Facebook tut so, als ob es sich für deine Gesundheit interessiert – das ist Heuchelei

Facebook und Instagram führen eine Funktion ein, die helfen soll, die Zeit mit diesen Apps bewusster zu gestalten. Dahinter steckt eher Kalkül als die Sorge um die Gesundheit der Nutzer*innen. Ein Kommentar

Facebook & Instagram: Die neue Funktion Zeitbegrenzung ist Heuchelei

Schon paar Likes? Foto: rawpixel / Unsplash | CC0

Ist Facebook plötzlich ein Unternehmen, das sich um die Gesundheit seiner Nutzer*innen sorgt? Auf diesen Gedanken könnte man kommen, wenn man eine neue Pressemitteilung des Unternehmens liest. Daraus geht hervor, dass sich künftig sehen lässt, wie viel Zeit man mit ihren Apps Facebooks und Instagram verbringt. Zudem lässt sich einstellen, wie lange man sie täglich nutzen möchte. Ist die diese Zeit aufgebraucht, blinkt eine Erinnerung auf, die darüber informiert. Außerdem lassen sich künftig Push-Benachrichtigungen leichter stumm schalten. Die Begründung für die neuen Funktionen: „Es liegt in unserer Verantwortung, offen zu kommunizieren, wie sich die Zeit, die Menschen online verbringen, auf sie auswirkt.“

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Doch genau das tut Facebook nicht. Über die möglichen gesundheitlichen Risiken verliert das Unternehmen in der Pressemitteilung kein Wort. Der soziale Druck, den ständiger Vergleich erzeugt? Wird nicht erwähnt. Depressionen, Schlafstörungen oder Angstgefühle, die im Zusammenhang mit der Nutzung von Instagram aufauchen? Kein Wort in der Pressemitteilung. Außerdem schiebt Facebook mit den neuen Funktionen die Verantwortung zurück zu den Nutzer*innen. Als ob eine Benachrichtigung, die mir sagt „Du hast Instagram heute schon 30 Minuten genutzt“ mich davon abhalten würde, weitere 30 Minuten mit der App zu verbringen.

Schwieriges Jahr für Facebook

Die Sorge um die Gesundheit wirkt geheuchelt. Das Ziel des Unternehmen ist es, dass möglichst viele Menschen für lange Zeit ihre Produkte nutzen.

Dass Facebook jetzt ankündigt, es komme darauf an, die Apps bewusst und nicht zu viel zu nutzen, dürfte andere Gründe haben. Für das Unternehmen war es bislang ein verdammt hartes Jahr. Kongressabgeordnete knöpften sich Chef Mark Zuckerberg vor. Sie wollten wissen, wie die Datenanalysefirma Cambridge Analytica unrechtmäßig die Daten von 87 Millionen Facebook-Nutzer*innen abschöpfen konnte. Facebook hat das danach jahrelang verschleiert. Zudem musste Zuckerberg sich kritisieren lassen, weil er nichts gegen Holocaust-Leugner*innen unternehmen will.

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Nach Jahren des Wachstums stürzte dann die Aktie des Unternehmens Ende Juli ab. Innerhalb eines Tages sank der Marktwert zeitweise um rund 150 Milliarden US-Dollar.

Der Konzern versucht seitdem mit aller Macht, sein Image aufzupolieren. Seriös und vertrauensvoll möchte Facebook sein und nicht der Datenkrake, der auch noch sorglos mit den gesammelten Informationen umgeht. Im Fernsehen, in Zeitungen und an Bushaltestellen fährt das Unternehmen eine Entschuldigungskampagne. Das „f“ hätte zu oft für Fehler und fehlendes Vertrauen gestanden. Jetzt solle es wieder für Familie und Freund*innen stehen.

Surf responsibly

Das Verhalten von Facebook erinnert an Schnapsfirmen, die auf ihren Werbungen den Hinweis „Drink responsibly“ anbringen und denken, damit hätten sie ihren Beitrag im Kampf gegen Alkoholismus geleistet. Das Ziel einer Schnapsfirma ist es eben, Alkohol zu verkaufen und nicht, Menschen an einen gesunden Lebensstil zu erinnern.

Ähnliches trifft auf Facebook zu. Dem Unternehmen geht es darum, dass möglichst viele Menschen ihre Produkte nutzen – und möglichst viel Zeit damit verbringen. Und nicht weniger als bisher. Denn je länger wir in den Apps aktiv sind, desto mehr Werbung kann uns eingeblendet werden und desto mehr Daten kann das Unternehmen über uns sammeln. Die verkauft Facebook dieses Mal auch wirklich nicht weiter – oder lässt sie sich aus Datenlecks klauen. „f“ersrpochen.