Corona-Krise: Was es für diese Schülerin bedeutet, dass die Abiprüfungen stattfinden

Die Kultusminister*innenkonferenz hat beschlossen: Die Abschlussklausuren sollen stattfinden. Abiturient*innen hatten bei dieser Debatte keine Stimme. Bei uns kommt eine betroffene Schülerin zu Wort.

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Abitur schreiben während der Corona-Krise: Für Maria Uljanow und zahlreiche andere Schüler*innen eine Belastungsprobe. Foto: © Neele Beckmann

„Das Land bricht komplett zusammen, ich darf nicht mal meine Lerngruppe treffen, digitale Infrastruktur ist nicht existent. Ausnahmezustand überall: Alle haben Angst um sich und ihre Liebsten, aber hey, Abi schreiben wird ja wohl noch drin sein“, diese Worte tippte Maria Uljanow am Mittwochnachmittag unter einen Instagram-Post der Tagesschau.

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Eine Entscheidung über die Zukunft der Schüler*innen – ohne die Schüler*innen

Der Grund für den Unmut der 18-Jährigen ist der Entscheid der Kultusminister*innenkonferenz der Länder, die bevorstehenden Abiturprüfungen trotz Corona-Krise stattfinden zu lassen. In diesem teilte die Präsidentin der Kultusminister*innenkonferenz Stefanie Hubig mit, dass die Prüfungen und insbesondere die schriftlichen Abschlussprüfungen zu den geplanten Zeitpunkten oder zu den jeweiligen Nachholterminen bis Ende dieses Schuljahres stattfinden.

Marias Kommentar erhielt bislang über 5.500 Likes und mehr als 230 Antworten. Ihre Ansicht teilen vor allem viele Schüler*innen, die – wie Maria selbst – kurz vor den Abschlussprüfungen im April stehen.

Die Abiturientin hatte eigentlich schon konkrete Pläne, wie es für sie nach dem Schuljahr weitergehen sollte: Im Sommer Kinderbetreuung mit der Caritas, danach eine Interrail-Reise und kommendes Jahr der Studienbeginn an einer Privatuniversität in Friedrichshafen.

Dann verbreitete sich das Coronavirus und mit ihm die Unsicherheit über die Pläne nach dem Abitur. Aber auch über die Pläne davor.

Der Endspurt des diesjährigen Abijahrgangs findet nämlich ohne Klassenzimmer, ohne Lerngruppen, ohne strukturierten Stundenplan und ohne Lehrer*innen, die vor der Tafel stehen, statt. Trotz eingeschränkter Vorbereitungsmöglichkeiten: Ohne Abiturprüfungen lässt man die Schüler*innen in Deutschland nicht abschliessen.

ze.tt hat mit Maria darüber gesprochen:

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Die 18 Jahre alte Maria sagt: „Das deutsche Bildungssystem war nicht darauf vorbereitet, Schüler*innen selbstständig arbeiten zu lassen.“ Foto: © Neele Beckmann

ze.tt: Maria, am Mittwoch wurde von der Kultusministerkonferenz beschlossen, dass die Abiturprüfungen stattfinden sollen. Wie fühlst du dich mit dieser Entscheidung?

Maria: Ich bin ein wenig enttäuscht und wütend. Aber wenn man sich in bestimmten politischen Feldern bewegt, kommt man nach und nach besser damit klar, dass Forderungen überhört werden.

Wie lässt sich der Entscheid für dich erklären?

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, in der es schwierig ist, zu handeln. Letzten Endes ist es einfach auf eine andere Priorisierung der Werte zurückzuführen. Ich glaube, es wurde mit Jahrgängen vor und nach uns verglichen. Das, was als Gerechtigkeit gegenüber anderen Generationen ausgelegt wird, ist aber nicht die Form von Gerechtigkeit und Solidarität, die ich mir gerade wünsche.

Welche Lösung hättest du dir stattdessen gewünscht?

Um das zu erläutern, muss man an dieser Stelle eine Unterscheidung zwischen Abitur und Abiturprüfung machen: Abitur ist zwei Jahre lang ständig Punkte sammeln. Die Abiturprüfungen zählen einen Drittel und dienen dem Zweck, eine Prüfungssituation hervorzurufen. So eine Prüfungssituation haben die Schüler*innen bereits Dutzende Male in Form von Klausuren, bei uns an der Schule auch schon Klausuren unter Abiturbedingungen, erlebt. Auch wenn das für viele als drastischer Vorschlag bewertet wird, glaube ich persönlich, dass Abiturprüfungen dieses Jahr nicht schreiben zu lassen das Ideal wäre.

Ich glaube, dass Abiturprüfungen dieses Jahr nicht schreiben zu lassen das Ideal wäre.

Maria, 18-jährige Abiturientin

Wie würde die Umsetzung dieses Ideals konkret aussehen?

Ich halte es für sinnvoll, eine Art Durchschnittsabitur zu entwickeln, bei der die bereits erbrachte Prüfungsleistung überproportional bewertet wird und daraus die Prüfungsnote resultiert. Als Ergänzung könnten bei knappen Noten mündliche Nachprüfungen stattfinden. Ich sehe da die Gefahr der Virenübertragung weiterhin, aber sie ist dort geringer als bei normalen Abiturprüfungen, wie man sie geplant hat.

Gesundheitliche Gefahren bei der Durchführung von schriftlichen Abiprüfungen heißt … ?

Selbst, wenn man das so angeht, wie das beispielsweise mit den Sicherheitsvorkehrungen in Hessen gehandhabt wurde, können diese Vorkehrungen meiner Ansicht nach nicht verhindern, dass Viren übertragen werden. Je nach Schule kommen dabei ja nach wie vor große Menschenmassen zusammen und schreiben in gleichen Räumen, benutzen gleiche Toiletten, teilen sich unter Umständen sogar gleiche Materialien. Wir sind offensichtlich einem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt.

Wie leiden die Vorbereitungen auf die Prüfungen unter der aktuellen Situation?

Die Lernphase ist aus verschiedensten Gründen eingeschränkt. Für mich persönlich zum einen, weil ich fürs Lernen sehr viel psychischen Elan investieren muss, den ich zur Zeit einfach nicht habe und den ich eigentlich gerade in andere Gedankengänge stecken wollen würde. Zum anderen können dubiose Faktoren wie die Betreuung jüngerer Geschwister, die momentan nicht zur Schule gehen, eine Rolle spielen. Auch ist mein Lernmaterial noch nicht vollständig. Die Lücken probiere ich zwar mit Lernvideos auf YouTube, wie die von Simple Club, oder Büchern zu füllen. Dennoch habe ich das Gefühl, nicht gleich vorbereitet zu sein, wie es die Mehrzahl der Schreiber*innen vor und nach mir sind.

Und was könnte das für das Prüfungsergebnis bedeuten?

Ich glaube, dass es für eine Vielzahl von Abiturient*innen schwieriger ist, angemessene Klausuren zu schreiben. Das könnte meiner Meinung nach auch dazu führen, dass entweder die Ergebnisse schlechter ausfallen oder aber, dass die Empathie der Lehrkräfte – ohne dass ich jemandem die sachliche Kompetenz absprechen möchte – eventuell verursacht, dass hie und da auch mal ein Auge zugedrückt wird, weil die 2020er es eh schon schwer hatten.

Es fühlt sich so an, als sei ich auf mich alleine gestellt.

Maria, 18-jährige Abiturientin

Wie ist es für dich, beim Lernen zu Hause bleiben zu müssen?

Mir fehlt nicht per se die Schule mit ihren festen Strukturen, sondern die Abwechslung, die mit Lerngruppen oder Treffen mit anderen in der Universitätsbibliothek geschaffen wurde. Immer im gleichen Raum zu arbeiten, schränkt meine Produktivität ein und es fühlt sich so an, als sei ich auf mich alleine gestellt.

Wären dafür virtuelle Lerngruppen via Videochat eine Lösung?

Meiner Meinung nach liefert das keinen direkten Ersatz dafür. Selbst wenn ein Face Call mehr bringen würde als der schriftliche Austausch untereinander in WhatsApp-Gruppen, kommt es nicht an das heran, was vorher möglich war.

Wie findet euer Schulprogramm gerade statt?

Da es bei uns noch kein digitales System gab, das im Vorhinein benutzt wurde, musste für die jetzige Situation mehr oder minder improvisiert werden. Meine Lehrer*innen verschicken die Unterlagen über den schulinternen Mail-Kanal oder lassen sie uns über Programme wie zum Beispiel Padlet zukommen, das ist eine Plattform, die man sich als digitale Pinnwand vorstellen kann. Geführte Lektionen finden keine statt, ich habe aber das Glück, dass meine Lehrer*innen auf Fragen warten und diese dann auch beantworten. Ich weiß aber auch von anderen Leuten, dass sie zum Beispiel noch keine Materialien zugeschickt bekommen haben.

Wie müsste deiner Meinung nach ein funktionierender Online-Unterricht während der jetzigen Krise aussehen?

Der Unterricht müsste sich möglichst an der Zeiteinteilung des normalen Stundenplans orientieren und in Online-Klassen durchgeführt werden, wie einige Schulen es bereits machen. Also mit einer*einem Lehrer*in, die*der den Unterricht so hält, als säße eine Klasse im Raum.

Das deutsche Bildungssystem war nicht darauf vorbereitet, Schüler*innen selbstständig arbeiten zu lassen.

Maria, 18-jährige Abiturientin

Denkst du, dass es bei der Ausbildung von Lehrer*innen sinnvoll wäre, diese auf Online-Unterricht vorzubereiten?

Ich denke, dass solche digitalen Kenntnisse als verpflichtender Teil – und nicht als Fortbildung danach – in der Ausbildung der zukünftigen Lehrer*innen berücksichtigt werden müssten. Das wäre meiner Ansicht nach schon länger notwendig gewesen. Auch ohne Pandemie ergibt es Sinn, die Technik, die im Privatleben der Schüler*innen benutzt wird, für die Bildung an Schulen zu nutzen. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass das deutsche Bildungssystem nicht darauf vorbereitet war, Schüler*innen selbstständig arbeiten zu lassen.

Die Entscheidung über unser Abitur wird nicht von unserer Generation getroffen, sondern von Boomern.

Maria, 18-jährige Abiturientin

Was darf sich abgesehen davon im deutschen Bildungssystem ändern?

Es ist interessant, welche Menschen sich gerade Gedanken über unser Abitur machen. Die Entscheidung wird nicht von unserer Generation getroffen, sondern zunehmend von Boomern, wie man die Babyboomer auch gerade nennt. Und obwohl ich glaube, dass Expertise aus verschiedenen Gruppen der Gesellschaft wichtig ist: Man sollte Schüler*innen, auch wenn sie vielleicht teils noch minderjährig, auch wenn sie noch nicht promoviert sind, gerade bei diesem Thema eine lautere Stimme geben. Und diese ernst nehmen.

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