Chris Talls neue Show „Darf er das?“ ist reine Zeitverschwendung

Wir haben die erste Folge von Darf er das? – Die Chris Tall Show gesehen und wollen unsere Lebenszeit zurück.

Chris Talls neue Show "Darf er das?" ist reine Zeitverschwendung

Screenshot: @hashcrap/Twitter

Stell dir vor, du beobachtest folgende Szene. Drei Männer sehen eine junge Frau. Sie setzen sich direkt vor ihre Nase. Die Männer mustern sie, inspizieren mit Blicken ihren Körper. Sie beginnen, sich laut über die Fragen Gedanken zu machen, ob die junge Frau schwanger oder einfach nur fett ist. Würden sich dir als Beobachter*in nicht die Zehennägel aufrollen?

[Außerdem auf ze.tt:Die neue Show „Naked Attraction“ ist die Göttin des Trash-TVs]

Bei RTL wäre dieses Gedankenspiel beinahe zur Realität geworden. Um 23:35 Uhr flimmerte Samstagnacht die erste Folge der neuen RTL-Show Darf er das? – Die Chris Tall Show über die Fernsehschirme. In der insgesamt sechsteiligen Show – RTL nennt sie eine Personalityshow – bricht der Hamburger Komiker Chris Tall „Tabus und spricht Dinge an, die sich sonst keiner traut“, so die offizielle Sendungsbeschreibung.

Dick oder schwanger?

Teil der Sendung ist die Rubrik „Vorurteilsquiz“: Kandidat*innen, die – damit kein Missverständnis entsteht – freiwillig in der Show teilnehmen, stellen sich vor Chris Tall und zwei prominenten Gäste auf ein rotes, sich drehendes Podest. Es folgt das eingangs beschriebene Mustern und Inspizieren von den drei Männern. Zu dritt versuchen Tall und Co nun, die jeweilige Person einer von zwei vorgegebenen Kategorien zuzuordnen. Dick oder schwanger? Hartz IV oder Unternehmer? Hetero oder homo? Silikon-Brüste oder Naturbrüste? So war es zumindest anfangs vorgesehen. Ausschnitte davon wurden bereits einige Tage im Vorfeld der Ausstrahlung veröffentlicht.

Soweit kam es nicht. Zumindest nicht ganz. Nach der Veröffentlichung dieser Fotos braute sich bereits ein teils heftiger Shitstorm im Netz zusammen. Eine Show, die so mit Menschen umgeht, sei unterirdisch, niveaulos, sexistisch, äußerten einige Nutzer*innen. RTL betreibe body shaming und müsse die Show sofort streichen. Am besten noch vor der ersten Ausstrahlung. Auch Ricarda Land, Bundessprecherin der Grünen Jugend, schaltete sich auf Twitter mit einer ähnlichen Meinung ein. In den Niederlanden, aus denen das Showkonzept importiert wurde, läuft die Sendung aus denselben Gründen bereits nicht mehr. Der Fernsehsender NPO3 setzte die Sendung aufgrund von heftigen Zuschauer*innenprotesten nach der ersten Folge wieder ab.

RTL reagierte: „In der Show geht es um den Unsinn von Vorurteilen im Alltag, auf die Chris Tall hinweisen will. Er ist Comedian und spielt damit. Da es nun im Vorfeld schon zu Missverständnissen kommt, werden wir entsprechende Elemente aus der Sendung nehmen. Danke für den Hinweis“, antwortete der TV-Sender auf die Vorwürfe. RTL schnitt also vor der ersten Ausstrahlung die provozierendsten Szenen aus der Show.

„Hartz-IV-Menschen schauen immer so“

Samstagnacht bleiben im Vorurteilsquiz die Fragen „homo oder hetero?“ und „Hartz IV oder Unternehmer?“ übrig. Talls Gäste, Schauspieler Hendrik Duryn und Comedian Markus Krebs, müssen sich nun große Mühe geben und sich als Menschenkenner beweisen.

Erst steht Sebastian auf dem roten Podest und will wissen, ob er eher wie ein Unternehmer oder wie ein Hartz-IV-Empfänger aussieht. Die Promis merken an, dass Hartz-IV-Empfänger*innen ja immer „diesen Blick“ hätten, Sebastian aber sehr selbstbewusst stehe. Ergo: Er muss Unternehmer sein. (Richtige Antwort.) Person zwei ist Tobi. Er kommt für die Kategorie „homo oder hetero?“. Duryn, Krebs und Tall denken nach, besprechen sich. „Der hat Memphis auf dem T-Shit stehen und Memphis steht für Elvis. Der kann also nicht schwul sein“, sagt irgendeiner. „Der hat nicht diesen treuen Blick. Der is 100 Prozent hetero“, sagt irgendein anderer. Das Spiel dauert insgesamt vielleicht sieben Minuten.

[Außerdem auf ze.tt:„Zahltag“ bei RTL: Warum Armut nicht nur eine Frage des Geldes ist]

Über die restliche Zeit der insgesamt einstündigen Show gibt es wenig zu sagen. Chris Tall feuert wie gewohnt seine Frauen- und Dickenwitze ab. Er beantwortet nach eigenem Ermessen Fragen wie „Darf ich, 32, noch mit meinem Kuscheltier schlafen?“ oder „Darf ich beim Bewerbungsgespräch lügen?“ Für eine andere Rubrik begleitete er einen Tag lang David Lebuser, den ersten professionellen Chairskater Deutschlands, im Rollstuhl. In einem Einspieler sehen wir den 27-jährigen Tall, der eigentlich Nast heißt, mit dem Rollstuhl durch die Stadt „cruisen“, während er dabei Grimassen schneidet und Dinge wie „easy, Digger“ und „irgendwann hört der Spaß aber auf“ sagt und das Publikum im Studio laut lacht. Hinterlegt ist das Ganze mit Limp Bizkits Rollin‘.

Die Auftritte seiner Gäste – Krebs erzählt im Sitzen ein paar Witze. Duryn spielt Queens Musikvideo zu I want to break free nach – sind genauso irrelevant wie die restliche Show, in der weiter nicht viel passiert. Vor allem nicht dafür, dass Tall die Show anfangs mit der skurrilen Gedankenfolge „Es gibt keine Grenzen. Wir sprengen die Grenzen“ aufschwillt. Das Fazit: Die Show ist Zeitverschwendung. In diesem Fall muss man allerdings sagen: zum Glück.

(Und Tobi ist übrigens hetero.)