Die Netflix-Serie „Unorthodox“ spart Probleme aus, die jüdische Menschen in Berlin haben

Unorthodox erzählt die Selbstermächtigungsgeschichte einer jungen Jüdin, die aus ihrer ultraorthodoxen Gemeinde nach Berlin flieht. Die Hauptstadt kommt dabei zu gut weg. Eine Kritik

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Bei der jüdisch-orthodoxen Gemeinde Satmar wird Jiddisch gesprochen – die Männer tragen Bärte und Schläfenlocken. Filmstill: © Netflix

„Es ist reine Physik. Der Mann gibt, die Frau empfängt“  mit diesen Worten wird Esty (Shira Haas) von ihrer Schwägerin in ihr neues Leben eingeführt. Ein Leben, dessen einziges Ziel darin besteht, eine Familie zu gründen und den Ehemann zu ehren. Denn Esty ist Teil der chassidischen Gemeinde Satmar, die von ultraorthodoxen Jüd*innen gegründet wurde. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Gemeinde im New Yorker Viertel Williamsburg ansässig. Männer, allen voran der Rabbiner, haben hier das Sagen.

Esty, die eigentlich Esther heißt, wird bereits mit 17 Jahren an einen Mann verheiratet, den sie nicht kennt. Er ist ihr nicht unsympathisch, aber im Denken und Handeln in den patriarchalen Strukturen der Satmar fest verankert. Esty muss ihre langen Haare abrasieren und darf ihrer Leidenschaft, dem Singen, nicht länger nachgehen, weil das als zu verführerisch gilt. Nach zwei Jahren Ehe bricht Esty aus diesem orthodoxen Mikrokosmos aus. Zu groß ist der Druck, der auf ihr lastet, ihrem Mann und der Gemeinde Nachkommen zu schenken. Zu groß ist ihr Bedürfnis, sich selbst zu finden.

Die Netflix-Miniserie Unorthodox erzählt in vier Episoden, wie die junge Frau auf der Suche nach einem selbstbestimmteren Leben jenseits aller religiösen Zwänge Zuflucht in Berlin sucht. Inspiration dafür lieferte Deborah Feldmans gleichnamige Autobiografie, in der sie von ihrer Zwangsehe, von Ausgrenzung sowie der Flucht aus eben jener chassidischen Gemeinde erzählt. Auch die US-amerikanisch-deutsche Autorin lebt inzwischen in Berlin.

So schön wie Unorthodox es will, ist Berlin leider nicht

Die Flashbackszenen, die in Williamsburg spielen, halten sich nah an Feldmans Memoiren. Sie sind detailreich ausgestaltet. Hier wird Jiddisch gesprochen, denn die Gemeindemitglieder lehnen die englische Sprache als „unrein“ ab. Hier tragen die Männer stets Bart und Schläfenlocken – und zu besonderen Anlässen einen Shtreimel (Nerzhut). „Ich finde, dass bei der Darstellung von Gemeinden die Details stimmen müssen“, sagt Story-Editor Daniel Hendler im Making-of zur Serie.

Die Berlinparts hingegen sind frei erfunden. Deborah Feldman hat das orthodoxe Familienumfeld in den Nullerjahren verlassen. Die Netflix-Serie verortet Estys selbst gewähltes neues Leben im Heute. In der Realität hat Deborah Feldmann den Antrieb für ein selbstbestimmteres Leben in der Literatur gefunden, die Serienmacherinnen Maria Schrader (Regie), Anna Winger und Alexa Karolinski (beide Drehbuch) bringen ihre Protagonistin hingegen an eine Musikhochschule: Hier möchte Esty sich ihrer künstlerischen Seite widmen, die sie ihrem Mann Yakov (Amit Rahav) zuliebe – um ihm keine Schande zu machen – unterdrückt hat. Dank einer Zufallsbekanntschaft findet sie sich inmitten einer Gruppe von Musikstudent*innen wieder, die es aus den verschiedensten Ecken der Welt nach Berlin verschlagen hat.

„Die ersten Jahre waren sehr dunkel“, erzählt Feldman im Podcast Unangepasst über die Zeit nach ihrem Weggang aus der chassidischen Gemeinde. Kein Job, keine Freunde und ein kleines Kind erschwerten ihr das neue Leben. Bei Esty wirkt der Neustart indes wie eine bloße Lifestyle-Änderung, für die das Hipster-Berlin die ideale Kulisse bietet. Hier wird Esty für ihre abrasierten Haare, die sie früher mit einer Perücke bedecken musste, in einem Club als en vogue gefeiert. Ihr zunächst etwas trutschiger Kleidungsstil ist kombiniert mit ein paar Secondhand-Accessoires plötzlich vintage.

Das wirkt ebenso verkitscht wie die extra diverse Gruppe an Musikstudent*innen. Natürlich setzt sich die unter anderem aus einer religionskritischen Israelin, einem Palästinenser und einem, wie er es formuliert, „schwulen Jungen aus Nigeria“ zusammen. Das ist zwar ein sehr schönes Bild von einer deutschen Hauptstadt, in der alle miteinander klarkommen. Durch diese Protagonist*innen-Konstellation entwickelt sich aber auch eine sehr einseitige und idealisierte Berlinromantik.

Dass es hier in den vergangenen Jahren einen Anstieg antisemitischer Übergriffe gegeben hat, findet in der Serie beispielsweise keine Erwähnung. Allein in der ersten Jahreshälfte 2019 ereigneten sich 404 antisemitische Vorfälle. Schüler*innen von Berliner Schulen äußerten sich über zunehmendes antisemtisches Mobbing und suchten Zuflucht am Jüdischen Moses Mendelssohn Gymnasium, wie dessen Direktor dem Tagesspiegel gegenüber mitteilte. Auch die Jugendlichen dort teilten ihre Erfahrung mit Antisemitismus: Viele von ihnen trauen sich nicht mehr, eine Kette mit dem Davidstern oder öffentlich eine Kippa zu tragen. Nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle 2019 wurden auch in Berlin Forderungen nach mehr Schutz laut.

In der Serie soll Berlin jedoch wie der ideale Zufluchtsort erscheinen. „Es gibt eine Art geschichtlicher Kehrtwende“, sagt Anna Winger, ebenfalls Jüdin, die aus den USA nach Berlin gezogen ist, im Making-of zur Serie. „Wir haben eine jüdische Figur, die, um den Begrenzungen ihres Lebens zu entkommen, an den Ort zurückkehrt, wo das Trauma ihrer Gemeinde seinen Ursprung nahm.“

Doch außer einem Bad im Wannsee, gegenüber der Villa, in der 1942 die Vernichtung der Jüd*innen beschlossen wurde – wie einer der jungen Musiker bloß beiläufig bemerkt –, das Estys Selbstermächtigung symbolisieren soll, bleibt die Auseinandersetzung mit diesem Trauma aus. Und ebenso seine andauernden Auswirkungen auf Jüd*innen heute.

In der Idealisierung Berlins zeigt sich die größte Schwäche der Serie: Frei von der Buchadaption hätten die Macher*innen auch das aktuelle Leben von Jüd*innen in Berlin abbilden können, statt sich auf das Klischee der multikulturellen Metropole zu beschränken. Die Realität ist leider nicht so rosig, wie es die Serie sich wünscht.

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