Die Komödie „Late Night“ ist woke, aber leider nicht viel mehr

Die neue Komödie mit Emma Thompson und Mindy Kaling hat viele schlaue politische Ideen. Aber leider nicht die Puste, sie zu diskutieren. Eine Kritik

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„Eigentlich haben wir eine Science-Fiction gemacht“, meinte Emma Thompson. Filmstill: © Entertainment One

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„Eigentlich haben wir eine Science-Fiction gemacht“, meinte Emma Thompson zu Stephen Colbert, als sie in seiner Show den Film Late Night vorstellte. Und das stimmt: In den USA gibt es keine Frau, die eine große Late-Night-Show moderiert. Zumindest nicht auf einem Level mit Kimmel, Fallon und Colbert. Drei Typen, die man mit zusammengekniffenen Augen kaum auseinanderhalten kann.

Klar, es gibt Ellen und Oprah, aber die laufen tagsüber. Die Shows von Robin Thede und Sarah Silverman wurden abgesetzt. Das Fehlen von weiblichen Late-Night-Hosts ist über die US-Grenzen hinaus ein bekanntes Problem. Auch die deutschen Sendungen von Anke Engelke und Enissa Amani sind längst Geschichte.

Aber zumindest in Nisha Ganatras Komödie Late Night wird diese Science-Fiction, dieser Traum von einer starken Comedienne im abendlichen Rampenlicht, endlich wahr.

Grande Dame sucht Diversität

Emma Thompson spielt Katherine Newburry, die Grande Dame der US-amerikanischen Abendunterhaltung. Leider hilft ihr diese königliche Aura nicht gegen schlechte Quoten. Während Jimmy Fallon sich mit Robert Downey Jr. vergnügt, interviewt sie Politikerinnen, die niemanden interessieren. Während andere viral gehen, quält sich Newburry durch ein abgeschmacktes Stand-up-Programm.

Der eigentliche Witz: Obwohl Catherine sich selbst für eine Feministin hält, kann sie nicht mit Frauen zusammenarbeiten, ihr Writers’ Room besteht komplett aus Männern. Das steht sinnbildlich für alle Frauen, die Karriere machen, ohne sich dabei mit anderen Frauen zu solidarisieren, und ist die erste schlaue Beobachtung, die der Film macht. Weitere werden folgen.

Catherine sieht sich zum diversity hire gezwungen. Also dazu, eine Frau einzustellen, um ein bisschen die Quote und das eigene Image aufzubohren. Die Kandidatin ist schnell gefunden: Mindy Kaling, die Drehbuchautorin des Films, spielt Molly. Die hat zwar noch nie in der Branche gearbeitet, soll sich jetzt aber in Catherines Boys‘ Club beweisen.

Was folgt, ist gleichzeitig eine Abrechnung mit der US-amerikanischen Comedykultur wie auch mit dem male gaze, der sie durchdringt. Als Außenseiterin erkennt Molly schnell, woran es Newburrys Show mangelt: virale Videos und authentisches Stand-up. Catherine soll doch bitte von sich selbst erzählen und zwar das, was nur sie erzählen kann.

Machterhalt durch neue Allianzen

Was zuerst wie eine Plattitüde klingt, ist das clevere Herzstück des Films. Die schwierige alte weiße Frau wird in Hollywood selten in den Mittelpunkt einer Sozialsatire gestellt. Das ist aber eine sehr interessante Figur, die sich inmitten einer Ausbeutungsstruktur befindet: Nach unten muss sie treten, um ihren Status zu beweisen, von oben wird sie nur belächelt.

Late Night zeigt Catherine als alternde Diva, die langsam versteht, dass es neuer Allianzen bedarf, um an der Macht zu bleiben. Gleichzeitig entdeckt sie, was nur sie im Stand-up ausdrücken kann: eine bissige Patriarchatskritik. Das Highlight des Films mag ihr Satz sein: „Ich bin so alt, dass ich mittlerweile Sean Penns Mutter spielen würde, während Emma Stone seine Geliebte wäre.“

Dass Catherine schließlich auf Molly zugeht, öffnet einen Diskursraum zwischen Gleichheits- und Quotenfeminismus. Eine spannende Allianz, die man sich im echten Leben vielleicht zwischen Svenja Flaßpöhler und Margarete Stokowski vorstellen müsste.

Der Film lässt viele Fragen unbeantwortet

Leider macht Late Night viele solcher hochspannenden Themen auf, ohne sie wirklich im Detail zu verhandeln. Gerade ein Film, der in der Comedybranche spielt, hätte sich ja mal der Frage widmen können, die viele Komiker*innen nach Hannah Gatsbys Netflix-Special Nanette umtreibt: Worüber darf man denn noch Witze machen? Aziz Ansari hat das neulich in seinem Stand-up-Special auf Netflix ganz treffend erörtert, Dave Chapelle hat sich diese Woche dazu mit einem Bit blamiert, das nicht nur rassistisch, sondern auch transfeindlich war. Late Night macht keine wirkliche Aussage dazu. Zu derbe soll es zwar nicht werden – ein Mario-Barth-Pendant wird kritisiert – das war’s dann aber auch schon.

Als der Writer’s Room zum Ende des Films immer diverser wird, hätte der Film auch die Frage stellen müssen, inwieweit die weiße Frau Catherine eigentlich ihre multi-ethnischen Angestellten ausbeutet. Hat dieses Arbeitsverhältnis nicht auch etwas von Kolonialismus und Aneignung? Der Film bleibt uns eine Erörterung schuldig. Solange sich die Weißen hier solidarisch zeigen, kommen sie unbescholten davon, egal wie sehr sie von Schwarzer Arbeit profitieren. Und so geht es dem Film mit vielen seiner Themen. Auch #MeToo wird angerissen, aber nicht verhandelt. Manche mögen das einer Sommerkomödie verzeihen, differenzierter wäre es trotzdem gegangen.

Leider hapert es auch auf der komödiantischen Seite. Catherines und Mollys Stand-up-Sequenzen haben Sitcom-Charakter: Kein Mensch würde über viele dieser gestelzten Gags lachen, das Publikum kriegt sich aber natürlich trotzdem nicht mehr ein. Dabei erschallt das Lachen oft schon vor der eigentlichen Pointe. Das wirkt leider albern und nervt.

Und so bleibt Late Night eine lockere, politische Komödie, der irgendwann die diskursive Puste ausgeht. „Comedy ist eine Meritokratie“, sagt Catherine im Film und meint damit: Jede*r kann Komiker*in werden, man muss nur lustig sein. Seltsam, dass dieser Film es nicht wirklich ist – schließlich haben Komikerinnen ihn gemacht.

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