Die Straßen ein Spielplatz: So sah das Leben in New Yorks ärmeren Vierteln in den 40er-Jahren aus

Helen Levitt war eine der ersten weiblichen Straßenfotografinnen. Mit ihrer Kamera erkundete sie Stadtviertel wie East Harlem oder die Lower East Side, wo ein Großteil des Lebens auf der Straße stattfand.

Für die Fotografin und Filmemacherin Helen Levitt waren die Straßen New Yorks eine große Bühne: die rußgrauen Hauswände, die staubigen Gehwege, die Treppenstufen vor Hauseingängen und gläsernen Ladenfronten. Ihre bekanntesten Fotos entstanden in den 30er- und 40er-Jahren in den sozial und ökonomisch vernachlässigten Vierteln wie der Lower East Side und East Harlem, wo viele Schwarze US-Amerikaner*innen, italienische und puerto-ricanische Einwanderer*innen sowie aus Osteuropa stammende Jüdinnen*Juden lebten.

Damals noch eine Revolution: Der Blick auf das Alltägliche

Levitts Fotos zeigen rauchende Männer vor Barbershops, junge Paare, die sich auf der Straße aneinanderschmiegen. Fernseher und Klimaanlagen gab es in den Haushalten der ärmeren Viertel New Yorks nicht, die Wohnungen waren zu klein, als dass sich Familien darin ganztägig aufhalten konnten. Das Leben spielte sich auf der Straße ab – vom Kindesalter an. Wie sich die Kinder East Harlems die Straßen zu ihrem Spielplatz machen, ist das häufigste Motiv, das sich auf Levitts Fotos findet. Auf den Bildern toben sie über Gehwege, rutschen Treppengeländer runter, klettern an Säulen hoch, spielen in Pfützen, malen mit Kreide an Hauswände, kämpfen mit Steinschleudern und bauen mit Pappkartons Verstecke.

Heute mag Levitts Blick auf sozial und ökonomisch benachteiligte Communitys von insbesondere Menschen of Colour voyeuristisch wirken – in den 30er- und 40er-Jahren war dieser Blick eine Innovation. „Erst in den 50er-Jahren wurde Alltagsleben ein anerkanntes Forschungsfeld“, schreibt Christina Natlacen in einem Essay in dem Bildband Helen Levitt. Das Buch erschien begleitend zu einer Retrospektive im Albertina Museum Wien und führt rund 130 ihrer ikonischen Werke zusammen.

Außerdem auf ze.tt: Diese Bilder zeigen das New Yorker Straßenleben auf Farbfotografien

Eine politische Fotografin

Helen Levitt wurde 1913 als Tochter jüdisch-russischer Einwanderer*innen in Brooklyn geboren. Als 18-Jährige begann sie 1931 eine Ausbildung bei einem Fotografen in der Bronx. In den folgenden Jahren bewegte sie sich im Umfeld der Film Photo League, einer Gruppe junger, sozial bewusster Fotograf*innen und Filmemacher*innen. Dabei schloss Levitt Bekanntschaften, die ihre Arbeit prägen sollten: zum Beispiel mit dem Franzosen Henri Cartier-Bresson, einem der bis heute bedeutendsten Straßenfotografen.

1937 gab Levitt für kurze Zeit Kunstunterricht für Kinder in East Harlem. Dabei entwickelte sie ein Interesse an der Ästhetik von Kreidezeichnungen und spielenden Kindern. „Es ist interessant, dass sie sich nicht entschieden hat, routinierte oder organisierte Spiele darzustellen wie beispielsweise das Hüpfspiel Himmel und Hölle, Seilspringen oder Stickball – sondern ausschließlich Spiele der Fantasie“, schreibt Maria Morris Hambourg in dem biografischen Essay A Life in Part. „Levitts Kinder verkleiden sich, klettern, mimen nach, tanzen und träumen – alles Aktivitäten, die temporäre Welten kreieren, die nur für die Spielenden existieren.“

Das Spiel von Kindern als subversiver Moment

Was fesselte die Fotografin so an spielenden Kindern? In einem Essay für den Bildband Helen Levitt schreibt Duncan Forbes, dass Levitt geprägt war von linker und kommunistischer Kultur und deren ästhetischen Diskursen. „Für Levitt war ein spielendes Kind die subversive Figur der bourgeoisen Moderne, voll grenzüberschreitender Möglichkeiten, auch wenn es manchmal grausam und despotisch sein kann“, schreibt er. Levitts Kinder entzögen sich einer konsumorientierten Wirtschaft, was man auch daran sähe, dass auf den Bildern kaum produzierte Spielsachen zu sehen seien. „Stattdessen erleben sie Spielen – durch Akte der Zerstörung und des Schaffens – indem sie Trümmer oder Fundsachen wie Holz, kaputte Spiegel, Treppen und sprudelnde Hydranten zu Werkzeugen für Streiche und Spaß transformieren.“

Kinder waren früher auf den Straßen. Jetzt sind die Straßen leer. Die Menschen sind drinnen und schauen auf ihre Fernseher oder irgendwas.

Helen Levitt

Heute gelten die Arbeiten der Fotografin als eines der wichtigsten Zeugnisse der Straßenkultur in den ärmeren Vierteln New Yorks. Später widmete sich Levitt auch Filmen. 1948 erschien The Quiet One, für den sie das Drehbuch mitschrieb und filmte. The Quiet One ist einer der ersten dokumentarischen Filme, der sich mit Rassismus und der Armut der Schwarzen Bevölkerung in den USA auseinandersetzt.

Levitt starb im März 2009 in New York, wo sie bis auf einen kurzen Abstecher nach Mexico City ihr ganzes Leben lang lebte. 70 Jahre lang war sie als Fotografin aktiv. Doch Veränderungen des Lebens in New York hätten ihre Arbeit zuletzt beeinflusst, sagte sie der New York Times. „Ich gehe da hin, wo es viel Aktivität gibt. Kinder waren früher auf den Straßen. Jetzt sind die Straßen leer. Die Menschen sind drinnen und schauen auf ihre Fernseher oder irgendwas.“


Der Bildband Helen Levitt ist beim Kehrer Verlag erschienen.