Tragik der Stadtoriginale: Von Menschen, die alle feiern, aber niemand kennt

Stadtoriginale sind lokale Berühmtheiten, über die man tratscht, oder die man sogar in Facebookgruppen feiert. Dabei verlieren wir eines aus dem Blick: die Menschen hinter dem Kult.

Alle glauben exzentrische Stadtoriginale zu kennen, aber das stimmt nicht. © Donald Teel/Unsplash | CC0

Wer in Bonn wohnt, der kennt ganz sicher den Alle-Mal-Malen-Mann: einen älteren, freundlichen und manchmal etwas grummeligen Herrn, der abendliche Kneipengänger*innen porträtierte. Seine Bleistiftzeichnungen sahen zwar alle recht gleich aus, aber das war nicht weiter schlimm: Der urige Herr war das Aushängeschild des Bonner Nachtlebens und weit über die Stadtgrenzen bekannt.

Kürzlich ist der Alle-Mal-Malen-Mann verstorben. Das sorgte für Aufsehen, die Lokalpresse brachte ihn auf das Titelblatt und im Stadtrat kam die Idee auf, eine Straße nach ihm zu benennen: die Jan-Loh-Straße. Einige Wochen später, bei der von Bürger*innen mitfinanzierten Beerdigung des Alle-Mal-Malen-Manns stellte sich heraus: Jan Loh hieß gar nicht Jan Loh. In das Kondolenzbuch von Ferdinand Johannes Gödde, so hieß der Alle-Mal-Malen-Mann wirklich, schrieb jemand: „Jeder hat dich gekannt, keiner wusste, wer du bist.“

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Stadtoriginale sind der kleinste gemeinsame Nenner, der Bürger*innen einer Stadt verbindet. Sie fallen durch ihr exzentrisches Verhalten oder Aussehen auf und gehören mit der Zeit zum Stadtbild. Doch die Geschichte des Alle-Mal-Malen-Manns, Ferdinand Johannes Gödde, zeigt: Wir kennen Originale, sprechen und urteilen über sie, erklären sie zu einem lebendigen Teil unserer Stadtkultur – und erheben uns so über Menschen, von denen wir nicht einmal wissen, wie sie heißen und ob ihnen ihre Ernennung zum Stadtoriginal eigentlich recht ist.

Manche Originale genießen ihren Kultstatus

Dem Alle-Mal-Malen-Mann war seine Bekanntheit durchaus genehm. Er ließ sich interviewen und von Journalist*innen bei seiner Arbeit begleiten. Sein Kultstatus führte dazu, dass sich nicht Wenige von ihm zeichnen ließen. Auch und wahrscheinlich vor allem wegen der persönlichen Begegnung mit ihm, dem lebenden Original und der damit verbundenen Möglichkeit, einem Stück lebendiger Stadtkultur gegenüberzusitzen, war der Alle-Mal-Malen-Mann zeitlebens Stadtkult zum Anfassen.

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Ein anderes Unikum ist Aale-Dieter aus Hamburg. Auch er profitiert von seinem Status, ein stadtbekanntes hanseatisches Original zu sein. „Die Leute sagen, wenn du auf dem Fischmarkt bist, geh mal zum Aale-Dieter, schau dir das an“, sagt er. Mit einer energiegeladen Show auf dem Fischmarkt wirbt er für seinen Aal. „Ich werde mittlerweile für Veranstaltungen als Entertainer gebucht“, sagt er. Er habe auch kein Problem damit, mit Fans Selfies zu machen.

Von beiden Originalen war oder ist die Bekanntheit gewünscht. Problematisch wird dieses Abkulten der Stadtoriginale allerdings, wenn den Betroffenen das öffentliche Interesse an ihrer Person nicht nützt, sondern im Gegenteil, ihnen sogar schadet.

Wenn der Kult den Menschen überwindet

Schnell besteht die Gefahr, dass wir über Menschen urteilen, die wir gar nicht kennen. Stadtoriginale fallen durch eine Eigenart, ihr Aussehen oder Verhalten auf – und scheinen mit wachsender Bekanntheit ihren Status als Privatperson zu verlieren. Als Stadtkult werden Originale oft ungewollt zu Prominenten, über die gesprochen, gelacht und gelästert wird. Am Ende interessiert sich niemand mehr für die Person hinter dem Kult, weil der Kult den Menschen überwunden hat.

In Bayreuth gibt es beispielsweise seit jeher eine „lebende Legende“, wie ihn selbst die dortige Lokalpresse bezeichnet: den Mann, den alle als Matrikelnummer 1 kennen. Mit Laptoptasche, Sonnenbrille und Kappe auf dem Kopf trifft man ihn regelmäßig am Bayreuther Campus an. Häufig sammelt er dort Pfandflaschen ein.

In Bayreuth ist Matrikelnummer 1 (M1) studentischer Kult. In sozialen Netzwerken, vorrangig auf Jodel, werden Bilder von ihm gepostet. Für Veranstaltungen wird er von Studierenden auch schon mal vor eine Kamera geholt und soll die Party bewerben. Auf Profilen von Studierenden tauchen immer mal wieder Fotos von ihm auf, mit einem Untertitel, wie: „Spotted, Matrikelnummer 1 in der Mensa xD“.

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Über den Menschen weiß man wenig: Der Mann studierte von 1977 bis 1986 Wirtschaft an der ortsansässigen Universität und erwarb einen Hochschulabschluss, soviel ist bekannt, mehr allerdings auch nicht; für ein Gespräch war er nicht zu erreichen. Es lässt sich also nicht klären, ob Matrikelnummer 1 ein Problem damit hat, dass ihn die Studierenden zum Kultobjekt erklären. Es lässt sich auch nicht klären, wie er dazu steht, dass ihn Menschen heimlich fotografieren und diese Fotos ins Netz stellen. Diese Frage stellt sich jedoch kein Neuankömmling in dieser Unistadt. M1 als Kultobjekt wird in den studentischen Alltag miteingebunden und ist Teil der universitären Stadtkultur, ob er will oder eben nicht.

Niemand wird als Stadtoriginal geboren

Natürlich haben nicht alle, die Menschen wie M1 abkulten und Fotos von ihm schießen, böse Absichten. Natürlich ist ein älterer Herr, der am Campus Pfandflaschen sammelt, jemand, der für Gesprächsstoff sorgt und sich hervorragend als guter Gesprächseinstieg für Erstsemester auf Partys eignet.

Trotzdem fehlt in unserem gesellschaftlichen Miteinander manchmal das Bewusstsein dafür, dass Stadtoriginale Menschen sind. Niemand wird als Stadtoriginal geboren, diesen Status sprechen wir ihm zu – und damit geht eine Verantwortung einher. Wer aus Gag eine Facebookseite für eine Person im halböffentlichen Raum anlegen will, muss darüber nachdenken, ob das im Sinne des entsprechenden Menschen geschieht. Sonst stehen am Ende dutzende Leute bei der Beerdigung einer angeblich allen bekannten Person – und niemand weiß, wie sie heißt.

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