Die HBO-Serie „Euphoria“ ist wahrscheinlich das Beste, was euch seit „Skins“ passiert ist

Wie ist es, im Zeitalter von Instagram und Co. aufzuwachsen? Das Teenie-Serien-Drama Euphoria gibt einen ungeschönten Einblick in die Welt der Generation Z. Eine Kritik

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Die Charaktere in Euphoria sind anspruchsvoller als in vielen anderen Teenie-Serien. Foto: © 2019 Home Box Office

Ein Trend zu expliziten und grafischen Darstellungen im Young-Adult-Genre ist spätestens seit Hannah Bakers (Katherine Langford) Suizid in 13 Reasons Why erkennbar. Die Macher*innen von Euphoria treiben dieses Spiel auf die Spitze. Für den früheren Disney-Channel-Star Zendaya war das Anlass genug, vor der Ausstrahlung des Pilots eine Triggerwarnung zu tweeten. Sie verkörpert die 17-jährige Protagonistin Rue Bennett.

Das Funktionsprinzip der Serie ähnelt dem von Skins. Jede Folge konzentriert sich auf einen anderen Charakter und dessen Geheimnisse und Traumata. Die verschiedenen Geschichten werden aus Rues Perspektive geschildert und, wie in klassischen Voice-Over-Serien, durch ihre Stimme aus dem Off kommentiert. Wie bei Gossip Girl, aber in diesem Falle ist die Erzählerin keine anonyme Glamour-Internetbloggerin von der Upper East Side, sondern ein Junkie aus einer kalifornischen Vorstadt.

Der Plot setzt bei Rues Rückkehr aus einer Entzugsklinik an. Ihr Schicksal bis zu diesem Zeitpunkt wird in einer Retrospektive im Schnelldurchlauf wiedergegeben. Sie kommt kurz nach den Terroranschlägen am 11. September zur Welt und wird schon im Kindesalter mit diversen psychischen Krankheiten diagnostiziert und medikamentös behandelt. Die erste Xanax stiehlt sie aus dem Medikamentenschrank ihres krebskranken Vaters. Anders kann sie sich nicht betäuben. Rues Abwärtsspirale ist unaufhaltbar und erreicht einen ersten Tiefpunkt, als sie von ihrer jüngeren Schwester Gia (Storm Reid) bewusstlos in ihrem eigenen Erbrochenen liegend gefunden wird.

Rollen mit Tiefgang und Seele

Zendaya ist einer der wenigen großen Namen des sonst eher unbekannten Cast, der aber durchweg mit facettenreichen Schauspielleistungen punktet. Es ist erfrischend, neue Gesichter zu sehen. Autor Sam Levinson (Assassination Nation) bedient sich zwar den typischen Erfolgsrezepten eines Highschool-Dramas, schafft in diesem Kontext aber nicht einfach heteronormative, klischeebehaftete Prototypen des heißen Quarterbacks oder seiner Cheerleader-Freundin. Seine Figuren sind anspruchsvoller.

Nate (Jacob Elordi) ist der typische amerikanische Vorzeigejunge und Footballspieler mit Daddy-Issues. Er ist sexuell verwirrt und steckt in einer tiefen Identitätskrise. Um das zu überdecken, spielt er das misogyne Arschloch, das in Wahrheit eigentlich nur ein armes Würstchen ist. Kat (Barbie Ferreira) macht in den ersten vier Folgen eine extreme Metamorphose durch: vom verklemmten, jungfräulichen One-Direction-Fanfiction-Nerd zur Online-Mistress für devote Ü40-Opis. Und die Neue an der Schule, trans* Mädchen Jules (Hunter Schafer), sucht über die Dating-App Grindr ihre große Liebe. Sie gerät in den meisten Fällen aber an Perverslinge, für die sie nichts weiter ist als ein Fetisch.

Rue und Jules freunden sich schnell miteinander an. Es ist die Art von Freundschaft, die sich jede*r von uns wünscht. Eine platonisch seelenverwandte Person, die dich wortlos versteht. Die Serie wird von dem ungleichen Duo zwar phasenweise getragen, aber das ist nicht wirklich schlimm. Ihr erster gemeinsamer Trip, ihr erster Streit, Männergeschichten oder ein betrunkener Kuss. Es macht einfach Spaß, den beiden zuzusehen.

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Gif: Giphy

Die Ästhetik und Kameraführung des Teenie-Dramas ist absurd, neon-farben und verträumt. So wie in Trainspotting werden die Drogenerfahrungen der Charaktere auch handwerklich verarbeitet, wodurch Zuschauende noch leichter in ihre Welt eintauchen können. Manche würden die Serie vielleicht als überproduziert bezeichnen. In Kombination mit dem Soundtrack, der maßgeblich durch den Produzenten und Rapper Drake beeinflusst wurde, entsteht jedoch ein gelungenes Porträt des Zeitgeists der jungen US-amerikanischen Hip-Hop-Szene. Sender HBO hat mit Euphoria das gleichnamige israelische Format der Macher*innen Ron Leshem, Daphna Levin und Tmira Yardeni adaptiert, die an einzelnen Episoden des Pendants mitwirkten. Mit Erfolg: Staffel zwei wurde bereits offiziell angekündigt.

Die Meinungen sind gespalten

Ähnlich wie 13 Reasons Why hat auch Euphoria eine hitzige Debatte in Nordamerika und in der Netzkultur ausgelöst: Darf man so grafisch mit Tabuthemen umgehen? Oder haben solche expliziten Serien einen negativen Einfluss auf Heranwachsende? Euphoria geht offen mit sexuellem Missbrauch, Cyber-Mobbing und Gewalt um, aber romantisiert meiner Meinung nach nie die Probleme seiner Figuren.

Wie damals bei Skins wird eine Art Bildungsauftrag für Eltern und Jugendliche erfüllt: Im monoton-absurden Netflixsumpf aus Riverdale und Co. fällt es leicht, potenziell reale Probleme zu ignorieren. Wenn Zuschauende aber tatsächlich mit den hässlichen und dreckigen menschlichen Abgründen konfrontiert werden, fällt das Wegschauen schwerer.


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