Die Identitäre Bewegung gibt sich feministisch, um neue Mitglieder anzuwerben

Eine Kampagne namens 120dB ruft Frauen dazu auf, sich gegen Gewalt durch Geflüchtete zu wehren. Wer dahinter steckt und was die Frauen erreichen wollen

Eine Demonstrantin unter der Fahne der Identitäten Bewegung im Januar in Köln. "Eine Armlänge Abstand", steht auf ihrer Jacke. © Getty Images I Sascha Schuermann

Eine junge Frau im grauen Shirt sitzt vor einem Billy-Regal und blickt eindringlich in die Kamera. Sie sagt: „Die Täter lauern überall: wenn wir von der Arbeit nach Hause kommen, wenn wir im Park joggen gehen.“ Eine andere Frau in einem anderen Zimmer setzt die Erzählung fort. Und noch eine. Der Film zeigt Frauen verschiedenen Alters, die dieselbe Geschichte erzählen. Es scheint, als ob die Aufnahmen mit der Laptopkamera aufgenommen wurden. Der fast vierminütige Film ist mit Klaviermusik unterlegt.

Die Szene stammt aus dem Imagefilm der Anfang dieses Jahres gegründeten Initiative 120dB. Die Frauen erzählen davon, dass sie umgebracht oder vergewaltigt wurden. Sie geben die Stimmen aus dem Jenseits der Frauen wieder, die von Geflüchteten umgebracht wurden.

„Ihr habt uns geopfert“, sagt eine der Protagonistinnen. Eine andere: „Wir sind nicht sicher, weil ihr euch weigert, unsere Grenzen zu kontrollieren.“ Am Ende des Videos fordert eine der Frauen die Zuschauer*innen dazu auf, unter dem Hashtag #120dB über „Erfahrungen mit Überfremdung, Belästigung und Gewalt“ zu berichten.

Wer steckt hinter 120dB?

Die Initiatorinnen der Initiative bezeichnen sich selbst als „ein Kollektiv von Frauen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum“. Sie wollen als „Sprachrohr“ für all jene Frauen fungieren, die Opfer sexueller Gewalt durch sogenannte Ausländerkriminalität geworden sind.

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Ein Blick ins Impressum der Initiative zeigt, wer wirklich hinter der Kampagne steht: die Identitäre Bewegung. ZEIT ONLINE bezeichnete die rechtsextreme Bewegung in einem Beitrag von 2017 als „Scheinriese“, da die Gruppe sehr geschickt darin sei, sich öffentlichkeitswirksam als schnell wachsende, große Organisation zu inszenieren. Die Identitäre Bewegung sagte zu ZEIT ONLINE, sie habe in Deutschland 400 Mitglieder, eine Recherche konnte allerdings nur etwa 100 aktive Mitglieder ermitteln.

Der Name der Initiative 120dB geht zurück auf einen Taschenalarm, der Frauen zu Selbstverteidigungszwecken empfohlen wird. Wenn man das Gerät aktiviert, ertönt ein Geräusch in der Lautstärke von 120 Dezibel. Der Lärm soll zum Beispiel bei einem Überfall die*den Täter*in in die Flucht schlagen und dem Opfer Aufmerksamkeit verschaffen.

Wie wurde die Initiative bisher aktiv?

Als Teil der Identitären Bewegung wissen auch die Initiatorinnen von 120dB, wie man sich öffentlichkeitswirksam in Szene setzt. Auf einer Podiumsdiskussion der Berlinale störte eine Gruppe junger Frauen kürzlich die Veranstaltung, indem sie auf der Bühne ein Banner ausrollte und eine der Frauen einen Taschenalarm aktivierte. Ein Video von Buzzfeed Deutschland zeigt, dass das Publikum mit Buh- und „Nazis-raus“-Rufen reagierte. Die Veranstalter*innen verwiesen die Gruppe daraufhin des Saals.

Was will 120dB erreichen?

Auf ihrer Website schreiben die Initiatorinnen von 120dB, sie wollten als Frauenrechtsinitiative auch außerhalb des Netzes aktiv werden. Sie haben sich vorgenommen, im Falle weiterer Gewalttaten durch Migranten an Frauen die Ermittlungen vor Ort zu beschleunigen. Wie sie das konkret umsetzten wollen, schreiben sie nicht.

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Da unter den 100 aktiven Mitgliedern der Identitären Bewegung mutmaßlich nur wenige Frauen sind, ist davon auszugehen, dass es sich bei 120dB um eine sehr kleine Gruppe handelt. Das bestätigt auch der Instagram-Accout @identitarian_girls, der als Plattform für die weiblichen Mitglieder der Identitären Frauen aus ganz Europa fungieren soll. Man sieht auf den Fotos – das erste Bild wurde im März 2016 hochgeladen – immer wieder dieselben Gesichter – ein gutes Dutzend junger Frauen. Einige davon tauchen auch im Imagefilm der 120dB-Kampagne und bei der Aktion auf der Berlinale auf.

Warum spielen sie ausgerechnet mit der Angst um „unsere Frauen“?

Was sich als Kampagne zum Schutz von Frauen aus dem deutschsprachigen Raum ausgibt, ist in Wirklichkeit eine Kampagne gegen männliche Geflüchtete. 120dB weiß schon lange, was auch das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in Umfrageexperimenten herausgefunden hat: „Wer Männer für das starke und Frauen für das zu beschützende Geschlecht hält, ist besonders empfänglich für rechte Propaganda über angeblich sexuell bedrohliche Fremde.“ Daher wird im Imagefilm bewusst zunächst von „unseren Müttern, Töchtern und Frauen“ gesprochen, um anschließend auf die „jungen Männer aus archaischen Gesellschaften“ hinzuweisen.

Repräsentativ für eine zunehmende Entwicklung sind diese fiktionalen Erfahrungsberichte der verstorbenen Opfer im eingangs erwähnten Imagefilm nicht. Aus einem Bericht des Bundeskriminalamtes (BKA) aus dem Jahr 2017 geht hervor, dass nur 1,7 Prozent aller verzeichneten Straftaten von Zuwanderern Sexualdelikte waren. Als Zuwanderer definiert das BKA Menschen mit dem Aufenthaltsstatus „Asylberechtigter/Schutzberechtigter“, „Asylbewerber“, „Duldung“, „Kontingent-/Bürgerkriegsflüchtling“ und „unerlaubt“. Die Hälfte der registrierten Fälle fand in Notunterkünften statt. Der Abschlussbericht des BKA von 2016 macht deutlich, dass bei zwei Dritteln aller Mord- und Totschlagdelikte Zuwanderer sowohl Täter als auch Opfer der Delikte waren.

Wieso verfolgt die Initiative einen vermeintlich feministischen Ansatz?

Frauen in der Identitären Bewegung geben sich betont modern: Mittelscheitel, Vintage-Lederstiefel und Rucksack über der Schulter. Mit emotionalen Texten und jungen Gesichtern stellt sich die Identitäre Bewegung als einflussreiche Jugendorganisation dar. Auf ihrer Homepage finden sich unter der Überschrift Wir sind viele und werden immer mehr bisher elf Mitgliederfotos. Sie ist in Wahrheit also eine sehr kleine Randgruppe.

Der Erfolg von #MeToo zeigt, wie viel Aufmerksamkeit die Debatte um die Selbstbestimmung der weiblichen Sexualität erzeugen kann. Das entging auch der Identitären Bewegung nicht. Dass sich rechte Gruppen polarisierende Taktiken aus anderen Szenen aneignen, ist kein neues Phänomen. Vor wenigen Jahren haben sich rechte Jugendgruppen bewusst Symbole der antifaschistischen Jugendkultur angeeignet.

Im Falle von #MeToo hat die Identitäre Bewegung offenbar verstanden, dass es sich lohnt, die Anliegen aus der Debatte für sich zu instrumentalisieren, um so neue Mitglieder anzuwerben. Es dürfte ihnen mit #120db nämlich vor allem darum gehen, sich eine neue Zielgruppe für ihre rechten Inhalte zu erschließen: Frauen.

Anmerkung: In einer vorherigen Version des Textes stand, dass 1,7 Prozent aller Sexualdelikte von Zuwanderern begangen werden. Wir haben die Zahl korrigiert: 1,7 Prozent aller Straftaten von Zuwanderern sind Sexualdelikte.