Die vielen unterschiedlichen Gewohnheiten, mit der Familie Abendbrot zu essen

Laut Fotografin Lois Bielefeld zeigen wir erst bei täglichen Routinen wie dem abendlichen Essen unser wahres Ich.

Pünktlich um 19 Uhr versammelt sich die ganze Familie. Der Esstisch ist gedeckt, auf jedem Platz steht ein Teller befüllt mit selbstgekochtem Abendessen. Die Mama eröffnet das Zusammenfinden mit den Worten „Guten Appetit“, alle langen zu. Während sich die Familienmitglieder die Magen füllen, erzählen sie sich über Neuigkeiten von der Arbeit oder Schule, über Freund*innen und Partner*innen. Abendessenzeit ist Quality Time.

So würde ein Abendessen aussehen wie es im Bilderbuch steht. Wie es uns von den Großeltern beigebracht und seit den 1950er Jahren in Filmen und Werbung suggeriert wird. Das reale Bild ist oft ein anderes. Aus Zeitmangel, unterschiedlich gefüllten Terminkalendern oder dem Fehlen kücheninterner Fertigkeiten kommen heute kaum noch alle zum Essen zusammen, zumindest nicht unter der Woche. Abgesehen davon, dass es sich beim Esstisch selbst wohl um ein von Aussterben bedrohtes Möbelstück handelt, essen die meisten alleine. Vor dem Fernseher, im Bett oder sogar im Stehen an der Küchenzeile.

Du bist, wie du isst

Wie unterschiedlich Menschen unter der Woche zu Abend essen, dokumentiert Lois Bielefeld. Die Fotografin aus Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin hatte in ihrer Kindheit noch solche Bilderbuch-Abendessen. Die Familie zelebrierte die gemeinsame Nahrungsaufnahme, es gab Small Talk und Anekdoten, keine Ablenkung. Um den Tisch nach dem Essen verlassen zu dürfen, brauchten die Kinder erst die elterliche Erlaubnis.

[Außerdem auf ze.tt: Intuitiv essen: Wenn der Körper entscheidet, was gut für ihn ist]

Heute versucht sie, mit ihrer Frau und ihrer 17-jährigen Tochter ähnlich traditionell zu essen. Eingekauft wird immer eine Woche im Voraus, was auf den Teller kommt, ist nicht improvisiert, sondern genau geplant. Ein Elternteil kocht, das andere macht nach dem Essen sauber. So die Vorliebe. Doch auch dieser Wunsch muss ab und zu der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit weichen. „Leider schaffen wir es jobbedingt nicht immer, gemeinsam zu essen. Wir versuchen aber, es etwa drei- bis viermal die Woche hinzukriegen“, erzählt Bielefeld.

Ob und inwiefern sich das Bilderbuch-Abendessen der alten Zeit in anderen Haushalten geändert hat, stellt die Fotografin anhand ihres Projekts Weeknight Dinners vor. Indem sie Familien beim Abendessen fotografiert, zeigt sie die Gewohnheiten und abendlichen Rituale von Familien. Dafür habe sie bewusst nur die Abende von Montag bis Donnerstag ausgewählt. Denn nur unter der Woche könne sie den familiären Umgang mit der relativ kurzen Zeit nach Feierabend am besten einfangen. „Vor allem interessiert mich der Zwiespalt zwischen Ideal und Realität“, sagt sie. Denn diesen Zwiespalt erlebe sie genauso bei ihren eigenen Abendessen mit der Familie.

Bilderbuch war einmal

Teilnehmende Familien bat Bielefeld ihr gewohntes Abendritual zu durchlaufen. Ob sich die Personen mit einer bestellten Pizza auf die Couch legten, mit Klapptischchen vor den Fernseher setzten, im Garten oder auf dem Boden aßen, spielte keine Rolle. Hauptsache sie blieben authentisch, so wie an jedem anderen Wochentag auch. Bevor sie den ersten Bissen nahmen, schoss Bielefeld ihre Fotos. Und wenn sie Glück hatte, durfte sie zum Abendessen bleiben.

[Außerdem auf ze.tt: Kein Raum sagt so viel über dich aus wie das Schlafzimmer]

Am Ende sind insgesamt 78 intime Porträts von Menschen entstanden, die ihrer abendlichen Routine nachgehen. Alle Fotos knipste Bielefeld entweder in den USA oder in Luxemburg. Die wenig überraschende Erkenntnis: Das stereotypische Bilderbuch-Essen existiert unter der Woche kaum noch, genauso wenig wie es eine andere, neue Form gibt. Jeder Mensch und jede Familie pflegt andere Rituale, isst an verschiedenen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten, in wechselnden Konstellationen. „Diese scheinbar einfache allabendliche Praxis ist durchzogen von den komplizierten Feinheiten der Geschlechterrollen, Familiendynamiken und Machtkonflikten zwischen allen Beteiligten“, sagt Bielefeld.