Die Serie „Tales from the Loop“ verwandelt melancholische Gemälde in Sci-Fi-Storys

Manche Serien basieren auf Büchern, manche auf Comics – die Sci-Fi-Serie Tales from the Loop ist inspiriert durch die Bilder eines schwedischen Malers. Das rettet sie trotzdem nicht. Eine Kritik

ÒTales from the LoopÓ S1_Ep106 D02 Photo: Jan Thijs 2019
Manche Szenen sind visuell imposant, aber man hätte sie besser in einem Musikvideo verarbeitet. Filmstill: Jan Thijs/ Prime Video

Sci-Fi-Anthologieserien sind ja wirklich nichts Neues mehr. The Twilight Zone gibt es seit Urzeiten, Black Mirror ist in der Alltagssprache schon fast zum Synonym für Dystopie geworden, Love, Death and Robots war ein Überraschungserfolg und selbst X-Faktor – Das Unfassbare sucht uns heute noch mit viralen Videos heim. Auch Amazon wagt bei Prime Video jetzt einen Versuch – und der basiert auf Zeichnungen.

Ja, richtig gelesen. Zum vielleicht ersten Mal in der US-Seriengeschichte werden Bilder verfilmt. Und zwar die von Simon Stålenhag. Der schwedische Künstler vermischt in seinen Werken das ländliche Schweden der 1980er-Jahre mit futuristischen Technologien. Dabei zeigt sich immer eine bizarre Trennung. Im Vordergrund sehen wir zum Beispiel eine ganz normales Reihenhaus, in der Einfahrt einen Volvo, im Hintergrund schwebt eine gigantische futuristische Festung in der Luft. Kilometerlange Kabel verbinden sie mit der Erde, alles pulsiert.

Dabei schafft es Stålenhag, dass wir uns beim Betrachten wie Kinder fühlen. Kinder, die eben grundsätzliche Zusammenhänge nicht mehr verstehen. Was machen die Türme dort in der Ferne? Wieso liegen diese ausrangierten Roboter im Wald?

Mit diesem kindlichen Blick setzt auch Showrunner Nathaniel Halpern Stålenhags Bildband Tales from the Loop um, nur diesmal befinden wir uns nicht mehr in Skandinavien, sondern in den USA.

Tales from the Loop zeigt die Brüchigkeit des Menschen

Die Erwachsenen einer Kleinstadt arbeiten unter der Erde im Loop. Das ist eine schwebende Kugel aus fremdem Material, die ihnen ermöglicht, die Geheimnisse des Universums zu erforschen. Doch der Loop beeinflusst auch ihre Umwelt. Eine Metallkuppel verrät den Menschen, wann sie sterben müssen, eine Paralleldimension tut sich auf, Zeitsprünge geschehen.

Im Mittelpunkt steht eine kleine Familie. Die Mutter Loretta (Rebecca Hall) arbeitet im Loop, ihr Stiefvater hat ihn damals entworfen. Die Folgen sind nur lose miteinander verbunden. Amazon hat der Presse die erste, vierte und sechste Folge zu Verfügung gestellt. Die Hauptfiguren wechseln, die Geschichten bauen nicht aufeinander auf, hängen aber lose zusammen.

Die Serie will zeigen, wie der Loop die Brüchigkeit der Menschen ans Licht bringt. Damit stellt sie sich in die jüngere Sci-Fi-Tradition von Filmen wie Her, Ex Machina und Arrival, die alle über den Umweg der Science-Fiction sehr Persönliches abgehandelt haben. Der wichtigste Pate scheint aber The Leftovers gewesen zu sein.

Das fängt mit der melancholischen Grundstimmung an und hört bei der wirklich sehr dreist bei Max Richter geklauten Soundästhetik auf. Trotzdem entstehen mitunter mitreißend tragische Momente und vor allem schöne Bilder: eine zerstörte Blechkugel in der Wüste, blitzende Türme im Eis, Roboter im Nadelwald.

Das bedeutungsschwangere Starren wirkt unabsichtlich ironisch

Leider hockt Tales from the Loop wie eine Glucke auf diesen Bildern und brütet und brütet und brütet, aber am Ende schlüpft keine große Erkenntnis: Wir müssen alle sterben, in einem anderen Leben wären wir vielleicht glücklicher gewesen, die Zeit ist eine Diebin. Ja, das wissen wir natürlich alles. Die Frage ist, ob man sich das auf je eine Stunde ausgewälzt bei Prime Video anschauen möchte, oder ob die Aussagen so universell und die visuellen Highlights pro Folge so rar gesät sind, dass man sie vielleicht auch in einem Musikvideo hätte vermitteln können.

Was man hier aber am schmerzlichsten vermisst, ist Skandinavien. Dieser Serie haftet leider wieder ein gewisser US-Vorstadtmuff an, den wir eben schon so oft gesehen haben. In einer genuin skandinavischen Erzählung, in der die Tage kurz sind und die Menschen gerne zur Flasche greifen, hätte sich die Tristesse von Tales from the Loop vielleicht nicht ganz so aufgesetzt angefühlt.

Dasselbe lässt sich leider auch über das Schauspiel sagen. Die Dialoge klingen mitunter wie aus dem Schüler*innentheater und die Schauspieler*innen geben ihr Bestes, sie nicht zu verstolpern. Man hat hier leider das Gefühl, dass tote Luft irgendwie mit Leben gefüllt werden soll und so wird oft bedeutungsschwanger in der Gegend herumgestarrt. Das wirkt mitunter unabsichtlich ironisch.

So bleibt am Ende eben hauptsächlich die melancholische Stimmung der Bilder, der man sich bei einem Glas Wein in der Quarantäne gut hingeben kann. Das Problem: Genau das war auch schon bei Stålenhags Bildern möglich. Dazu hätte es eigentlich keine Serie gebraucht.


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