„Die Kippa wird nie wieder von den Straßen dieses Landes verschwinden“

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung rät jüdischen Menschen, nicht überall in Deutschland Kippa zu tragen. Gleichzeitig wird ein kollektives Kippa-Tragen aus Solidarität gefordert. Vier Jüdinnen*Juden berichten, was sie davon halten.

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Manche Jüdinnen*Juden sagen: Jetzt erst recht! Fotos: Privat / Collage: ze.tt

„Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen. Das muss ich leider so sagen.“ So äußerte sich Felix Klein am Samstag gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus trat somit eine Diskussion los, die sich in Deutschland jährlich zu wiederholen scheint. Im April 2018 hatte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, nach dem Angriff auf einen Kippa tragenden Mann in Berlin Einzelpersonen davon abgeraten, im „großstädtischen Milieu in Deutschland“ die traditionelle jüdische Kopfbedeckung zu tragen.

Klein begründete seine Warnung mit der „zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung und Verrohung“. 2018 ist die Zahl antisemitischer Straftaten stark angestiegen. Der Jahresbericht zur politisch motivierten Kriminalität des Bundeskriminalamts zeigte eine Zunahme von antisemitischen Straftaten von 19,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr: 2017 waren es noch 1504 Straftaten, ein Jahr später 1799. Etwa 90 Prozent der Straftaten sind rechtsextrem motiviert.

Am Samstag sollen Menschen als Zeichen der Solidarität Kippa tragen

Dennoch kam von allen Seiten Kritik an Kleins Aussage. Der israelische Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, sagte etwa, die Verschleierung der jüdischen Identität könne nicht die Antwort

Felix Klein
Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus Foto: Britta Pedersen / dpa

auf den Antisemitismus in Deutschland sein. Klein gab hingegen am Montag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur an, er habe mit seiner Aussage aufrütteln und „bewusst eine Debatte über die Sicherheit der jüdischen Gemeinschaft in unserem Land anstoßen“ wollen.

Klein rief aber auch dazu auf, am kommenden Samstag als Zeichen der Solidarität Kippa zu tragen. An diesem Tag wird in verschiedenen Ländern und Städten, darunter etwa auch in Berlin, mit einem Marsch der al-Quds-Tag begangen. Nach dem Vorbild Irans, wo der Tag ein gesetzlicher Feiertag ist, wird er genutzt, um mit Massendemonstrationen unter anderem die vermeintliche Befreiung Jerusalems von Israel zugunsten des palästinensischen Volks zu fordern. Manche Demonstrant*innen fallen dabei Jahr für Jahr durch antisemitische Aussagen auf oder fordern öffentlich die Auslöschung Israels.

Mehrere deutsche Zeitungen bieten seit dem Aufruf Kleins in ihren gedruckten Ausgaben oder online eine Kippa zum Ausschneiden an. Doch was halten eigentlich jüdische Menschen von dieser Art der Solidaritätsbekundung? Was lösen Warnungen wie die von Felix Klein bei ihnen aus? Wie gehen sie mit der Frage um, religiöse Symbole in der Öffentlichkeit zu tragen? Wir haben vier von ihnen gefragt:

Juna Grossmann, Bloggerin

Juna Grossmann
Juna Grossmann. Foto: Ralf Steeg

Es ist ja nicht das erste Mal, dass geraten wird, die Kippa nicht zu tragen. Wir haben es in den letzten Jahren immer und immer wieder gehört. Es ist für mich ein Zeichen von Hilf- und Ratlosigkeit. Und es macht mich wütend. Wütend, weil wieder wir unsere Leben ändern sollen, wir, die Zielscheiben des Hasses. Die Lösung scheint einfach. Jüdinnen*Juden würde man so nicht erkennen, also sollen sie sich unsichtbar machen. Nie ist empfohlen worden, dass Menschen ihr Kreuz ablegen. Nie würde jemand auf die Idee kommen, dass Menschen ihre Hautfarbe ändern, ihre Behinderung ablegen, um nicht mehr diskriminiert zu sein. Warum sollen wir uns ändern? Die, die hassen, sollen sich ändern.

Warum sollen wir uns ändern? Die, die hassen, sollen sich ändern

Ich will nicht zulassen, dass Antisemitismus mein Leben verändert. Lange habe ich den Davidstern an meiner Kette nicht getragen. Seitdem der Hass offener wird und seitdem immer wieder diese sogenannten Empfehlungen kommen, trage ich ihn bewusst – auch als Zeichen der Solidarität mit Menschen, die aus anderen Gründen diskriminiert werden, und die sich nicht verstecken können. Genauso trage ich T-Shirts mit hebräischer Aufschrift und ein Armband, an dem ein weniger auffälliger Granatapfel ist. Jetzt mag man denken, dass ich provozieren will. Doch was provoziert mehr als Menschen, die andere angreifen und diskriminieren, weil diese eine Kippa tragen, ein Kopftuch, einen Spruch in fremden Buchstaben?

Aktionen wie die Kippa zum Ausschneiden sind inzwischen so eine Art Reaktion geworden. Es ist ein zweischneidiges Schwert: Den alltäglichen Hass kann man so nicht unbedingt erfahren. Ich glaube daran, dass Menschen sich daran gewöhnen müssen, dass Menschen eben mit Kippa oder dem Turban der Sikh rumlaufen. Warum auch nicht? Es spielt doch nun wirklich keine Rolle, was Menschen auf dem Kopf tragen, und sei es die Balkonbepflanzung der letzten Saison. Sie tun es für sich, weil es für sie religiös oder traditionell wichtig ist. Wer sich dadurch provoziert fühlt, hat ein Problem mit sich, mit seiner Einstellung und sollte diese dringend überprüfen. Insgesamt würde ich mir wünschen, dass es weniger Hetze gibt, weniger Aktionismus und dafür konstanten Rückhalt und Unterstützung für Menschen, die diskriminiert werden.

Rachel Liven, Studentin

Um ehrlich zu sein: Die Warnung von Felix Klein ist nichts Neues für mich. Ich bin mit der Mahnung aufgewachsen, meine jüdische Identität nicht preiszugeben. Heute trage ich manchmal

Rachel Liven
Rachel Liven. Foto: Privat

eine Davidstern-Kette, wenn ich es nicht vergesse, Schmuck anzulegen. Seit einiger Zeit habe ich ein Tattoo auf dem Rücken, in das ein Davidstern eingearbeitet ist.

Das Tragen der Kippa ist mehr kulturelle Aneignung als Solidaritätsbekundung

Von Aktionen, die nicht jüdische Menschen dazu aufrufen, Kippa zu tragen, halte ich offen gesagt nichts. Es ist mehr eine kulturelle Aneignung als eine Solidaritätsbekundung. Und ein so wichtiges jüdisches Symbol wie die Kippa sollte nicht einfach ausgeschnitten werden und aus Papier sein!

Avital Grinberg, Vorstandsmitglied der Jüdischen Studierendenunion Deutschland

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Avital Grinberg. Foto: Privat

Mich erschüttert Kleins Aussage. Nicht, weil sie per sé nicht stimmt, sondern weil damit suggeriert wird, dass den eigenen Glauben zu verstecken, das Rezept gegen Gewalt und Angst sei. Es ist der simpelste Weg, der das Problem in seinem Wesen nicht trifft. Dass das Tragen der Kippa nicht immer und nicht überall sicher war und ist, ist bekannt. Statt aber sicherzustellen, dass Jüdinnen*Juden angstfrei auf der Straße laufen können, wird der Spieß umgedreht, als liege das Problem im Ausdruck ihres Glaubens.

Statt sicherzustellen, dass Jüdinnen*Juden angstfrei auf der Straße laufen können, wird der Spieß umgedreht.

Ich selbst trage keine religiösen Symbole. Das liegt nicht daran, dass ich mich nicht traue, sondern daran, dass es weder eine religiöse Pflicht ist noch etwas über mein persönliches Verhältnis zu meinem Glauben aussagt. Ich definiere mich sehr stark über meine jüdische Identität. Diese ist ein Teil meines Innenlebens, und wer in mein Inneres schaut, erkennt meinen Glauben ohne äußerliche Symbolik. Sehr gerne trage ich jedoch T-Shirts und Pullis unserer Jüdischen Ferienlager oder Veranstaltungen, welche eine wunderschöne Erinnerung an unsere Stärke und unseren Zusammenhalt sind.

Ich bin gemischter Gefühle, wenn es etwa um den Aufruf zum kollektiven Tragen der Kippa geht. Einerseits ist Solidarität wertvoll. Natürlich freue ich mich, wenn dadurch das jüdische Leben offener diskutiert wird und Unterstützung findet. Andererseits ist die Kippa eine religiöse Symbolik, nicht einmal eine Pflicht der Thora und sollte deshalb aus Überzeugung – nämlich der Heiligkeit Gottes und der Menschlichkeit – getragen werden. Sie gehört zwar auch zu Deutschland, aber an erster Stelle gehört sie zum Judentum. Ob also das Tragen der Kippa der richtige Weg ist, bezweifle ich, wobei ich die Bemühung und Suche nach Lösungswegen sehr begrüße.

Mike Samuel Delberg, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Ich halte die Arbeit von Felix Klein und die der weiteren Antisemitismusbeauftragten in Deutschland für äußerst wichtig. Warnungen vor dem offenen Tragen jüdischer Symbole sind nicht neu. Und

Mike Samuel Delberg
Mike Samuel Delberg. Foto: Privat

das Tragen einer Kippa ist in Deutschland tatsächlich nicht gefahrlos möglich, zumindest nicht uneingeschränkt. Aber dennoch habe ich es satt, dass uns ständig Empfehlungen ausgesprochen werden, was wir jüdischen Menschen tragen oder nicht tragen sollten, oder welche Orte von uns lieber zu meiden sind. Warum sollte ich mich verstecken, wenn ich doch nichts anderes gemacht habe, als einfach jüdisch zu sein? Deshalb habe ich mich dazu entschieden, von nun an die Kippa zu tragen. Überall.

Warum sollte ich mich verstecken, wenn ich doch nichts anderes gemacht habe, als einfach jüdisch zu sein?

Obwohl das Judentum schon seit meiner Kindheit ein Teil meines Lebens ist, war ich nie so religiös, dass ich meine Kippa auf der Straße getragen hätte – vielleicht mal auf dem Weg von der Synagoge nach Hause oder für ein schönes Foto. Jetzt trage ich sie aus Solidarität mit meinen religiösen Gemeindemitgliedern, und damit dieses jüdische Symbol wieder ein Stückchen mehr Teil des sichtbaren Judentums meiner Stadt wird. Die Kippa wird nie wieder von den Straßen dieses Landes verschwinden. Mancherorts erfordert das Schutz. Doch der Schutz von uns Jüdinnen*Juden kann doch nicht darin bestehen, uns zur Vorsicht zu mahnen.

Wenn Antisemitismus endlich als das verstanden wird, was es ist – ein gesamtgesellschaftliches Problem, das jede*n von uns betrifft – dann wird es auch möglich sein, ihn nachhaltig zu bezwingen. Deshalb finde ich die Initiativen zum gemeinsamen Tragen und Ausschneiden der Kippa sehr toll und hoffe, bald ganz viele der schönen Papier-Kippot in den Bussen, Bahnen, Arbeitsplätzen und Straßen zu sehen. Solidarität, Aufklärung und ein gemeinschaftliches Vorgehen sind die richtigen Mittel zur Bekämpfung von Judenhass. Der Antisemitismus hat viele verschiedene Ursprünge. Einer von ihnen ist schlichtes Unwissen. Man hat oft Angst vor dem, was man nicht kennt. Je sichtbarer aber jüdisches Leben und jüdische Symbole in unserem Alltag auftauchen, desto eher könnte die Furcht vor dem Unbekannten schwinden.