Diese App soll deine eingeschlafene Beziehung beleben

Lassen sich Partnerschaften mit einer App lebendig halten? Ein Schweizer Start-Up glaubt, dass das geht. Über Chancen und Grenzen einer solchen Anwendung.

Lass reden, Schatz. Quelle: Unsplash | CC0

Wie lässt sich eine Beziehung lebendig halten, wenn die erste Phase vorüber ist, in der alles aufregend und spannend erscheint? Das Internet ist voll von Tipps, in den Regalen von Buchhandlungen stapeln sich dutzende Ratgeber und Coaches und Therapeuten bieten ihre Dienste an. Bisher kaum auf dem Markt: Apps zur Beziehungspflege, digitale Beziehungscoaches.

Ein Schweizer Start-up, hinter dem die beiden Programmierer Florian Müller und Domenic Benz (beide 36) stehen, möchte das ändern. Seit einigen Tagen ist ihre App pairfect für Android und Apple erhältlich. „Wir haben nach einem einfachen Zugang zu beziehungsfördernden Maßnahmen gesucht“, sagt Müller, der mit Benz Mitte 2017 auf die Idee für die App kam. Beide sind verheiratet und haben Kinder. Sie wissen, wie schwierig es ist, eine Beziehung neben Job und Erziehung vital zu halten. „Wir nutzen das Smartphone mittlerweile für alles“, sagt Benz, „warum nicht auch, um unsere Beziehung zu pflegen?“ Eine App zu nutzen sei wesentlich einfacher, als ein Buch zu lesen oder zur Therapie zur gehen.

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Für die Entwicklung ihrer App ließen sich die beiden unter anderem vom Bonner Psychologen Rainer Banse beraten. Er ist Autor der Buches Psychologie der Beziehung. Herausgekommen ist eine App, die aus fünf Komponenten besteht und die nach der Vorstellung der Gründer idealerweise beide Partner*innen benutzen sollten:

Impulse

„Das ist der wichtigste Teil der App“, sagt Müller. Zwei bis drei Mal pro Woche fordert die Anwendung zu kleinen, beziehungsfördernden Maßnahmen auf. Das kann zum Beispiel so aussehen: „Nimm dir drei Minuten Zeit und denke an die Anfänge Eurer Beziehung – erzähle Deiner Partnerin von einem besonders schönen Moment aus Eurer Anfangszeit.“

So sieht die App aus. © pairfect

Wünsche

„Manchmal haben wir als Paare gemeinsam Zeit, wissen aber nicht wirklich, was wir damit anfangen sollen“, sagt Müller. „Wir haben durchaus tagsüber Ideen, was wir mal wieder mit dem Partner machen möchten, nur haben wir sie im Laufe des Tages vergessen.“ Hier soll die App Abhilfe schaffen. Sie fordert dazu auf, Wünsche und Bedürfnisse einzugeben, die der anderen Person dann angezeigt werden. „Das kann alles sein von gemeinsam Eis essen bis hin zu sexuellen Wünschen“, sagt Müller.

Erinnerungen

Dabei handelt es sich im wesentlichen um einen Kalender, der rechtzeitig an Hochzeitstage oder ähnliches erinnert. „Er kann auch konkrete Vorschläge liefern, die sich wiederum aus den Wünschen speisen“, sagt Müller. Hat eine*r der beiden beispielsweise angegeben, dass sie*er sich Adventskalender wünscht, kann die App die andere Person einige Tage vor dem ersten Advent daran erinnern.

Entertainement

Hier spielt die App kleine Info-Stückchen und Artikel mit Wissenswertem über Beziehungen ein. „Nutzern wird zum Beispiel mitgeteilt, wie sie eigene negative Muster erkennen und vermeiden können“, sagt Müller. Bei Interesse an dem Thema lässt sich ein Link anklicken und man erhält mehr Informationen dazu.

Partner Kennenlernen

„Diese Funktion ist fast so wichtig wie die Impulse“, sagt Müller. Die App fordert dazu auf, sich zu privaten Themen zu äußern: „Welche Eigenschaft magst du nicht an meiner Mutter?“, „Welche beruflichen Ziele hast du?“ Die Antworten können durchaus zu Diskussionen führen, was aber gewollt ist.  Nach der Vorstellung von Benz und Müller sollte über diese Themen dann am besten abends persönlich gesprochen werden.

Lässt sich Liebe downloaden?

Die Basisversion der App ist kostenlos, für 9,90 Franken (8,39 Euro) pro Monat lässt sich die abgefragte Kategorie bei „Partner Kennenlernen“ beeinflussen oder Nutzer*innen können Impulse ablehnen, beziehungsweise überspringen. Dass es Kund*innen für ihre App gibt und sie ihnen hilft, davon sind die beiden überzeugt. „Dadurch, dass uns Wissenschaftler bei der Entwicklung der App geholfen haben, sollte tatsächlich eine Verbesserung eintreten“, sagt Benz.

Gleichwohl sagen beide: „Ein hundertprozentige Garantie, dass die App die Beziehung rettet, gibt es nicht.“ Zudem könne sie keine Paartherapie ersetzen. „Schaden wird sie aber mit Sicherheit nicht“, sagt Müller.

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Wer die App installiert, muss nur Namen und Alter angeben, der Rest ist optional. Gleichwohl funktioniert die App umso besser, je mehr Daten die Nutzer eingeben. Die App soll beispielsweise hin- und wieder abfragen, wie gut Nutzer*innen den Status ihrer Beziehung einschätzen. Ähnlich wie Amazon oder Spotify lernt ein Algorithmus im Hintergrund mit. Wen ein Tipp Person A geholfen hat, wird er vermutlich auch Person B in einer ähnlichen Situation helfen. Benz und Müller versichern, dass die Daten der User*innen sicher seien: Die Übertragung an ihre Server erfolgt verschlüsselt, würde anonymisiert gespeichert und nicht weitergegeben.

Das sagt ein Paartherapeut dazu

Von der App sollte man keine Wunder erwarten, sagt der Hamburger Paartherapeut Henning Matthaei, 53. Er arbeitet seit 13 Jahren mit Paaren. Ihm gefällt, dass die App dazu ermutigt, über Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen. „Ich teile die Einschätzung, dass Beziehungen mit fortlaufender Dauer routinierter werden“, sagt er. Das müsse nicht unbedingt schlecht sein, aber Paare würden eben auch oft die Kommunikation zurückstellen. „Hier könnte so eine App helfen“, sagt er. Sie könnte Paare dazu bringen, wieder häufiger über Themen zu sprechen, die sie wirklich bewegen und wieder gemeinsam Dinge zu planen, die über den Wocheneinkauf hinausgehen. „Das ist ein häufiges Problem in Beziehungen. Wir vereinbaren Termine mit allen, aber nicht mit unserem Partner“, sagt Matthaei.

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Um das Offline-Gespräch zu fördern, haben die Macher keine Chat-Funktion in die App eingebaut. „Wir wollen dazu ermutigen, am Abend über Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen, die man tagsüber in die App eingegeben hat“, sagt Müller. Dafür sind sogar Push-Nachrichten geplant, die dazu ermuntern, das Smartphone beiseite zu legen.

Nach Einschätzung von Matthaei gibt es aber auch Grenzen einer solchen Anwendung, die aber eher im Medium selbst begründet sind: dem Smartphone. Gerade in in längeren Beziehung würden sich oft ungünstige Kommunikationsmuster einschleichen, die zu Missverständnissen führen. „Hier kann eine App nicht helfen“, sagt er. Es gebe Fähigkeiten, die man nicht digital erwerben könnte: etwa Selbstwertgefühl, gute Kommunikation oder auch Verletzlichkeit zu zeigen. Sie sind essentiell für eine gesunde Beziehung und ließen sich am besten in einer sehr ursprünglichen Kommunikationsform lernen, sagt Matthaei: dem Gespräch.


Update 20. Juni 2018: In der ersten Version dieses Artikels vom 15. Juni hatten wir geschrieben, dass es bislang keine Apps zur Beziehungspflege gibt. Ein Leser hat uns darauf hingewiesen, dass es bereits seit drei Jahren eine App mit ähnlicher Zielrichtung, sie nennt sich Weil i di mog. Im AppStore von Apple hat sie jedoch keine Wertung.