Die unzähligen Hasskommentare im Netz stammen von weniger Menschen, als ihr dachtet

Eine Datenanalyse zeigt: Die meisten Hasskommentare im Netz werden von einigen wenigen Nutzer*innen getätigt.

Hasskommentare

Die meisten aktiven Hasskommentator*innen ließen sich als Anhänger*innen von AfD und den sogenannten Identitären identifizieren. Quelle: Unsplash I CC0

Sie sehen sich selbst gerne als die Mehrheit, die Stimme des Volkes; als die, die sich endlich trauen, Tacheles zu reden. Sie machen Wirbel, treten bervorzugt im Rudel auf und scheinen viele zu sein: Hasskommentator*innen. Auch Medien machen manchmal den Fehler, in den Kommentarspalten eine Stimmung der Bevölkerung abzulesen. In Wahrheit geben die Hassverbreiter*innen aber nicht die mehrheitliche Meinung wieder, sondern sind eine klitzekleine Gruppe.

Das fand der IT-Experte Philip Kreißel in einer Analyse in Kooperation mit dem Institute for Strategic Dialogue (ISD) in London heraus, die dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Hamburg vorliegt. Die Forschenden werteten rund 3.000 Veröffentlichungen und 18.000 Kommentare auf Facebook zu Beiträgen von BILD, FOCUS Online, der Kronen-Zeitung, Spiegel Online, tagesschau.de, WELT sowie ZDF heute aus. Das Ergebnis: Lediglich fünf Prozent der Accounts waren im Januar für 50 Prozent der Likes bei Hasskommentaren verantwortlich.

Ein Prozent für sehr viel Hass verantwortlich

Laut der Analyse gilt in dieser kleinen Gruppe der fünf Prozent nur ein Prozent als besonders aktiv – sie sind für 25 Prozent der Likes verantwortlich. Julia Ebner, Wissenschaftlerin am ISD, spricht von Kampagnen, die mit zahlreichen falschen Accounts von rechtsextremen Kreisen koordiniert werden. Die meisten aktiven Hasskommentator*innen ließen sich als Anhänger*innen der AfD und den sogenannten Identitären identifizieren.

„Was wir in der Analyse sehen, ist vor allem eine große Täuschung“, erklärt Kreißel der Tagesschau. Rechtsextreme Kommentator*innen würden gezielt versuchen, Diskussionen zu steuern. Der IT-Experte betont, dass ihnen dabei die Funktionsweise von Facebook entgegenkomme, denn polarisierende Debatten erhalten durch den Algorithmus eine höhere Reichweite als sachliche Diskussionen.

[Außerdem bei ze.tt:Wie wir mit Hass im Netz umgehen können]

Seit Kurzem ist bekannt, dass rechtsextreme Aktivist*innen während des vergangenen Bundestagswahlkampfs Diskussionen im Netz gezielt manipuliert haben. Nach Medienberichten organisierten sich auf der rechten Internetplattform Reconquista Germanica zeitweise 5.000 Nutzer*innen, um gezielt Themen und Begriffe zu setzen und Gegner*innen einzuschüchtern.

Aktuell war das auch bei einem massiven Angriff von rechts gegen zwei Journalistinnen in Österreich zu beobachten. Hasskommentator*innen stellten diese wegen ihrer Berichterstattung an einen virtuellen Pranger und riefen zum Mobbing auf. Durch gezielten Hass machten so rechte User*innen Stimmung gegen sie.

Hass finden und sich dagegen solidarisieren

Was kann man dagegen tun? IT-Experte Kreißel engagiert sich beispielsweise in der Facebook-Gruppe #Ichbinhier. Ihre Mitglieder wollen Diskussionen wieder auf eine sachliche Ebene und in geregelte Bahnen bringen. Zudem konzipierte Kreißel den Hate-Finder, ein Instrument, das hassverbreitende Accounts identifizieren soll. Jede*r soll an Diskussionen im Netz teilnehmen können, ohne Angst haben zu müssen, das Ziel von aggressiven Äußerungen zu werden.

Denn die Gefahr bleibt, dass sich die Hassrhetorik normalisiert und sich die Menschen einschüchtern lassen. Damit hätten die Hasskommentator*innen ihr Ziel erreicht, die Mehrheit wäre still und sie weiterhin laut.