Die virtuelle Realität macht echte Inklusion möglich

Unsere Autorin ist kleinwüchsig – die Umwelt ist für sie oft schlechter zugänglich. Jetzt wollte sie herausfinden, wie barrierefrei die virtuelle Welt bereits ist.

Die VR-Brillen sind das neue Ding im Gaming. © Gettyimages

In bin in Hamburg auf der Play 16, einem Creative Gaming Festival. Mit Gaming kenne ich mich eigentlich gar nicht aus, aber bei diesem Festival steht insbesondere der Umgang mit dem Körper beim Spielen im Mittelpunkt.

Von Virtual Reality habe ich zum ersten Mal durch einen geplanten VR-Spielplatz in Nürnberg gehört. Dort hieß es, dass die Spiele erst ab einer Mindestgröße von mehr als 130 Zentimetern gespielt werden können. Eine Begründung dafür bekam ich nicht. Daher wollte ich das Festival nutzen, um selbst meine Möglichkeiten und Grenzen bei Virtual Reality  herauszufinden.

[Außerdem auf ze.tt: Inklusive WG – hier wohnen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen]

Ich entschied mich für das Spiel „Unseen Diplomacy“. In dem Spiel schlüpfte ich in die Rolle einer Agentin, die im Kampf gegen das Böse in einem Raumschiff verschiedene Hürden überwinden muss. Der Spielleiter Matthias Löwe setzte mir die VR-Brille auf und gab mir beide Controller. Die Controller waren ein bisschen zu groß für mich, mit meinen kürzeren Fingern konnte ich sie nicht ganz umfassen. Um mich herum wurde es dunkel, kleine Lichtpunkte erschienen direkt vor mir, es wirkte wie ein Sternenhimmel.

Kurze Zeit später erklärte mir der Spielleiter, dass ich mit per Controller einen Schalter etwas entfernt betätigen müsse – dieser rechnet Hand- und Armbewegungen um. Zunächst war ich unsicher, ob ich den Schalter mit meiner kleineren Körpergröße überhaupt erreichen würde, aber es war kein Problem: Im Gegensatz zum realen Leben kann ich in der virtuellen Realität an alle Gegenstände näher herantreten und wie ein Geist in die Schalter hineingreifen – da diese nur virtuell vorhanden sind.

Ein Teil von mir wusste, dass ich mich in einem Raum der Zentralbibliothek in Hamburg befand. Der andere Teil von mir fühlte sich irgendwo fernab im Weltall auf einem Raumschiff. Ein merkwürdiges Gefühl.

Keine große Kraftanstrengung

Ein Aufzug brachte mich zum Hauptspielfeld im Raumschiff. In dem Raum lag hinter Holzbrettern eine Tür, die ich erreichen musste. Bewegte ich mich auf sie zu, überstieg ich sie automatisch. Der Schalter, der sie öffnete, war etwas zu hoch für mich programmiert. Ich streckte mich ein bisschen, dann konnte ich ihn trotzdem mit meinem Controller betätigen.

Die Tür öffnete sich mit einem surrenden Geräusch. Im dahinter liegenden kleinen Raum war ein Computer. Darüber befand sich ein Schalter, um die nächste Tür zu öffnen. Mit voller Wucht ging ich darauf zu (um darüber zu springen) und schlug auf den Schalter.

Man ist in der virtuellen Welt also auch genauso groß wie in der realen Welt.“

So energisch muss ich in der realen Welt vorgehen, wenn ich etwas nicht direkt erreichen kann. In der virtuellen Welt ist das gar nicht nötig, da der Schalter mit leichtem Antippen reagiert. Dazu brauchte ich auch nicht mehr Kraft als Menschen ohne Behinderung.

„Die Höhe des Charakters wird bei VR meistens dahin skaliert, wo die Brille liegt. Man ist in der virtuellen Welt also auch genauso groß wie in der realen Welt“, meint Matthias Löwe später im Gespräch. Mit Virtual Reality wird per Definition versucht, eine virtuelle Realität aufzubauen – und die soll der wahren Welt möglichst nahe kommen, auch was körperliche Bedingungen anbelangt.

Später sollte ich Schrauben aus der Wand vor mir herausdrehen. Den Controller hielt ich dafür mit beiden Händen fest, anders hätte ich mit meinen kleinen Händen nicht genügend Kraft gehabt. Das Drehen war für meine Armgelenke anstrengender, daher machte ich kurze Pausen. Der Spielleiter meinte, dass das kein Problem sei, man spiele nicht auf Zeit. Das ist ein großer Vorteil für Menschen mit Behinderung: Man ist nicht laufend gefordert.

Wenn die Körpergröße mal zum Vorteil wird

Teilweise war mein Kleinwuchs im Spiel sogar vorteilhaft. In einem Raum erwarteten mich beispielsweise rote Laserstrahlen aus den Wänden, die sich wie in einem Agentenfilm auf und ab bewegten. Ohne großen Aufwand konnte ich mich wegen meinem Kleinwuchs vor den Laserstrahlen bücken, meist war das nicht einmal nötig.

Im letzten Raum des Spiels wurde mir meine Körpergröße hingegen zur Hürde. Dort standen drei Computer mit einem großen Bildschirm. Ich musste jeden Computer hacken und dafür immer schnell zum nächsten rennen – denn hier ging es dann doch auf Zeit. Ich bin da definitiv an meine körperlichen Grenzen gestoßen. Als Kleinwüchsige waren die Wege für mich automatisch länger.

Die virtuelle Welt ist auch für Menschen mit Behinderung offen.“

Letztendlich fehlte mir dann leider die Zeit, den Schalter zu drücken, der das Spiel beendete. „Für Unseen Diplomacy gibt es auch den Restricted Movement Modus“, erklärt mir Matthias Löwe später. „Dabei passt man sich an Spieler an, die sich nicht physikalisch durch den Raum bewegen können.“

Die Kraft der virtuellen Realität

Die virtuelle Welt jedenfalls ist für alle offen. Ganz egal, ob mit Behinderung oder nicht, das ist mir jetzt klar. Der Entwicklerin Katie Goode ist es wichtig, jedem zu ermöglichen, am Spiel teilzuhaben. Bei diesem Spiel hat sie bisher vor allem für Farbenblinde, Gehörlose und Rollstuhlfahrer Möglichkeiten erarbeitet, dass diese nicht ausgeschlossen werden. Es wird etwa eher mit Symbolen als mit Farben und Geräuschen gearbeitet. 

Und im „Restricted Movement Modus“, der vor allem für Rollstuhlfahrer entwickelt wurde, bewegen sich etwa bei den Laserräumen die Laserstrahlen langsamer, damit man diese auch mit Rollstuhl überwinden kann.

Ich selbst konnte mit meinem Kleinwuchs jeden Vorgang im Spiel ohne Hilfe selbst ausführen und fühlte mich nicht ausgrenzt. Virtual Reality ist nicht an eine Mindestkörpergröße gebunden. Ich fühlte mich nach dem Spiel zwar, als hätte ich einen Marathon gelaufen. Dennoch war ich mit 11536 Punkten die Fünftbeste von allen Spielern auf dem Festival – mit Durchhaltevermögen ist also alles möglich.

Virtual Reality ist eine große Chance für Menschen mit Behinderung“

Virtual Reality unterscheidet nicht zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, da jeder lediglich eine individuell an die eigenen Möglichkeiten angepasste Welt bekommt. Ich als Kleinwüchsige habe beispielsweise die gleichen Anforderungen an das Spiel wie Kinder, da auch diese kleiner sind.

Im Gegensatz zur realen Welt waren viele Vorgänge teils sogar einfacher für mich auszuführen. Wege sind in der virtuellen Welt insgesamt doch deutlich kürzer, um ein kleines Abenteuer zu erleben.

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Ich sehe in Virtual Reality eine große Chance für Menschen mit Behinderung, etwa, um in andere Welten eintauchen zu können, die barrierefrei geschaffen werden können. Dies gilt nicht nur für die virtuelle Welt, sondern insbesondere für die reale Welt, die oft noch nicht barrierefrei ist, aber ebenfalls barrierefrei gemacht werden kann. Zum anderen sehe ich in Virtual Reality die Möglichkeit, Menschen und Entwickler*innen ohne Behinderung zu sensibilisieren, wie vielfältig der Mensch ist – und Spiele für jeden Menschen individuell zu programmieren.

Damit ist Inklusion auf sehr einfachem, aber effektiven Weg möglich. Virtual Reality vermittelt nämlich auch, dass jede Welt an jeden Menschen angepasst werden kann, wenn die Bereitschaft und Offenheit dafür vorhanden ist.