmäßig Genregrößen wie Helena Hauff und DJ Koze nach Stuttgart zu lotsen. Im Jahr 2013 wurde er vom Musikmagazin Groove als Newcomer des Jahres ausgezeichnet. Der endgültige Durchbruch gelang ihm im Jahr 2016, als er mit seinem Release Madeleine bei dem bekannten Label Innervisions seinen Status in der oberen Riege der Produzent*innen bestätigen konnte. Mittlerweile spielt der gebürtige Stuttgarter in den angesagtesten Clubs der Welt

Die Nerven: Möglichst viel Lärm

„Die Devise war, möglichst laut zu sein und möglichst viel Lärm zu machen“, erklärt Bassist Julian Knoth in einem Interview mit dem Musikmagazin WiMP die Anfänge der Punkband Die Nerven. Gemeinsam mit dem Sänger und Gitarristen Max Rieger gründete er die Band 2010 in Stuttgart und brachte damit einen für die Rap-affinen Hörer*innen ungewöhnlichen Sound in die Landeshauptstadt. 2018 erschien ihr Debütalbum Fake, das von der Musikzeitschrift Intro als „das beste deutsche Album des Jahres“ betitelt wurde. Der Mangel an Szenefreiräumen und Proberäumen zwang die Band dazu, aus Stuttgart wegzuziehen. Mittlerweile leben und schaffen sie in Berlin.

RIN: Kein Vorbeikommen

RIN gilt zweifelsohne als einer der Senkrechtstarter der letzten Jahre. Dem bis heute in Stuttgarts Nachbarort Bietigheim-Bissingen lebendem Rapper gelang mit seinem Debütalbum EROS 2017 auf Anhieb der Sprung in die Top 3 der deutschen Albumcharts. Es folgten ausverkaufte Tourneen, schon jetzt legendäre Festivalauftritte und 2017 die 1Live-Krone in der prestigeträchtigen Kategorie Bester Newcomer National, die zuvor Szenegrößen wie MoTrip, Haftbefehl, Farid Bang oder K.I.Z gewonnen haben. Wenn ein neuer Track von RIN veröffentlicht wird, kann man sich fast sicher sein, dass sich dieser bei Spotify, Apple Music und YouTube wochenlang ganz vorn in den Trendcharts halten wird. Kein*e Rapper*in schafft es, den Zeitgeist der aktuellen Jugend so wiederzugeben wie Renato Simunovic aka RIN.

Cro: Pandas gehen immer

Der Mann mit der Pandamaske darf natürlich in keiner Stuttgart-Playlist fehlen. Obwohl Carlo Waibel aka Cro schon lange zu den bekanntesten Musikern Deutschlands gehört, hielt er bis vor Kurzem noch dem vergleichsweise kleinem Stuttgarter Hip-Hop-Label Chimperator die Treue. Aus Mutlangen bei Schwäbisch Gmünd kommend, veröffentlichte er im November 2011 mit Easy einen Song, den Jan Delay als „die Zukunft von Deutschrap“ beschrieb. Cro heute noch als Teeniepop-Phänomen abzutun, würde ihm in keiner Weise gerecht werden. Schließlich kann der King of Raop mittlerweile mit mehr als 4,3 Millionen verkauften Tonträgern, 13 goldenen und 20 Platinschallplatten aufwarten.

Majan: Wundertüte mit Ausblick

Cro war es auch, der von dem in Schorndorf bei Stuttgart geborenen Majan ein Demotape mit der Single 1975 zugeschickt bekam. Die gefiel Cro so sehr, dass er kurzerhand den zweiten Part des Songs einrappte. Während das atmosphärische Instrumental und die sanften Stimmen der beiden Stuttgarter für lockere Sommervibes sorgen, lässt ein Album des jungen Künstlers noch auf sich warten. Seit diesem Mai ist Majan beim Label Four Music unter Vertrag, das 1996 durch Die Fantastischen Vier gegründet wurde und seinen Sitz zunächst in Stuttgart hatte.

Max Herre: Urgestein und Hassliebe

Max Herre kann man mit Fug und Recht als Stuttgarter Urgestein bezeichnen. Gemeinsam mit Don Philippe und DJ Friction repräsentierte er in den 1990er-Jahren den Kern der Stuttgarter Hip-Hop-/Streetculture-Szene. 1992 schloss er sich gemeinsam mit den Mitgliedern der Massiven Töne Jean-Christoph Ritter (Schowi), João dos Santos (Ju) und Wasilios Ntuanoglu (Wasi) zur legendären Kolchose zusammen, die als Künstlergruppe zu ihrer Zeit maßgeblich zum Ruf Stuttgarts als deutsche Hip-Hop-Hauptstadt beigetragen haben. Sein Song 1ste Liebe gilt vielen Stuttgarter*innen nach wie vor als inoffizielle Hymne für ihre Stadt. Darin besingt er seine erste Liebe – und die hieß nun mal Stuttgart, auch wenn das eher eine Hassliebe war. 2002 zog Herre nach Berlin, was damals kurzzeitig für ein mittelschweres Beben in der Stuttgarter Rapszene sorgte. Aktuell steht mit Athen sein mittlerweile fünftes Soloalbum in den Startlöchern.

Motor City Drum Ensemble: Ensemble Solo

Wenn über Stuttgart gesprochen wird, geht es nicht selten um Autos. Schließlich haben mit Daimler und Porsche gleich zwei Autobauer ihren Sitz in der Schwabenmetropole. Für Danilo Plessow alias Motor City Drum Ensemble eine klare Referenz an seine Heimatstadt, wie er in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung erklärt. Der Name sei gleichzeitig aber auch ein Tribut an Detroit, die erste Motor City, deren Musik den Solokünstler beeinflusst hat, von Jazz über Motown hin zu Detroit Techno. Mittlerweile legt er in Clubs und Festivals auf der ganzen Welt auf.

Marz: Liebenswerter Proll

Für den Rapper Marz lief es in den vergangenen Jahren deutlich besser als für seinen Lieblingsverein VfB Stuttgart. Während der Fußballclub jüngst wieder in die Zweitklassigkeit rutschte, machte sich Marz in den vergangenen Jahren mit seiner selbstironischen Art und cleveren Texten schnell in der Untergrund-Rapszene auch über Stuttgarts Talkessel hinaus einen Namen. Nach mehreren Mixtapes erschien im September 2016 sein Debütalbum I Love 2 Hate.

Freundeskreis: Für immer Amikaro

Über Stuttgarts Hügel spreadeten es Freundeskreis 1999 in die Welt: Die Platte Esperanto gilt unter Kritiker*innen bis heute nicht nur als eine der besten je erschienen deutschsprachigen Alben, es ist auch eine Bewegung, die Max Herre, Don Philippe und DJ Friction zu jener Zeit zu Popularität verhalf. Die Message dahinter: Die Gleichgültigkeit der Welt überwinden und Menschen und Kulturen durch ein eigenes Verständnis miteinander verbinden.


Noch mehr Musik aus Stuttgart oder von Stuttgarter*innen findet ihr in unserer Playlist auf Spotify.

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(Lieder, die in den Bierzelten des Cannstatter Wasens gespielt werden, werden es niemals auf diese Liste schaffen.)