Die Doku „Spuren“ zeigt, wie es den Familien der NSU-Opfer heute geht

Der NSU-Prozess sollte Gerechtigkeit bringen, ist daran aber gescheitert. So sehen es die Familien der Opfer. Sie haben ihr Vertrauen in den Staat verloren und fragen sich, ob Deutschland für sie noch Heimat sein kann.

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Elif Kubaşık, die Witwe von Mehmet Kubaşık. Er wurde 2006 in seinem Kiosk in Dortmund ermordet. Filmstill: Spuren

Hätte Ali Toy vor 19 Jahren keinen Urlaub genommen, wäre er womöglich nicht mehr am Leben. Er ist Blumenhändler in der Nähe von Nürnberg, in einem kleinen Stand am Gehweg. Im September 2000 macht er frei, und sein Chef Enver Şimşek vertritt ihn. Am 9. September wird Şimşek erschossen. Er ist das erste Opfer des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Spuren heißt der Dokumentarfilm, in dem Menschen wie Ali Toy ausführlich ihre Geschichte erzählen. Menschen aus dem Umfeld der Opfer des NSU, Freund*innen und Verwandte. Die Morde sind teilweise vor fast 20 Jahren geschehen, der NSU-Prozess ging im Juli 2018 zu Ende. Doch die Spuren, welche die Taten in den Familien hinterlassen haben, sind in den Gesprächen weiterhin deutlich zu spüren. „Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden“, sagt Elif Kubaşık, deren Ehemann ermordet wurde. „Doch das stimmt nicht. Der Schmerz bleibt.“

Fokus auf die Opfer-Familien, statt auf die Täter*innen

Der Film konzentriert sich auf die Familien von drei der zehn NSU-Todesopfer: Enver Şimşek, Mehmet Kubaşık und Süleyman Taşköprü. Sie waren alle Kleinunternehmer, lebten zusammen mit ihren Familien, waren auf dem Weg in den deutschen Mittelstand. „Es hätte auch meinen Vater oder meine Brüder treffen können. Das hat mich fassungslos gemacht“, sagt die Regisseurin Aysun Bademsoy. Für sie ist es ein sehr persönlicher Film. Er macht deutlich, dass die Morde des NSU nicht nur die Familien der Opfer tief verunsichert haben, sondern viele migrantische Communitys, die im Visier von Rechtsextremist*innen stehen.

Bademsoy hat sich jahrelang mit den Morden und dem NSU-Prozess beschäftigt. Sie stört sich daran, dass die Täter*innen eine riesige Plattform in den Medien bekommen. Mit ihrem Film, der auf dem Dokumentarfilmfestival 2019 in Leipzig Weltpremiere gefeiert hat, will sie ein Gegengewicht schaffen und den Blick auf die Geschichten der Angehörigen richten. Wie ging es ihnen, nachdem der Prozess zu Ende war und rechtsextreme Mittäter*innen teilweise sofort wieder auf freien Fuß kamen? Die Protagonist*innen erzählen, dass sie sich bis heute nicht sicher fühlen. „Begegne ich jemandem, der den Tätern geholfen hat?“, fragt sich die Tochter von Mehmet Kubaşık, Gamze, wenn sie in Dortmund alleine auf der Straße ist.

Die Ermittlungen und der Prozess: eine riesige Enttäuschung

Das Vertrauen der Familien in den deutschen Staat ist erschüttert. Nach den Morden mussten sie nicht nur mit dem Verlust umgehen, sondern sie erlebten auch extreme Stigmatisierung und Erniedrigung, berichten die Betroffenen. Die Ermittelnden suchten die Täter*innen im Umfeld der Familien und wollten den Opfern zum Teil kriminelle Geschäfte oder Kontakte zur Mafia anhängen. Statt in der rechten Szene zu ermitteln, wurden die Wohnungen der Familien durchsucht und DNA-Proben von den Witwen genommen. Einer von ihnen wird erzählt, ihr Mann habe eine Affäre und weitere Kinder gehabt. Es sind Berichte, die auch bei den Zuschauer*innen Zweifel aufwerfen: Wie kann das sein? Die Erzählungen machen deutlich, wie sehr die Ermittlungsbehörden auf dem rechten Auge blind waren und sind.

Als der NSU aufflog, legten die Familien viele Hoffnungen in den Prozess. Sie wünschten sich Aufklärung über rechtsextreme Netzwerke in Deutschland, über die vielen Helfer*innen und das Versagen des Verfassungsschutzes. All das ist ihrem Empfinden nach nicht geschehen. Sie haben den Eindruck, dass ihr Leid nicht anerkannt wird. „Es kann keine Wiedergutmachung geben, aber es hätte zumindest eine Geste geben können, insbesondere im Gericht“, sagt die Regisseurin. „Dadurch ist die Enttäuschung unglaublich groß.“

Kann der Staat das Vertrauen wieder gewinnen?

Der Film zeigt, wie die Familien darum kämpfen, das Andenken an ihre Liebsten am Leben zu erhalten. Sie veranstalten Gedenkfeiern, pflegen die Gräber und Tafeln an den Tatorten, teilen ihre Erinnerungen. Die Ermordeten sind in Gedanken ständig präsent: an Feiertagen, bei Hochzeiten oder Geburten, in alltäglichen Gesprächen. Die Trauer hängt wie eine schwere Decke über den Angehörigen; in den Augen der Witwe Elif Kubaşık schimmern durch den ganzen Film Tränen.

Wie kann Deutschland nach so einem Vorfall noch Heimat sein? Diese Frage stellt Aysun Bademsoy mit ihrem Film und findet ganz unterschiedliche Antworten. Teile der Familien sind zurück in die Türkei gezogen, um Ruhe zu finden. Andere – in Deutschland geboren und aufgewachsen – wüssten gar nicht, wo Heimat sein soll, außer in Deutschland. Sie müssen lernen, hier zu leben, mit der Verunsicherung und ihrer Trauer. Ob das gelingt, bleibt offen.

Obwohl die Taten des NSU Jahre zurück liegen, sind die Sorgen und Ängste der Familien im Film sehr aktuell. Aysun Bademsoy sagt, rechtsextreme Morde wie an dem CDU-Politiker Walter Lübcke und die vermehrten Angriffe auf vermeintlich nicht-deutsche Menschen zeigten, dass hinter dem NSU ein ganzes Netzwerk stehe. „Je mehr diese Dinge passieren, desto stärker wird das Gefühl, dass man einer Willkür ausgesetzt ist. Es könnte jederzeit passieren.“ Das Vertrauen in die Demokratie und den Rechtsstaat, das die Protagonist*innen in Spuren schon verloren haben, droht auch bei vielen anderen Menschen enttäuscht zu werden.

Der Film soll Anfang nächsten Jahres, voraussichtlich im Februar, in die Kinos kommen.