Diagnose Tinnitus: Wenn es nicht aufhört, im Kopf zu klingeln

Im Kopf unserer Autorin ist es niemals still. Seit 16 Jahren lebt sie mit einem chronischen Tinnitus. Die Chancen, dass er irgendwann wieder verschwindet, gehen gegen Null. Wie sie gelernt hat, mit dem Klingeln im Kopf zu leben.

Niemals Ruhe. Foto: Edu Grande / Unsplash | CC0

In meinem Kopf pfeift und fiept es. Immer. Angefangen hat alles, als ich mit elf Jahren einen Ohnmachtsanfall hatte. Ein paar Tage nach diesem Vorfall habe ich bemerkt, dass etwas in meinem Kopf nicht stimmt. Wenn es leise war, hatte ich ein kleines Pfeifen im Ohr. Besonders auffällig war das noch nicht. Heute weiß ich, dass sich der Tinnitus so langsam in mein Leben geschlichen hat.

Tinnitus zu definieren ist schwierig. Bei etwa 60 Prozent der Betroffenen lässt sich keine direkte Ursache zuordnen. Bei Tinnitus kann es sich um ein schrilles Pfeifen und Klingeln, aber auch um ein dumpfes Pochen und Klopfen handeln. Grundsätzlich zählt zu Tinnitus jedes Ohrgeräusch, das nicht durch externe Einflüsse hervorgerufen wird. Wie ein Tinnitus ausgelöst wird, ist ebenfalls in den meisten Fällen nicht klar zu bestimmen. Einzelne Faktoren können zu laute Musik, ein Hörsturz oder eine schlechte Durchblutung des Innenohrs sein. Laut der deutschen Tinnitus-Liga e.V., die über Tinnitus und seine Behandlungsmethoden aufklären will, hat etwa jeder Vierte in seinem Leben schon einmal vorübergehend Ohrgeräusche wahrgenommen. Ein Tinnitus, der länger als drei Monate andauert, wird als chronisch eingestuft. Knapp drei Millionen Menschen leiden laut Tinnitus-Liga e.V. in Deutschland an chronischem Tinnitus.

Als würde jemand auf mein Gehirn drücken

Oft verschwindet er wieder. Meiner ist geblieben. Über Jahre hinweg wurde aus dem leisen Ton ein lauter, aus dem einzelnen wurden drei verschiedene. Einer klingt wie ein bremsender Zug, einer wie eine Trillerpfeife und einer wie das schrille Geräusch, das ein Mikrofon macht, wenn es eine Rückkopplung gibt. Diese Geräusche sind immer da, jeden Tag, in jeder Minute. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie es ist, wenn es komplett still ist. Wenn ich in einem ganz leisen Raum bin, fühlt sich das penetrante Pfeifen so an, als würde man mir ganz leicht von links und rechts auf das Gehirn drücken. Es tut nicht weh, aber es stört.

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Das Geräusch hat mich vom Fernsehen abgelenkt, mich in Wartezimmern belästigt und beim Einschlafen fast wahnsinnig gemacht. Ich erinnere mich an Abende, an denen ich nicht ins Bett gehen wollte, weil ich Angst vor dem Lärm in meinem Kopf hatte. Ich hatte Phasen, in denen es so schlimm war, dass ich nur noch weinen konnte und mir am liebsten die Ohren abgerissen hätte. Gebracht hätte das natürlich nichts, weil ein Tinnitus nicht im Ohr entsteht, sondern im Gehirn. Wenn dort – zum Beispiel durch eine Mangeldurchblutung, wie bei meiner Ohnmacht, – weniger Signale ankommen, versucht das Gehirn, die fehlenden Reize selbst auszugleichen und produziert einen Ton.

Keine Aufmerksamkeit schenken

Ich habe nahezu alles versucht. Infusionen, Tabletten, Meditation, Hypnose, Sauerstofftherapie. Ich war im Krankenhaus, bei meinem Hausarzt, bei mehreren Hals-Nasen-Ohren-Ärzt*innen. In meinem Fall hat nichts etwas gebracht und das Klingeln und Pfeifen hat sich irgendwann auf ein konstantes Level eingepegelt. Inzwischen würde ich den Ton auf einer Lautstärke-Skala bis fünf auf einer drei verorten. Ich höre es immer, egal wann und egal wo.

Wenn es allerdings um mich herum etwas lauter ist oder ich mich auf etwas anderes konzentriere, nehme ich den Ton in meinem Kopf für den Moment nicht so intensiv wahr. Lenke ich aber meine Aufmerksamkeit wieder darauf, wird es schlagartig lauter. Das war es auch, was mir mein HNO-Arzt schon vor Jahren geraten hat: „Du musst versuchen, dich auf andere Geräusche zu konzentrieren!“. Klingt leichter gesagt als getan.

Ich musste mich mit dem Geräusch arrangieren

Er war es auch, der mir ein Tinnitus-Hörgerät empfohlen hat. Dieses Gerät erzeugt einen Ton einer anderen Frequenz als der des Tinnitusgeräuschs und drängt es dadurch in den Hintergrund. Da mein Ton ein Pfeifen ist, braucht es bei mir also einen dumpferen Ton. Ich gebe zu, für eine*n Außenstehende*n muss es furchtbar klingen. Wie das Störgeräusch eines Fernsehers. Tatsächlich war ich aber erst mal begeistert von diesem Gerät. Wenn ich es in Betrieb und das leise Rauschen im Ohr hatte, hatte ich endlich das Gefühl, mein Gehirn würde nicht mehr von beiden Seiten punktiert werden. Ich hatte endlich ein bisschen Ruhe. Nach ein paar Monaten musste ich allerdings feststellen, dass der Tinnitus ohne die Ablenkung des Geräts viel lauter war als davor. Von da an lag es nur noch in einer Ecke meines Zimmers.

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Irgendwann, nach fünf oder zehn Jahren, habe ich die Hoffnung aufgegeben. Seitdem habe ich auch keine weiteren Versuche mehr unternommen, das Klingeln im Ohr loszuwerden. Bis dahin war es ein unfassbarer Kampf gegen meinen eigenen Körper, den ich nicht gewinnen konnte. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich ihn vermutlich nicht loswerde. Was bleibt mir also anderes übrig, als ihn einfach zu akzeptieren?

Ich habe gelernt, dass er in bestimmten Situationen lauter wird. Wenn ich zum Beispiel über einen längeren Zeitraum hinweg sehr unter Druck stehe und gestresst bin, dreht mein Kopf am Lautstärkeregler und fährt das Geräusch hoch. Manchmal, wenn ich erschrecke oder viel Adrenalin im Körper habe, fegt durch meinen Kopf schlagartig ein gellender, lauter Pfiff oder ein Quietschen. Ich habe gelernt, den Tinnitus in solchen Situationen als Warnsignal zu deuten. Wird er lauter, weiß ich, dass es Zeit für mich ist, wieder ein bisschen runterzufahren.

Ich kann wieder schlafen

Tinnitus ist eine ernstzunehmende Krankheit. Es gibt Menschen, die sich das Leben nehmen, weil sie den ständigen Lärmpegel nicht aushalten. Bei mir ist es zum Glück noch in einem Rahmen, der mich mein Leben normal bewerkstelligen lässt, auch wenn es nervt. Natürlich würde ich mir wünschen, irgendwann wieder Stille im Kopf zu haben. Mir hat es aber sehr geholfen, den Tinnitus als Teil von mir zu akzeptieren und ihm nach Möglichkeit wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Wer das nicht aus eigener Kraft schafft, kann durch kognitive Verhaltenstherapie lernen, das lästige Geräusch in den Hintergrund zu verdrängen.

Wenn ich ein bisschen Erlösung brauche, suche ich im Internet nach weißem Rauschen oder Regengeräuschen, die helfen bei mir auch. Wenn der Tinnitus wieder sehr präsent ist, habe ich für mich persönlich Wege gefunden, ihn für den Moment ein bisschen auszutricksen. Inzwischen liege ich abends nicht mehr im Bett und bin wütend darüber, dass mein Gehirn einfach nicht ruhig sein kann.


Wer sich nicht vorstellen kann, wie sich die lästigen Ohrgeräusche anhören, kann zum Beispiel auf hear it in verschiedene Beispiele reinhören.