Die Backsendung „Nailed it“ gibt mir endlich das Gefühl, nicht miserabel in der Küche zu sein

In den meisten Backsendungen entstehen Kunstwerke, die kein Normalo nachmachen kann. Bei der Show Nailed it gehört hingegen Scheitern zum Programm. Dadurch macht die Sendung erst recht Mut, sich an den Ofen zu stellen.

„Nailed it" macht unserer Autorin Mut, sich ans Backblech zu stellen.
„Nailed it" macht unserer Autorin Mut, mit dem Backblech zu hantieren. Screenshot: Netflix / YouTube


Saftige Tortenböden, fluffige Cremes und edle Verzierungen: Wer würde nicht gerne kunstvolle Patisserie backen können und Kreationen schaffen, die unsere Liebsten zum Schwärmen bringen? Eine Weile habe ich geglaubt, TV- und Streamingsendungen könnten aus mir eine Meisterbäckerin machen. Ich dachte, wenn ich nur lange genug Zumbo’s Just Desserts, Chef’s Table (beide Netflix), The Taste und Das große Backen (beide Sat1) gucke und mir die Tricks der Profis und Kandidat*innen merke, färbt das Talent irgendwie auf mich ab. Aber: Fehlanzeige.

Bei den High-Quality-Formaten bekommen wir Zuschauer*innen Kreationen von Chefköch*innen zu sehen, die unerreichbar sind. Und selbst in Shows, in denen Laien sich an die Rührschüsseln wagen, entstehen die unglaublichsten Dinge auf dem Backblech. In Das große Backen sind zum Beispiel in wenigen Stunden Mirror Glaze Cakes fertig, also Kuchen, deren Glasur so glänzt, dass man sich darin spiegelt. Aufwändige 3D-Motivtorten mit allerhand Details. Oder dreistöckige Hochzeitstorten.

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Bevor ich überhaupt loslegen könnte, mich an solchen Kreationen zu versuchen, müsste ich ein halbes Vermögen in Küchenutensilien investieren – denn Patisserie-Equipment stand bei Wohnheimzimmern und erster eigener Wohnung bislang so gar nicht auf meiner Prioritätenliste. Was möglicherweise inspirieren soll, wirkt auf mich eher abschreckend.

Mit der Netflixsendung Nailed it – Das Gelbe vom Ei gibt es jedoch eine Show, die der Perfektion aller Backsendungen etwas entgegensetzt. Denn darin versuchen sich Hobbybäcker*innen an Meisterwerken und scheitern grandios. So wird beispielsweise aus einer pastellfarbenen Einhorn-Torte ein buntes, unförmiges Etwas mit goldenem Penis oben drauf.

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Kürzlich ist die zweite Staffel erschienen – und ich habe alle sechs Folgen nacheinander weggeguckt. Denn diese Sendung nimmt mir den Respekt vorm Backen. Und sie gibt mir im Gegensatz zu all den anderen Shows den Mut, mich auszutoben und keine Angst davor zu haben, dass was daneben geht.

Ich träume von einer eigenen Bäckerei. Nur das Backen ist für mich ein Albtraum.“ – Kandidatin Toni Bryant

Entscheidend sind die sympathischen Protagonist*innen der einzelnen Folgen. Kandidatin Toni Bryant sagt in Folge zwei der ersten Staffel lachend über sich selbst: „Ich träume von einer eigenen Bäckerei. Nur das Backen ist für mich ein Albtraum.“ In Folge vier gibt Michael Lake zu: „In der Küche kann ich die gute Laune schon mal verlieren.“ Der Ehemann einer Teilnehmerin erzählt in der zweiten Folge der zweiten Staffel: „Das Haus hat sie noch nicht abgebrannt, aber das kann ja noch kommen.“ Kristina Black bezeichnet sich selbst als „wandelnder Albtraum in der Küche“ und wünscht sich, etwas für ihren Mann zu backen, ohne dass er eine Lebensmittelvergiftung bekommt. Beste Voraussetzungen also für die Teilnahme an einem Backwettbewerb.

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Die Idee zur Sendung leitet sich vom Hashtag #cakefail ab, unter dem Amateurbäcker*innen ihre misslungenen Werke sammeln. Die Show zeigt, was oft verheimlicht wird: Läuft etwas nicht nach Plan, wie es im Rezept steht, bricht absolutes Chaos in der Küche aus. Da fängt zum Beispiel die Mikrowelle an zu qualmen, der Pfannenwender bricht ab und der mehrstöckige Kuchen fällt in sich zusammen. Die Moderatorin Nicole Byer nimmt kein Blatt vor den Mund, kommentiert herrlich ehrlich und lacht sich schonungslos schlapp. Trotzdem ist die Show ein ernst gemeinter Wettbewerb. Wer am besten abschneidet, nimmt 10.000 US-Dollar mit nach Hause.

Durch Nailed it habe ich gelernt: Wenn was schiefläuft, bin ich jetzt gelassener

Französische Macarons sind bis heute mein Endgegner. Glatte Hauben mit knuspriger Kruste, so sollten sie aussehen – wie das im Halbfinale von Das große Backen der Fall war. Was musste ich aus dem Ofen ziehen? Kümmerliche, flache Scheiben. Die kleinen Hauben aus Eischnee waren weder richtig im Ofen aufgegangen, noch ließen sie sich vom Blech ablösen, sondern brachen dabei noch am Rand.

Zunächst stellte ich das Werk frustriert in eine Ecke. Was sollte ich nun mit der Schokoladen-Ganache anstellen, die mir doch tatsächlich gelungen war? Ich rief mir in Erinnerung, was Nailed it mich gelehrt hat: Nicht jedes Rezept gelingt auf Anhieb. Es gilt, Ruhe zu bewahren, und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Improvisation kann wahre Wunder bewirken. Ich entschied mich dafür, die Creme aufzustreichen und schnitt die unförmigen Teile einfach zu. Voilà, schon sah mein Gebäck aus wie Konfekt – und ich erntete doch glatt Lob: „Was sind das für leckere Pralinen?“

Wenn mir jetzt Tortenböden in der Form hängen bleiben, die Glasur auf dem Kuchen davonläuft oder ich vergessen habe, beim Schokolade-Schmelzen umzurühren und dann hässliche Klumpen aus dem Topf kratzen musste, bin ich gelassener. Torten schmecken gut, auch wenn sie nicht perfekt aussehen.

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