Diese acht Gründe machen Darts zum sympathischsten Sport der Welt

Darts gibt Männern mit Bierbauch Hoffnung, zeigt, dass Sport keine aalglatten Athleten braucht und ist genau das Richtige, um sich nach den Feiertagen nicht schlecht zu fühlen. 

Der unsportliche Sport begeistert immer mehr Menschen.

Der unsportliche Sport begeistert immer mehr Menschen. © Rowan/Photocase

Blaue Lichtkegel schwenken durch den Saal. Die Menge grölt. Die rauchige Stimme aus dem Lautsprecher kündigt ihn an, den Flying Scotsman – Gary Anderson. Er schlägt die Hände über seinem Kopf zusammen und Jump Around von House of Pain ertönt. Er läuft durch die Masse, klatscht Hände ab, küsst seine Frau, zwinkert der Blondine hinter ihm zu – im engen Kleid und mit tiefem Ausschnitt. Er selbst trägt ein dunkelblaues Trikot, viel zu groß, wie ein Zirkuszelt, und trotzdem lässt es seinen Bauch erahnen. Ein Goldkettchen, das zwischen seinen Brusthaaren hervorblitzt, rahmenlose Brille, zu viel Gel in den Haaren: Gary Anderson sieht nicht gerade wie ein Gewinner aus.

Doch er ist der Champion der Darts-Weltmeisterschaft 2016. Und Anderson ist typisch für das, was diesen Sport so sympathisch macht: die Gegensätze, die dort aufeinanderprallen. Schräge Gestalten sind ihre Helden. Sie inszenieren sich als Champions mit Walk-on-Girls, eigenen Spitznamen und Songs.

Darts ist mehr als ein Sport, und dazu trägt auch die deftige Bierzeltatmosphäre einiges bei. Dieses Jahr findet die Darts-WM in London vom 14. Dezember bis zum 1. Januar 2018 statt. Bereits beim Auftakt der WM brach sie mit 450.000 Zuschauer*innen ihre Rekord-Einschaltquote. Der unsportliche Sport begeistert immer mehr Menschen. Wir haben ein paar Gründe, warum Darts vermutlich der charmanteste und gleichzeitig schrägste Sport der Welt ist:

1. Schon die Einlaufsongs sind ein Highlight

Richtige Darts-Fans erkennen ihre Lieblingsspieler bereits am Einlaufsong. Für mich sind diese Sekunden das Allerschönste an diesem Sport. Denn sie zeigen, wie schräg er ist. Ähnlich wie beim Boxen oder Wrestling hat jeder Spieler seinen Song. So betritt Gary Anderson die Halle zu Jump Around von House of Pain, sein Gegner Adrian Lewis zu Reach Up von Perfecto Allstarz. Aber es wird nicht nur Prollmusik gespielt. Manche Spieler laufen auch zu Songs von Kasabian, Kanye West oder Kings of Leon ein. Andere wiederum  zu Tina Turner oder auch DJ Ötzi.

Darts lebt von seiner Inszenierung und die Fans lieben ihre Spieler dafür. Besonders skurril wirkt diese dann, wenn die bierbäuchigen, haarlosen Spieler neben den barbieähnlichen Walk-on-Girls den Gang entlangschreiten.

2. Vincent The Dutch Destroyer – was könnte witziger sein?

Alle bekannten Spieler haben neben ihrem Song auch einen eigenen Spitznamen wie Jackpot, Mighty Mike, Maximiser, The Dutch Destroyer, Snakebite oder Flying Scotsman. Sie geben meist Hinweise auf die Herkunft oder die Spielart der Darter und stehen in großen Lettern auf den Rückseiten ihrer Trikots.

Kaum ein Spitzname der Dartspieler passt so gut wie bei Michael van Gerwen. Unter dem Pseudonym Mighty Mike betritt er die Bühne: Sein mächtiges Erscheinungsbild und das giftgrüne Shirt sollen seine Gegner erzittern lassen. Der verrückteste Vogel unter den Dartspielern ist ohne Zweifel Peter Wright: Schrille Outfits sind das Markenzeichen von Snakebite. Sein Pseudonym kommt von dem gleichnamigen Lieblingsgetränk des Schotten. Es besteht aus Cider und hellem Bier mit einem Schuss Fruchtsirup. Raymond van Barneveld, genannt Barney, hat nicht nur selbst einen Spitznamen, sondern auch seine Fans tragen einen: die Barney Army. Egal, wo der Spieler im Land die Bühne betritt, seine Army folgt ihm.

Auch der Beiname von Adrian Lewis Jackpot kommt nicht von ungefähr. Vor einigen Jahren versuchte der Engländer in einem Casino in Las Vegas an einem Spielautomaten sein Glück und gewann 75.000 US-Dollar. Er war damals aber noch keine 21 Jahre alt und musste den gesamten Gewinn zurückgeben.

3. Athleten mit Bierbauch, Tribal Tattoo und Goldkettchen

Um ehrlich zu sein: Die meisten Dartspieler sehen aus wie die Art Männer in der Bar, die als Erste kommen und als Letzte gehen. Und irgendwann dazwischen werfen sie besoffen ein paar Pfeile. Ihre Frisuren, Tribal Tattoos und Schmuck erinnern eher an einen Staubsauger-Verkäufer, der in den Knast musste, als an einen Profisportler. Sie sind aber die Champions in ihrem Sport, und die meisten können davon recht gut leben. Anderson bekam für seinen Sieg im letzten Jahr beispielsweise 406.000 Euro.

[Außerdem auf ze.tt: Unsportlich? Im Schlaf kannst du fit werden]

4. One hundred and eighty!!!

Die Caller, auch Ansager genannt, gehören zum Sport wie die Spieler selbst, und manche genießen ähnlichen Kultstatus. Russ Bray zählt zu den bekanntesten Ansagern des Darts. Aufgrund seiner rauchigen und extrem markanten Stimme ist er auch als The Voice bekannt. Nicht nur bei ihm grölt die Menge, wenn er den Zuseher*innen die Punkte mitteilt und ein One hundred and eighty verkündet.

5. Schlümpfe, Kermits und viel, viel Bier

Der Saal erinnert mit seinen Biertischen eher an das Oktoberfest als eine WM. Die Fans trinken Bier und verkleiden sich als Schlümpfe, Kermits, Trumps oder Bananen. Männergruppen dominieren das Publikum. Seit 2007 ist die West Hall des Alexandra Palace, genannt Ally Pally, der Austragungsort. Sie befindet sich auf einer Anhöhe im Norden des Londoner Stadtbezirks Haringey. Bereits dieses Jahr hätte die WM in einer größeren Halle stattfinden sollen. Doch die Verantwortlichen hatten Angst, dass damit die einmalige Bierzeltatmospähre verloren gehen würde. Spätestens nächstes Jahr wird es aber so weit sein, da der Sport immer beliebter wird.

6. Pure Spannung

Man würde es ja nicht denken, aber Darts ist ein unglaublich spannender Sport. Der schnellste Weg zum Sieg, also 501 Punkte auf null zu bringen, ist der sogenannte Nine-Darter. Insgesamt gibt es 71 Varianten, das Nine-Dart-Finish zu schaffen. Überhaupt müssen die Dartspieler neben Treffsicherheit auch verdammt gut rechnen können.

Besonders die diesjährige WM war bislang eine Weltmeisterschaft der Überraschungen. Nicht gesetzte Spieler, also die ohne eine Reihung in der Weltrangliste, spielten alte Hasen des Sports, wie Adrian Lewis oder Peter Wright, hinaus. Zu den diesjährigen Favoriten der WM gehörten Phil Taylor und Michael van Gerwen. Letzterer staubte den Titel bereits im Vorjahr ab, schied aber am Samstag im Halbfinale aus. Im Finale am Montag schießen nun Shooting-Star Rob Cross und Phil Taylor um den Weltmeistertitel.

7. Der Humor

Wie man bereits an der Auswahl der Einlaufsongs und den Spitznamen erahnen kann, haben einige Spieler Humor. So tanzt beispielsweise der Punk unter den Dartspielern, Peter Wright, jedes mal gemeinsam mit den Cheerleadern auf der Bühne.

8. Der perfekte Zeitpunkt, um mit vollgeschlagenem Bauch WM zu gucken

Der Guardian formulierte es so: „Wenn Sie sich grotesk übergewichtig vorkommen und ausgelaugt sind von Besäufnissen, ist Darts schlicht der angemessene Sport, sich besser zu fühlen. Dickbäuchige Männer mit Hemden wie Zirkuszelte passten in diesen Tagen einfach besser als athletische Asketen.“ Die Darts-WM scheint nicht zufällig zu den Feiertagen angelegt zu sein, nein, es könnte kein passenderes Datum dafür geben.

Und zum Abschluss noch mein allerliebster Moment der Einlaufsongs in der Darts-Geschichte. Wo sieht man so etwas schon? Ich würde mich freuen, eines Tages Cristiano Ronaldo voller Selbstironie auf das Spielfeld tanzen zu sehen, wie es einst Jerry Hendricks tat.