Die Goaßmass hätte es verdient, Sommergetränk des Jahres zu werden

Warum der Mix aus Cola, Bier und Kirschlikör Potenzial hat, das Protestgetränk für Gentrifizierungsgegner*innen und Klimaaktivist*innen zu werden. Eine Glosse

Erschreckender Missstand: Die dpa hat nur sehr wenige Goaßmass-Fotos in ihrer Bilderdatenbank. Foto: Armin Weigel/dpa

Bayern ist bekannt dafür, bundesweit Trends zu setzen. Bestes Beispiel: Mietpreise. Während Berlin langsam erst unbezahlbar wird, gilt München schon seit eigentlich immer als Club, in den nur Sehr-sehr-sehr-gut-Verdiener*innen aufgenommen werden. Der nächste Trend, der sich vermutlich schon sehr sehr (sehr) bald deutschlandweit durchsetzen wird, ist die Goaßmass – ein traditioneller Alkopop aus Cola und Bier mit ein, zwei, zwölf Stamperln Kirschlikör. In besonders … äh, kreativen bayerischen Regionen wird der Kirschlikör durch ein rohes Ei ersetzt. Manchmal wird das Getränk auch aus einem Glas in Stiefelform getrunken. In Niederbayern gibt es einen Bäcker, der gar so weit ging, einen Goaßmass-Krapfen zu kreieren.

Zugegeben, die Goaßmass fällt unter die Kategorie bayerischer Spezialitäten, die lautmalerisch nach Dingen klingen, die kein*e Nicht-Bayer*in jemals zu Gesicht bekommen möchte. Obatzda. Weißwürste auszuzeln. Markus Söder. Goaßmass.

Trotzdem hat die Goaßmass das Zeug, zum neuen Sommerhit des Jahres zu werden. Denn: Das Trinken des süßlich-herben Getränks setzt ein politisches Statement, das zu unserer Zeit passt.

Das Anti-Gentrifizierungsgetränk

Schauen wir uns andere Drinktrends an: Craft Beer mit Grapefruitnote, Moscow Mule in Kupferbechern, in gewissen Kreisen (Berlin) etabliert sich momentan gar Mate-Prosecco auf Eis zum Trendgemisch. Diese Mischungen sind in Gläser gegossene Gentrifizierung. Besonders gern getrunken werden sie in Vierteln wie Nord-Neukölln, ehemals Arbeiter*innenkiez, heute eine Oase für Chai-Latte-Bowls mit Chiasamenraspeln auf Kokosölsorbet, in der sich kein*e Arbeiter*in mehr die Miete leisten kann. Chai-Latte-Bowls mit Chiasamenraspeln auf Kokosölsorbet und Craft Beer mit Grapefruitnote tragen zur Investitionswut internationaler Immobilienkonzerne, Mietsteigerungen, Verdrängung von Geringverdienenden bei – wenn auch sicherlich unfreiwillig.

Für Disco, Kreisklassen-Fußball und Dorfstammtische

Gegen diesen Trend erhebt sich mittlerweile in allen deutschen Großstädten Protest. Jede*r dritte Hamburger*in fürchtet sich davor, bald die Miete nicht mehr zahlen zu können. In München protestierten Zehntausende gegen den Mietenwahnsinn. Berliner*innen wollen gar Immobilienkonzerne enteignen. Wohnen wird von Politiker*innen und Aktivist*innen zum sozialen Thema des 21. Jahrhunderts ausgerufen. Die Goaßmass hätte das Potenzial, das Getränk dieser Protestbewegung zu werden.

Denn die Goaßmass ist Sinnbild eines Anti-Gentrifizierungdrinks mit einer langen Traditionsgeschichte. Die Süddeutsche weiß: „In den 70er- und 80er-Jahren erfreute sich die Goaßmass bei der feierwütigen Disco-Klientel, bei Kreisklassen-Fußballern sowie an Dorfstammtischen größter Beliebtheit.“ Wer Goaßmass trinkt, setzt ein politisches Zeichen: Für Disco, Kreisklassen-Fußball und Dorfstammtische. Gegen das Clubsterben, die Verdrängung uriger Eckkneipen, Chai-Latte-Bowls mit Chiasamenraspeln auf Kokosölsorbet und den damit verbundenen internationalen Finanzkapitalismus.

Ein Statement für Umweltbewusste

Die Goaßmass könnte auch zum Statementdrink für alle Klimaschützer*innen werden. Um zu verstehen, warum, muss man sich einem weiteren Sommerdrinkklassiker zuwenden: dem Aperol Spritz. Das bitter-sprudelige Trendgetränk schwappte Anfang der 00er-Jahre von Italien nach Deutschland über und wird seitdem am liebsten von Sabines und Juttas getrunken, die ein bisschen Dolce Vita spüren wollen. Aperol Spritz steht für Fernweh. Reisesehnsucht. Man möchte am liebsten ins nächste Flugzeug springen und nach Sizilien düsen … Aber halt, stopp: Wer fliegt, trägt zur Klimakrise bei!

Fliegen und ein kleiner ökologischer Fußabdruck gehen nicht zusammen. Wer die Umwelt schützen möchte, muss sich engagieren gegen all die Flug- und Autoreisen nach Südeuropa. Ein erster Schritt: Aperol-Spritz-Trinken unterlassen. Denn: Das Getränk trägt zur Romantisierung Südeuropas bei und damit zur anhaltenden Reisebegeisterung in diese Gefilde. Wer das Klima schützen will, muss Aperol Spritz boykottieren!

Wer das Klima schützen will, muss Aperol Spritz boykottieren!

Wichtig wäre es, eine Gegenkultur zu etablieren, die das Klimaschutz-Lebensgefühl attraktiv macht. Dableiben statt wegfahren. Fahrrad statt Flugzeug. Und diese Gegenkultur bräuchte natürlich auch ein Getränk, das diese Mentalität verkörpert. Welches Kultgetränk wäre dafür besser geeignet als die Goaßmass? Sinnbild für Lokalität, die Schönheit des (mit dem Radl erreichbaren) Dorflebens, die Vielfalt der Bundesländer? Nix!

Wer nun das Biermischgetränk einmal ausprobieren möchte, dem*der sei hier noch ein Rezept mitgegeben: 0,5 Liter dunkles Bier, 0,5 Liter Cola, ein Stamperl Kirschlikör und ein Stamperl Weinbrand. Dies ist die oberbayerische Version der Goaßmass. Die Autorin wünscht viel Vergnügen und freut sich über E-Mails, die von verwegenen Goaßmass-Erfahrungen berichten.