Die lange Suche nach dem Therapieplatz: Zwei Betroffene erzählen

Mehrere Wochen – meistens aber eher Monate – müssen Menschen mit psychischen Erkrankungen oft auf einen Therapieplatz warten. So auch Dave (24) und Astrid (60). Zwei Protokolle

mental-health-therapie-suche-hilfe-gesundheit
"Vielleicht versuchen Sie es in einem halben Jahr nochmal." Foto: Soragrit Wongsa / Unsplash | CC0

Einen Therapieplatz zu bekommen, ist kein leichtes Unterfangen. In einigen Regionen in Deutschland besteht eine erhebliche Unterversorgung (Pdf) an kassenzugelassenen Psychotherapeut*innen. Insgesamt gibt es im ganzen Land um die 27.000 (Pdf). Dem gegenüber steht ein gewaltiger und weiter steigender Bedarf an Therapieplätzen (Pdf). Und weil der so hoch ist, müssen sich die meisten auf mehrere Monate Wartezeit einstellen.

Dave* und Astrid kennen dieses Problem. Unzählige Male sind sie auf den Anrufbeantwortern der Praxen gelandet, mussten immer wieder fremden Menschen ihre intimsten Probleme am Telefon erzählen, hatten verschiedene Therapeut*innen und Erstgespräche. Dazwischen hieß es immer: Warten. Hier erzählen sie von ihren Erfahrungen.

Astrid, 60 Jahre

Ich hatte bisher zwei Therapien. Als ich vor mehr als 30 Jahren das erste Mal begonnen habe, nach Therapieplätzen zu suchen, rief ich eine Therapeutin nach der anderen an. Damals dachte ich, es sei besser, das alles einer Frau zu erzählen, weil ich befürchtete, dass Männer das nicht nachvollziehen könnten. Heute weiß ich, dass Männer manchmal sogar die besseren Therapeuten sein können. Denn die schlimmste Ablehnung habe ich von Frauen bekommen. Eigentlich verständlich. Vergewaltigung ist so ein Thema, das in erster Linie Frauen betrifft. Ich bin mir relativ sicher, dass manche eine Therapeutin leicht angstbesetzt reagierte.

Ich hörte eine Menge verschiedener Anrufbeantworter. Selten bekam ich eine*n Therapeut*in ans Telefon.

Die Anrufe waren sehr belastend. Ich musste genau das erzählen, was ich am liebsten vergessen würde. Und die Rückfragen waren noch schlimmer. Da kamen Sachen wie: „Und? Ist das jetzt nur einmal passiert? Oder war das öfter?“, „Haben Sie zu diesen Männern noch Kontakt? Es wäre gut, wenn Sie den abbrechen könnten!“, „Sie sagen, das war etwa zur Zeit der Einschulung. Warum melden Sie sich so spät?“ Vermutlich war das nicht so gemeint, aber es klang schon vorwurfsvoll. Was mich lange störte: Die Therapeut*innen ließen sich oft in epischer Breite den Fall schildern, um dann zu sagen: „Leider habe ich derzeit keinen Therapieplatz frei. Vielleicht versuchen Sie es in einem halben Jahr noch einmal.“

Dass keine Kapazität da ist, wussten sie wohl schon, als ihr Telefon klingelte. Es gab keine Wartelisten, man konnte sich nicht vormerken lassen – wieso also nicht sofort sagen: „Derzeit kann ich keine neuen Patienten annehmen. In dringenden Fällen ist die Psychiatrie eine Anlaufstelle, denn wir wollen niemanden unversorgt zurücklassen.“ Generell scheint es unter den Therapeut*innen kein Netzwerk zu geben. Letztendlich hatte ich Glück und fand einen Psychiater, der gerade neu angefangen hatte und Patient*innen aktiv suchte. Schon beim Erstgespräch merkte ich – mit dem kann ich. Der ist okay, der hört zu, der wird mir helfen können. Bei ihm habe ich viel gelernt: Mache, was dir sinnvoll erscheint. Lege Pausen ein. Was dir komisch vorkommt, das lass einfach sein. Du bist wer, also fordere es von anderen ein.

Meine zweite Therapie war vor etwa zehn Jahren. Während die erste nur stabilisierte, konnte die zweite richtig aufräumen. Ich lernte damals eine Therapeutin kennen, die mir anbot, die „Reste“ aufzuarbeiten. Mit einem ganz anderen Ansatz als dem rein analytischen. Aber sie hatte keine Zulassung von der Kasse. Also wieder eine Menge Anrufe bei Therapeut*innen, um der Kasse zu beweisen, dass kein*e zugelassene*r Therapeut*in mich überhaupt therapieren kann. Die Situation hatte sich, im Vergleich zu 1990, deutlich verschlimmert. Ich hörte eine Menge verschiedener Anrufbeantworter. Selten bekam ich eine*n Therapeut*in ans Telefon. Und sobald ich mein Problem geschildert hatte, wurde es manchmal ganz absurd: „Ich behandle keine vergewaltigten Frauen. Die machen nur Probleme“, „Moment mal. Sie sagten doch, Sie seien verheiratet. Dann haben Sie doch alles im Griff“, „Ich kann Ihnen einen Termin für ein Erstgespräch geben. Und einen Therapieplatz könnte ich Ihnen in elf Monaten anbieten, wenn kein dringender Fall dazwischenkommt!“ Insgesamt brauchte ich einige Monate, bis die Kasse mir zusagte, die Hälfte der Kosten für meine zweite Therapie zu erstatten.

Dave*, 24 Jahre

Ich habe eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit vier Anteilen: einem depressiven, einem schizoiden, einem paranoiden und einem dissozialen. Den ersten Besuch bei einem*r Therapeut*in hatte ich mit etwa 14 Jahren, es war ein Erstgespräch bei einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, das Jugendamt hatte mich damals dorthin geschickt. Bis ich dort eine Rückmeldung bekommen habe, sind fast zwei Jahre vergangen. Man hat mir einen Platz in der stationären Betreuung angeboten, ich habe abgelehnt, weil mittlerweile mein Abschluss anstand und ich mich auf die Schule konzentrieren wollte. Nach einem notgedrungenen Aufenthalt in der Psychiatrie ein paar Jahre später, mit 18 Jahren, machte ich mich das erste Mal so wirklich auf die Suche nach einem*r Therapeut*in in ambulanter Behandlung.

Hätte mich jemand vor fünf Jahren auf die richtige Therapieform hingewiesen, hätte ich sie längst machen können. Stattdessen warte ich immer noch.

Ich landete bei einem Verhaltenstherapeuten. Den Platz bei ihm habe ich relativ schnell bekommen, weil die Praxis neu war. Das ist immer ein guter Tipp: Nach Praxen suchen, die vor Kurzem erst geöffnet haben. Sie haben noch nicht viele Patient*innen. Die Therapie hat mir damals nicht wirklich geholfen, ich war auch noch nicht so weit, viel daraus mitnehmen zu können. Deshalb wollte ich danach eine tiefenpsychologische Therapie machen – einfach mal einen anderen Ansatz, um zu gucken, ob mir das weiterhilft. Ich habe eine lange Liste abtelefoniert und einige Monate gewartet, bis ich eine Therapeutin gefunden habe. Dann hat es wiederum einige Wochen gedauert, bis die Anträge bei der Krankenkasse durch waren. Die Therapie habe ich aber schnell wieder abgebrochen, auch sie hat nicht wirklich geholfen.

Weil ich nicht mehr weiterwusste, habe ich mich an den Sozialpsychiatrischen Dienst gewandt. Heute weiß ich: Das ist die beste Stelle, an die man sich wenden kann, wenn man auf der Suche ist – auch, wenn man vorher noch keinen Kontakt zu Therapeut*innen hatte. Innerhalb von ein paar Tagen hatte ich dort einen Termin. Sie empfahlen mir, eine medizinisch-berufliche Reha zu machen. Seit Oktober 2019 stehe ich dort auf der Warteliste. In der Reha werde ich nicht in einer herkömmlichen Klinik sein, sondern über drei bis neun Monate in einer Art Wohngemeinschaft, die von Therapeut*innen betreut wird. Um wieder mit Leuten klarzukommen und resozialisiert zu werden.

Gerade in den Jahren, in denen ich mich so viel um die Therapieplatzsuche kümmern musste, ist das liegengeblieben. Man sucht lange einen Platz, verbringt viel Zeit mit Warten. Das verbraucht Kraft, und in der ganzen Zeit hat man sein eigentliches Problem ja immer noch. Und während der Therapie ist man so viel mit sich beschäftigt, dass soziale Kontakte oft in die Brüche gehen – davor warnen auch Therapeut*innen. In der Zeit haben mir vor allem Selbsthilfeforen geholfen. Die sind auch gut für den Austausch, wenn man Fragen zur Therapieplatzsuche oder anderem hat.

Nach all den Jahren weiß ich: Eine*n Therapeut*in zu finden, braucht Zeit, ist aber gar nicht unbedingt das große Problem. Das Problem ist eher, den*die richtige*n Therapeut*in zu finden. Es wird viel angeboten: Verhaltenstherapien, tiefenpsychologische Therapien, Schematherapien, Traumatherapien. Aber es gibt wenig Aufklärung, wo die Unterschiede liegen und was für eine*n selbst Sinn machen könnte. Hätte mir 2015 schon jemand von der Reha erzählt, hätte ich das direkt gemacht. Aber ich wusste es einfach nicht.

*Name von der Redaktion geändert