So viel Kraft steckt in angespannten Körpern von Profisportler*innen

Mit seinen Fotos erforscht Mark Ruddick, wie der menschliche Körper unter physischer Belastung aussieht. Um die gesamte Muskelpracht einzufangen, bat er Profisportler*innen nackt vor die Kamera.

Ohne Muskeln funktioniert der Mensch nicht. Bei jeder noch so kleinen Regung und Bewegung ist mindestens einer der mehr als 600 Muskeln des menschlichen Körpers beteiligt. Sie sind Grundlage der aktiven Fortbewegung und vieler innerer Körperfunktionen. Sie formen unser Aussehen und geben uns gemeinsam mit Skelett und Bändern Halt.

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Der stärkste ist der Kaumuskel (Musculus masseter), der kleinste ist der Steigbügelmuskel (Musculus stapedius) im Mittelohr. Der flächenmäßig größte ist der Große Rückenmuskel (Musculus latissimus dorsi), das größte Volumen hat der größte Gesäßmuskel (Musculus gluteus maximus). Der längste ist der Schneidermuskel (Musculus sartorius) am inneren Oberschenkel, die aktivsten sind die Augenmuskeln. Und sie alle leisten tagtäglich immense mechanische Arbeit. Kein Wunder also, dass sie neben dem Nervensystem den Großteil der Körperenergie verbrauchen.

Kraft, Flexibilität und Festigkeit verstehen

Wie ästhetisch das Zusammenspiel unserer Muskeln aussehen kann, zeigt der kanadische Fotograf Mark Ruddick mit seinem Projekt Athletic Implied Nudes. „Ich will erforschen, wie der menschliche Körper unter Muskelspannung aussieht und seine ganze Kraft, Flexibilität und Festigkeit verstehen“, sagt Ruddick.

Dafür bat er Profisportler*innen, die Hüllen fallen zu lassen. Ein Kopfstand, ein Klimmzug, ein Schlag auf den Boxsack – nackt und konzentriert lassen sie vor der Kamera ihre Muskeln spielen und beinahe jede Muskelfaser erkennen. Betrachter*innen können leicht erahnen, wie viel Kraft in diesen angespannten Körpern stecken muss.

Ruddick hat eine Darstellung in schwarz-weiß, einen schlichten Hintergrund und eine intensive Beleuchtung gewählt, um nicht von der Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers abzulenken – und den möchte er in seiner reinen Form zeigen. Die Genitalien bleiben versteckt, um das Projekt nicht zu sexualisieren. Schließlich gehe es um Kraft, Athletik und darum, bestimmte Muskelgruppen hervorzuheben, sagt der 44-jährige Fotograf.

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Um das zu erreichen, nimmt sich Ruddick bei jedem Shooting mehrere Stunden Zeit. „Wenn es um die Beleuchtung und die Posen geht, bin ich sehr pingelig. Davon können meine Models ein Lied singen“, sagt er. Noch bevor die Sportler*innen sein Studio betreten, wisse Ruddick genau, welche Posen er sich von ihnen wünscht. Sind gewisse Körperteile besonders muskulös, bittet er die Models, diese vor der Kamera besonders zu beanspruchen.

Muscleshaming ist haltlos

Rubbick ist wegen seiner Fotos öfters mit Kritik konfrontiert. „Manche Betrachter meinen, so viel Muskelmasse würde den Menschen nicht stehen, es sei nicht ästhetisch. Diese Kritik kriegen vor allem Frauen zu hören“, sagt Rubbick. Das sei allerdings haltlos. Die Athlet*innen würden schließlich nicht trainieren oder eine Diät halten, um andere Menschen mit ihrem Körperbild zu beeindrucken. Sie täten dies, um erfolgreich in ihrer jeweiligen Disziplin sein zu können.

„Es gibt sehr viel Bodyshaming in der Fitnessindustrie und das ist völliger Unsinn“, sagt der Fotograf. Denn für jede Sportart sei eine bestimmte Muskelmasse optimal. Eine Basketballspielerin mit dem Körperbild einer Bodybuilderin wäre wohl nicht sehr erfolgreich. Genauso wenig hat ein Leichtathlet die Chance, den Kampf gegen einen Boxer zu gewinnen. Jede*r Sportler*in hat dort am meisten Muskeln, wo er*sie sie am ehesten braucht.