Wie ich Morddrohungen erhielt, weil ich die Türkei kritisierte

Ein dreiminütiger Clip, in dem ich den türkischen Einmarsch in Syrien als „dumme Idee“ bezeichne: mehr brauchte es nicht, um von Extremist*innen bedroht zu werden. Ein Erfahrungsbericht

Einer der Arbeitsplätze unseres Autors: In Mossul drehte er für eine Dokumentation. © Privat

Ich bin ein Hurenbengel. Der Sohn einer kurdischen Hündin. Und wahlweise auch mal ein Lauch oder ein Fettsack, da gehen die Meinungen auseinander.

Woher ich das weiß? Die Leute haben es mir gesagt. Ganz öffentlich, auf Facebook. Zu Hunderten haben sie eines meiner Videos kommentiert, mich beleidigt, beschimpft, und einige gingen sogar so weit, mir Gewalt anzudrohen. Was war es, das so viele Menschen zu derartigen Ausfällen bewegte?

Ganz einfach: Ich habe mich gegen den türkischen Einmarsch in Afrin ausgesprochen. Und das reicht heute offenbar schon dafür aus, zur Zielscheibe zu werden.

Ich drehe Erklärvideos über Krisengebiete

Ich bin Journalist und Filmemacher. Mein thematischer Schwerpunkt liegt dabei auf Kriegs- und Krisengebieten. Ich beschäftige mich damit, wie ganz gewöhnliche Frauen und Männer dem alltäglichen Horror trotzen. Ich berichte von Unicef-Schulen in Somalia, Blauhelmsoldat*innen im Kongo oder dem Häuserkampf um Mossul. Doch die Region, zu der ich die innigste Beziehung aufgebaut habe, ist Kurdistan.

Kurdistan ist eine Art Staat-in-Gedanken: Keine unabhängige Nation, sondern ein Gebiet, das sich über Teile Syriens, des Irak, des Iran und der Türkei erstreckt. Als ich die Region 2012 zum ersten Mal bereiste, waren die Kurd*innen in den internationalen Medien bestenfalls eine Randnotiz. Das änderte sich mit dem Erstarken jener völkermordenden Fanatiker*innen, die unter dem Namen Islamischer Staat bekannt wurden. Kurdische Kämpfer*innen waren es, die den Vormarsch der Islamist*innen stoppen konnten.

Außerdem auf ze.tt: Bericht von der IS-Front: So ist die Situation in den kurdischen Gebieten im Nordirak

In den vergangenen Jahren kehrte ich immer wieder zurück in die kurdischen Gebiete. Freundlichere Menschen habe ich selten kennengelernt, zumal viele Kurd*innen geradezu begeistert von Deutschland sind. In Kurdistan drehte ich meinen ersten großen Dokumentarfilm.

Vor gut einem Jahr begann ich, mir eine eigene kleine Facebookseite aufzubauen. Der Hauptinhalt: Kurze Erklärvideos zu Themen, wie „Was bedeutet die Flagge des IS?“, „Mali: Der Konflikt zusammengefasst“, oder „G3 – Ein deutsches Sturmgewehr erobert die Welt“. Natürlich spiegelte sich meine Faszination für die kurdische Geschichte, Kultur und die politische Situation auch hier wider. Ein Großteil der Videos behandelt Fragen, die damit zu tun haben. Das alles lief auf relativ kleiner Flamme. Ein Hobby, sozusagen.

Bis die Türkei in Syrien einmarschierte.

„Der türkische Einmarsch ist eine dumme Idee“

Am 20. Januar 2018 begann die türkische Armee den Angriff auf das hauptsächlich von syrischen Kurd*innen bewohnte Afrin, gemeinsam mit teilweise islamistischen Milizen.

Wie viele andere Journalist*innen, die sich mit dem Nahen Osten beschäftigen, sah ich in diesem Krieg nicht den von Präsident Erdogan proklamierten humanitären Antiterroreinsatz, sondern einen machtpolitischen Schachzug, um eine kurdische Autonomie im Norden Syriens zu verhindern. Dass dabei unzählige Zivilist*innen getötet und zigtausende vertrieben würden, stand für mich außer Frage. Womit ich leider Recht behalten sollte.

Ich schnappte mir Kamera und Stativ, steckte mir ein Mikro an und zeichnete einen kurzen Kommentar zum Einmarsch auf, eine Zusammenfassung, warum ich die Operation Olivenzweig für eine dumme Idee hielt. Darin gab ich zu Bedenken, dass die kurdischen Milizen, die YPG und YPJ, zwar wie jede andere Kriegspartei auch Verbrechen begehen, etwa die Rekrutierung von Minderjährigen. Ich wies aber darauf hin, dass die syrischen Kurd*innen von allen Seiten mit Abstand am wenigsten Blut an den Händen haben: Sie verbrennen keine Gefangenen, sie vergasen keine Zivilist*innen, und sie foltern nicht Tausende zu Tode.

Ich bearbeitete das Video noch am selben Tag und lud es auf meiner Facebookseite hoch. Dann passierte erst einmal recht wenig. Ein paar Likes trudelten ein, ein paar traurige Emojis. Ich achtete nicht weiter darauf. Doch dann explodierte es.

3 Minuten, 4.000 Likes, 350.000 erreichte User*innen

Als ich am nächsten Tag einen Blick auf meine Seite warf, klappte mir die Kinnlade herunter. Das Video war hunderte Male geteilt worden, tausend Menschen hatten es geliked, Tendenz steigend. Schnell fand ich heraus, wie das Video so durch die Decke gehen konnte. Tobias Huch hatte es geteilt. Huch ist FDP-Politiker und Unternehmer, bekannt wurde er aber durch sein Engagement für die Kurd*innen im Kampf gegen den IS. Einmal führte er ein Interview mit dem IS, indem er Botschaften auf Granaten schrieb, die von den Peschmergakämpfer*innen über die Front gefeuert wurden.

Auf Facebook folgen ihm mehr als 300.000 Menschen, und mit diesen hatte er mein Video geteilt. Ich war begeistert. Dutzende User*innen lobten das Video, bedankten sich, feierten es regelrecht. „Ich küsse deine Augen“, schrieb ein junger Mann. Erwartungsgemäß kam das meiste Lob von Kurd*innen.

Außerdem auf ze.tt: Operation Olivenzweig: Wie die Türkei Hass gegen die kurdische Bevölkerung schürt

Bizarrerweise teilte auch eine Pegida-Ortsgruppe das Video – ich vermute, weil sie auf der türkeikritischen Welle mitsurfen wollte. Als Antwort postete ich eines meiner Videos, in dem ich erkläre, wie rechte Hetze funktioniert, darunter.

Der Boom hielt einige Tage an, dann kehrte langsam aber sicher der digitale Alltag wieder auf meiner Seite ein. Bis der Shitstorm ausbrach.

Die Hälfte der Beleidigungen verstand ich nicht, weil ich kein Türkisch spreche

Mehrere Wochen, nachdem das Video erschien, gingen die Beleidigungen los. Ich dachte mir erst nicht viel dabei, immerhin war ich das gewohnt. Ein paar Trolle finden sich immer, die einen als Lügenpresse, Nato-Schreiberling oder IS-Sympathisanten beschimpfen. Doch dieses Mal war es anders.

Es trafen immer neue Beleidigungen ein. Stündlich, minütlich, teilweise alle paar Sekunden. Ab und an war noch der Ansatz einer themenbezogenen Kritik zu erkennen, in den meisten Fällen verzichteten die User*innen aber vollends darauf.

„Möchtergern Experte Fettsack“, „Was fürn blödes Arschgesicht“, „Du fetter Hurenbengel“Und das sind jetzt nur einige der Beispiele, die ich verstehe. Was mir so auf Türkisch an den Kopf geworfen wurde, will ich gar nicht wissen.

Ich beschloss zunächst, das Ganze mit Humor zu nehmen. In einem Folgevideo las ich die absurdesten Beschimpfungen noch einmal vor, eine Art Best-of der Hassmails, wobei ich mir bei einigen Wortschöpfungen das Lachen nicht verkneifen konnte. Es waren ja nur Beleidigungen, und mit den meisten Leuten, die mich dort beschimpften, hatte ich ehrlich gesagt fast Mitleid. Menschen mit einem erfüllten Leben und dem Privileg einer guten Erziehung nennen andere Menschen eher selten öffentlich „Hurenbengel“, hoffe ich zumindest.

Mittlerweile habe ich mir ein HRNBNGL-T-Shirt drucken lassen. Mein Plan ist es, weitere Shirts mit dem Schriftzug zu verkaufen und die Einnahmen an Hilfsorganisationen zu spenden, die zivilen Opfern in Afrin helfen. Anfragen gibt es schon genug. Hass sollte zu Hilfe werden, das schien mir die passende Antwort.

Doch dann kam die erste Drohung.

„Eines Tages wirst du gekidnappt“

Ich saß gerade im Bus und amüsierte mich über den neuesten Schwall an Beleidigungen, als ich bei einem Post hängen blieb: „Hör auf, Lügen zu verbreiten im Auftrag des deutschen Staates. Du Hund. (…) Eines Tages wirst du dafür gekidnappt.“

Im ersten Moment hatte ich keine Ahnung, wie ich damit umgehen sollte. Sollte das ein Witz sein? War es womöglich ganz anders gemeint als es rüberkam? Ich habe schon so Einiges erlebt, ein Jahr zuvor lag ich an der Frontlinie zum IS und habe das Kamerastativ über die Barrikaden gehalten, um ins Kalifat hineinzufilmen. Aber eine so direkte Drohung, unmittelbar an mich gerichtet – das war etwas völlig Neues für mich.

Ich beschloss, mir professionellen Rat einzuholen. Polizei und Reporter ohne Grenzen bestätigten meine erste Einschätzung: Ja, es könnte der Tatbestand der Bedrohung erfüllt sein. Mir wurde empfohlen, offiziell Anzeige zu erstatten.

[Außerdem auf ze.tt: Die Kinder mit dem verbotenen Namen]

In den folgenden Tagen kamen noch diese zwei weitere Kommentare: „Du bist ab heute ein Staatsfeind! Dein Video wurde meiner Regierung weitergeleitet. Und allgemein würde ich dir raten, keinen richtigen Türken zu begegnen. Viel Erfolg, bald sieht man deine Reste wie von deinen YPG-Kämpfern“ und „Arschloch, dich muss man auch töten“.

Ich googelte mich, um herauszufinden, ob irgendwo im Internet meine Adresse einsehbar ist. Zum Glück nicht. Kurzzeitig überlegte ich, es zu ignorieren, diese Leute als Wichtigtuer*innen mit Minderwertigkeitskomplexen zu sehen, die nicht über die Folgen ihrer Taten nachzudenken. Doch das war keine Option.

Ich versuche, Normalität zu leben

Es kann doch nicht sein, dass eine solche Form der Einschüchterung zum ganz normalen Teil unserer politischen Debattenkultur wird. Egal, aus welcher Ecke sie kommt, ob von Rechten, Linken, Islamist*innen – oder, wie vermutlich in diesem Fall, von türkischen Nationalist*innen.

Mit den ausgedruckten Kommentaren im Gepäck, stattete ich der Polizei eines Morgens einen Besuch ab. Dort legte man mir ein Formular vor, auf dem ich den Sachverhalt schildern und die Namen der Täter*innen, sowie die Zeitpunkte der Taten festhalten sollte. Zwei der Profile, von denen die Drohungen ausgingen, waren einsehbar, mit Namen und mehreren Fotos der User.

Arschloch, dich muss man töten“, hieß es in einem Kommentar.

Einen Monat ist es nun her, dass ich Anzeige erstattet habe. Seitdem ist nichts passiert. Keine Neuigkeiten und zum Glück auch keine weiteren Drohungen. Ich vermute, dass die Polizei die Lage so ähnlich einschätzt, wie ich: dass es sich bei den Kommentaren um Machogehabe handelt und keine reale Gefahr für mich besteht.

Trotzdem erwische ich mich manchmal bei dem Gedanken: Was, wenn doch?

Aber sich davon beeinflussen zu lassen wäre nichts anderes, als diesen Idiot*innen den Sieg einzuräumen. Ich mache auch weiterhin Videos, ich äußere mich auch weiterhin zu kontroversen Themen, und ja – ich werde auch weiterhin Kriegsverbrechen kritisieren. Denn an dem Tag, an dem ich das nicht mehr könnte, wäre für mich persönlich das Grundrecht auf Freiheit der Presse und der Meinung in Deutschland gestorben. Und das darf einfach nicht sein.

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Autoreninfo:

Konstantin Flemig

Als Journalist und Filmemacher berichtet Konstantin von den Krisengebieten dieser Erde. Somalia, Irak, Syrien, Kongo:  Wo Menschen alles verlieren, müssen sie zumindest eine Stimme bekommen.