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Die hypnotische Architektur des Megahausbauprojekts in Mexiko

Die mexikanische Regierung gab mehr als 100 Milliarden US-Dollar aus, um den Bürger*innen bezahlbaren Wohnraum zu bieten. Das Ergebnis gleicht einer Dystopie.

„Finstere Paradiese“ – so nennt der mexikanische Architekt und Fotograf Jorge Taboada die Häuser, die die mexikanische Regierung Anfang der 2000er-Jahre im ganzen Land bauen ließ. Sie sollten dem unaufhaltsamen Bevölkerungswachstum Mexikos gerecht werden und bezahlbaren Wohnraum für Millionen der ärmsten Bürger*innen des Landes schaffen.

Gemeinsam mit privaten Bauträger*innen startete die Regierung unter dem damaligen Präsidenten Vicente Fox den größten Wohnungsbau-Boom in der Geschichte Lateinamerikas. Investor*innen weltweit, die Weltbank und Wall-Street-Firmen investierten mehr als 100 Milliarden US-Dollar in die Bemühungen.

Mit dem Versprechen auf ein besseres Leben verließen einem Bericht der Los Angeles Times zufolge zwischen 2001 und 2012 schätzungsweise 20 Millionen Menschen – ein Sechstel der mexikanischen Bevölkerung – die Barackensiedlungen im ländlichen Raum und zogen in die neu geschaffenen Vororte der großen Metropolen Mexikos. Doch von den ambitionierten Plänen der Regierung sollten letztlich nur die wenigen Investor*innen profitieren. Sie erwirtschafteten mit ihren Bauprojekten enorme Gewinne und reihten sich als so genannte Nation Builders in die Ränge der reichsten Bürger*innen Mexikos ein.

Für die Menschen, denen ein besseres Leben versprochen wurde, entwickelte sich das Projekt hingegen zu einem sozialen wie auch finanziellen Desaster. Das Programm war von Anfang an von Korruption, schlechter Planung und Baumängeln geprägt.

Eine gescheiterte Vision

Ziel war es, die verfassungsgemäße Garantie eines würdevollen Zuhauses für alle zu erfüllen. Doch die Realität sah anders aus: Die Dächer der Häuser waren undicht, Wasserleitungen platzten, Wände bröckelten und in manchen Wohngebieten kam es zu tagelangen Stromausfällen. In einigen Fällen habe laut Los Angeles Times die mangelhafte Elektrik in den Häusern zu Kurzschlüssen geführt, die sich zu gefährlichen Bränden entwickelt hätten. Bis ins Jahr 2016 war die Wasserversorgung in manchen Neubaugebieten so schlecht, dass sie provisorisch mit Tanklastwagen gewährleistet werden musste.

Nachdem es zu zeitweise gewaltsamen Protesten der Bevölkerung gekommen war, zogen in der Folge hunderttausende Menschen wieder zurück aufs Land – andere schlitterten in die Obdachlosigkeit. Anstatt das versprochene bessere Leben zu bekommen, blieben die Fabrikarbeiter*innen, Kleinunternehmer*innen und Senior*innen auf den Krediten sitzen, die sie für ihren Hauskauf aufgenommen hatten und deren Hypothekenzahlungen selbst dann noch stiegen, als ihre Viertel längst zu Slums verfallen waren.

Die unter der Regierung des späteren Präsidenten Enrique Peña Nieto eingesetzte Ministerin für Landwirtschaft und Stadtentwicklung Rosario Robles bezeichnete die Situation in einer 2016 gehaltenen Rede als Paradoxon: „Wir haben Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und Wohnungen, in denen keine Menschen leben.“ Als hauptverantwortlich für das Desaster gilt das in Mexiko tätige Immobilienunternehmen Homex, das zeitweise über 50.000 Häuser in Mexiko bauen ließ. Aber während Homex weiterhin Empörung bei der Bevölkerung und in den Medien hervorruft, sehen die mexikanischen Behörden bis heute davon ab, gegen das Unternehmen wegen möglicherweise krimineller Handlungen zu ermitteln.

Finstere Paradiese

In seiner Heimatstadt Monterrey, im Nordosten Mexikos gelegen, beobachtet Jorge Taboada diese Entwicklungen zunächst. In Apodaca – einem Vorort der Millionenmetropole – stampfen die Investor*innen ganze Straßenzüge aus dem Erdboden. „Das ist eine erschütternde Realität, und das ganze Ausmaß wird erst aus der Luft sichtbar“, sagt Taboada im Gespräch mit Wired. Er hat am Institut für Technologische und Höhere Studien Monterrey (ITESM) Architektur studiert und schon früh die Probleme erkannt, die sich mit den Plänen der Regierung anbahnten. Der mexikanische Immobilienmarkt habe sich unter der anhaltenden Korruption zu einem undurchsichtigem Moloch entwickelt. Es würden Misstrauen und das Recht der Stärkeren dominieren. Verbraucherschutz sei so gut wie unbekannt. Und auf Recht und Gesetz poche man eigentlich nur dann, wenn es einem selbst etwas nütze.

Das sind kleine, betonierte Würfel, sehr heiß im Sommer und ohne Hinterhöfe.

Jorge Taboada

Von einem Vorort kann bei Apodaca derweil kaum noch die Rede sein: Lebten im Jahr 2000 noch etwa 270.000 Menschen in dem Ort, entwickelte er sich in den darauffolgenden Jahren rasend schnell zu einer Großstadt mit über 500.000 Einwohner*innen.

Für die Fotoserie Alta Densidad – übersetzt „Hohe Dichte“ – verband Taboada seine Erfahrung aus der Architektur mit der Leidenschaft der Fotografie. Aus einem Hubschrauber dokumentierte er mit Luftaufnahmen die „finsteren Paradiese“, wie Taboada die Wohnsiedlungen nennt, die im ganzen Land erschaffen worden sind. Die Wohnhäuser sind von großen Baufirmen ohne staatliche Regelungen gebaut worden. Parks und Naherholungsgebiete gibt es in den Siedlungen so gut wie nie. „Das sind kleine, betonierte Würfel, sehr heiß im Sommer und ohne Hinterhöfe“, sagt Taboada.

Er befürchte, die Menschen verlören mit dieser Art des Bauens ihr Gesicht und ihre Identität – sie könnten nahezu unsichtbar werden. „Einerseits sehe ich die Schönheit dieser Architektur – die monochromen Landschaften, die geometrischen Formen“, sagt er. „Aber dann denke ich, dass es Menschen gibt, die dort leben und die unter den Folgen der Entpersönlichung des Wohnens leiden.“

Außerdem auf ze.tt: Die hypnotische Architektur großstädtischer Häuserfronten

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