Die Mär vom schwulen Frisör: Warum es ein Problem ist, dass Homosexuelle oft nur bestimmte Berufe ergreifen

Der Frisör ist schwul, der Ingenieur ist hetero. Wieso diese Klischees oftmals stimmen, wie das unsere Gesellschaft beeinflusst und weshalb dies der Arbeitswelt nicht guttut. 

"Ach, du bist schwul? Na dann machst du bestimmt was mit Mode oder Styling!" © mickmorley / photocase.de

Ein Samstagabend vergangenen Sommer in Stuttgart. Ich saß mit meiner Mitbewohnerin in einer fremden Wohnung am Esstisch. Von allen Anwesenden kannten sich die wenigsten, aber darum ging es bei der Aktion: neue Leute kennenlernen in der anonymen Großstadt. Die Gastgeberin schlug vor, dass wir uns gegenseitig nicht verraten, was wir beruflich machen, sondern alle Gäste erstmal raten dürfen. Als ich an der Reihe war, kamen für mich nicht wirklich überraschende Vorschläge: Frisör, „Vielleicht was mit Mode?“, „Ich würde sagen, du bist Grafikdesigner!“ – ich hatte alles schon mal gehört.

Nun, so richtig beleidigt war ich nicht über die Vermutungen. Mein wuscheliger Lockenkopf mit Undercut und mein billiges Jeanshemd führten offensichtlich zu dem Schluss, dass ich wohl in der Mode- oder Stylingbranche arbeiten muss. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ich nicht versteckt habe, dass ich schwul bin. Ich outete mich als Prozessingenieur, alle waren überrascht. Ein Hätte-ich-niemals-Gedacht konnte ich weglächeln, ein Das-passt-gar-nicht-zu-Dir von der Gastgeberin brachte mich jedoch zum Stutzen. Schließlich kannte sie mich gar nicht. Sehe ich nicht hetero genug aus um Ingenieur zu sein?

Manche Klischees haben einen wahren Kern

Ich verstehe allerdings schon ein bisschen, woher ihre Verwunderung kam. In meinem Maschinenbau-Masterstudiengang waren wir 59 Männer, eine einzige Frau. Ich gehe davon aus, dass außer mir alle hetero waren, – zumindest gab es keine anderen Selbstaussagen. Insgesamt wirkte die ganze Campuskultur der Ingenieurwissenschaften auf mich sehr heteronormativ und männerdominiert. Zudem tummeln sich in meinem schwulen Freundeskreis tatsächlich vor allem Psychologen, Opernsänger, Mode- und Grafikdesigner und eben auch Frisöre. Damit erfüllen meine Freunde die mehr oder weniger bekannten Klischees über schwule Berufe. Obwohl ich Schubladendenken so sehr hasse, ich komme zu den gleichen Schlüssen wie die Gastgeberin: Ingenieure sind wohl eher selten schwul.

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Es bleibt aber nicht nur bei unseren Klischeebeobachtungen. Wenn man sich wissenschaftliche Erhebungen anschaut, bestätigt sich das Muster. Trotz gleicher Ausbildungsqualität im Vergleich zu Heterosexuellen arbeiten LGBTQ vermehrt in sozialen und kreativen Berufen, dafür unterdurchschnittlich oft im natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Das liegt selbstverständlich nicht daran, dass Lesben und Schwule per se kreativer oder sozialer wären. Diese Stereotype gibt es zwar auch, sie bewahrheiten sich wie erwartet allerdings nicht.

Schutzzone gesucht: Hier fühlen sich LGBTQ wohl

Die Wissenschaft glaubt, einen anderen Grund für die eher einseitige Berufswahl von LGBTQ gefunden zu haben, den ich aus meinen persönlichen Erfahrungen nur bestätigen kann: die erwartete Diskriminierung. Die berufliche und die sexuelle Orientierungsphase verlaufen oft zur gleichen Zeit. Junge LGBTQ haben in dieser Zeit gegebenenfalls die ersten Diskriminierungserfahrungen gemacht. Sie bewerten bewusst oder unterbewusst potenzielle Berufsfelder danach, ob ihnen dort ähnliches widerfahren könnte. Natürlich sollte die eigene sexuelle Orientierung in der Schule, im Studium und am Arbeitsplatz keine Rolle spielen. Tut sie aber. Manche Jobs gelten als stereotypisch homofreundlich – dazu zählen eben soziale und kreative Berufe. Sich diesem Klischee in der Jobwahl zu bedienen, macht für die Betroffenen einiges einfacher. Sie müssen ihre Sexualität oder Identität weder rechtfertigen noch verstecken. Sich eine berufliche Schutzzone zu suchen, ist manchmal einfacher, als sich in die heteronormative Höhle des Löwen zu wagen.

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Ich will damit nicht sagen, dass alle LGBTQ in eventuell-stereotypischen Berufen dort landeten, um eventueller Diskriminierung zu entgehen und nun dort falsch aufgehoben sind. Bei weitem nicht. Viele weitere Aspekte wie Talente, Interessen, Berufsgestaltung, soziale Absicherung sind oftmals entscheidend und das ist auch gut so. Was ich aber betonen möchte:

Der Faktor, wie LGBTQ-freundlich ein Berufsfeld ist, darf in einer offenen Gesellschaft kein berufsentscheidendes Kriterium mehr sein.“

Personen, die lesbisch, schwul, bisexuell, queer und/oder trans sind, dürfen nicht das Gefühl haben, es stünden ihnen nicht alle Optionen bei der Berufswahl offen. Jeder einzelne nicht erfüllte Wunsch nach einer Traumkarriere ist ein zu bedauerndes Schicksal.

Manche Jobs werden bunt, andere nicht

Die Statistik lässt vermuten, dass die als homofreundlich geltenden Berufszweige von jungen Menschen aus der LGBTQ-Szene häufiger verfolgt werden und sich die Klischees so verfestigen. Ein Teufelskreis. Andere Berufsfelder hingegen, zum Beispiel die Natur- und Ingenieurwissenschaften, werden weiterhin gemieden, bleiben heteronormativ und facettenarm, und verpassen so eventuell den nächsten Alan Turing oder die nächste Sally Ride.

Ich bin trotz Angst vor Benachteiligung Ingenieur geworden. Ich würde gerne sagen, dass meine Angst vor Diskriminierung völlig unbegründet war, aber das war sie leider nicht. In den Ingenieurwissenschaften sind immer noch sexistische, homo- und transphobe Stimmungen zu spüren. Trotz gelegentlicher Tiefen bin ich aber enorm glücklich mit meiner Jobentscheidung. Ich lerne jeden Tag mehr über meine echte Leidenschaft und das überschattet locker so manchen homophoben Kommentar.

Aber auch die Hochschulen und Universitäten im Bereich Wissenschaft und Technik müssen endlich bewusst auf LGBTQ zugehen. Und auch alle LGBTQ möchte ich ermutigen: Habt Mut eure Traumkarriere zu verfolgen, sei sie noch so klischeehaft oder eben nicht. Gemeinsam machen wir endlich die gesamte Arbeitswelt bunter.