Diese Berlinerinnen ziehen nur an, was sie auf der Straße finden

Anna und Karina tragen das, was andere aussortiert haben. Auf ihrem Modeblog Found on the Street dokumentieren sie das Ganze.

Auf einem Bild posiert Karina in einer silbernen Satinbluse vor dem Spiegel, auf einem anderen sitzt Anna in einer 1980er-Jahre-Trainingsjacke auf Treppenstufen, eine Nahaufnahme zeigt ein Paar weinrote Samtsneaker. Auf den ersten Blick sieht der Instagramaccount von Karina Papp und Anna Vladi, 29, aus Berlin aus, wie der von vielen anderen Modeblogger*innen. Die beiden posieren gekonnt, das Ganze wirkt durchdacht, die Kleidung sitzt. Doch im Gegensatz zu den großen Influencer*innen, die auf jedem Foto ein bis fünf bekannte Markennamen verlinken, stehen neben den Posts von Anna und Karina nur Sätze wie „Dieser Pullover hat auf Anna irgendwo in Neukölln gewartet“ oder „Diese Jacke haben wir in Athen entdeckt“.

Seit vergangenem Herbst ist ihr Account Found on the Street online. Alle Klamotten, die die beiden auf ihren Fotos tragen, haben sie irgendwann auf der Straße gefunden. Anna und Karina kennen sich bereits seit 13 Jahren. Sie haben in ihrem Heimatland Russland zusammen Publizistik in St. Petersburg studiert. Beide wohnen seit über fünf Jahren in Berlin und arbeiten freiberuflich als Journalistinnen und Übersetzerinnen.

Wie kam es dazu, dass sie die Kleidung anziehen, die andere aussortieren? Steckt dahinter ein ganzer Lebensstil und kaufen die beiden wirklich nichts mehr neu? Wir haben uns mit ihnen unterhalten.

ze.tt: Wo kommt die Kleidung her, die ihr heute anhabt?

Anna: Witzig, dass du das fragst, ich habe tatsächlich nur Sachen an, die ich auf der Straße gefunden habe, außer meiner Unterhose: ein Oberteil aus Griechenland, eine Hose aus Neukölln und meine blauen Socken habe ich in Kopenhagen auf der Straße gefunden.

Karina: Ich trage eine Bluse, die mir Freund*innen geschenkt haben und eine Jacke, die ich in Athen gefunden habe. Anna und ich waren dort zusammen und haben nicht erwartet, dass wir auf der Straße überhaupt etwas sehen würden. In Berlin ist das ja sehr einfach.

Auf euren Fotos seid ihr auf jeden Fall immer stylisch gekleidet, kaum zu glauben, dass ihr nur Kleidung anzieht, die ihr auf der Straße gefunden habt. Wie kam es dazu, dass ihr das Projekt gestartet habt?

Karina: Ich benutze Instagram schon länger und sehe immer wieder, dass Leute Bilder von sich hochladen und dabei die Marken taggen, von denen ihre Klamotten sind. Ich fand es irgendwie lustig, denn eigentlich ist alles, was ich anhabe, fast nie von einer Marke. Anna und ich sammeln schon länger Klamotten von der Straße. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir beide so tolle Sachen finden und es schön wäre, das mit anderen Leuten zu teilen. Mit dem Account können wir zeigen, dass du nicht jeden Monat zu H&M gehen und ein neues T-Shirt kaufen musst, sondern dass es eigentlich schon alles auf der Straße gibt. Man muss es nur mitnehmen. Im August haben wir angefangen, ein paar Fotos von uns in den Klamotten zu machen und online zu stellen.

Also habt ihr schon vor dem Start des Blogs keine neue Kleidung mehr gekauft?

Anna: Ja, genau. Bei mir kam das mit meinem Umzug nach Deutschland. Als ich 2009 aus Russland hierher gezogen bin, war ich erst mal total fasziniert von H&M und Co. und habe dort eingekauft. Aber dann habe ich gemerkt, dass jede*r dasselbe anhat und mir das nichts gibt. Seitdem habe ich entweder Klamotten an, die ich secondhand kaufe oder auf der Straße finde.

Man würde echt nicht glauben, was die Leute alles aussortieren.“ – Karina

Wie hat sich euer Blick auf die Welt verändert, dadurch dass ihr nach aussortierten Klamotten guckt?

Karina: Ich kann nicht mehr wirklich sagen, dass ich danach suche, die Klamotten springen mich eher an, sie sind einfach da. Erst letztens bin ich sonntags mit meinem Freund von Kreuzberg nach Neukölln gelaufen und am Ende hatten wir schon wieder so viel Zeug zusammen. Jeans, super viele Bücher, alles war zu verschenken, zum Mitnehmen. Man würde echt nicht glauben, was die Leute alles aussortieren. Auch ganz viele Designerklamotten. Wir hatten ein paar Teile, die hätte man locker für mehrere hundert Euro verkaufen können.

Anna: Bei mir ist es ähnlich. Ich suche nie nach Kleidung, ich versuche sehr minimalistisch zu leben. Ich habe echt schon viel. Aber ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad von Neukölln nach Charlottenburg und sehe dabei so viele Boxen. Dann sage ich mir auch, jetzt schaue ich nicht noch mal in diese Box rein und sehe dann aber, dass ein Glitzerkleid rausguckt und bleibe doch stehen. Wenn man einmal anfängt, dann sieht man einfach, wie viel auf der Straße steht.

[Außerdem auf ze.tt: Ich verzichte auf Konsum und bin deshalb zufriedener]

Als ich meinen Kolleg*innen von eurem Projekt erzählt habe, war der erste Kommentar: „Ist das nicht eklig?“ Wie seht ihr das?

Anna: Ich hatte Situationen, wo die Stücke tatsächlich im Regen stehen gelassen wurden, aber da sage ich mir dann, auch das sind Kleidungsstücke, die einfach nur nass geworden sind. Ich packe die Kleidung in Plastiktüten, wasche meine Hände danach, reinige die Klamotten anständig in der Waschmaschine. Und wir reden ja nicht über Unterwäsche.

Karina: Ich finde übrigens auch, dass in Bezug auf dieses Thema wichtig ist, welche Wörter man benutzt. Wenn man sagt, dass man etwas auf der Straße gefunden hat, denken die Menschen, dass es sich um Müll handelt. Deshalb schreiben wir in unseren Posts gern „Given by the streets of Berlin“ oder „Given by the streets of Athen as a present“ oder „es wurde dort stehengelassen, damit man es mitnimmt“. Viele Leute unterscheiden nicht wirklich zwischen Müll und weitergeben, aber wenn man die richtigen Wörter benutzt, dann ist es einfach nur etwas, das jemand weitergereicht hat.

Denkt ihr denn darüber nach, welche Geschichten diese Klamotten erzählen und wo sie schon getragen wurden?

Karina: Ich würde mir wünschen, dass jedes Kleidungsstück mit einem Stück Papier käme, auf dem stünde: Mir ist das und das passiert.

Anna: Ja, aber manchmal kann man das auch so herauslesen. Manchen Boxen erzählen eine traurige Geschichte. Manchmal ist es sehr offensichtlich, dass jemand gestorben ist. Ich habe schon Boxen mit Klamotten aus der DDR gefunden, alle in derselben Größe, alle in demselben Stil. Dann stelle ich mir vor, dass von jemandem die Großmutter gestorben ist. Am Anfang hatte ich dabei ein etwas merkwürdiges Gefühl, die Kleidung zu tragen, denn in der russischen Kultur ist es eigenartig, die Klamotten von jemandem anzuziehen, der gestorben ist. Aber irgendwann habe ich angefangen, mich davon zu lösen und mir vorzustellen, was für verrückte Jahre oder Augenblicke diese Großmutter in dem Pullover erlebt hat.

Wir mögen die Kleidung, die Geschichten erzählt, lieber als neue Stücke.“ – Karina

Was erzählt euch die Tatsache, dass es so viel zum Mitnehmen gibt, über unsere Gesellschaft?

Anna: Es ist ziemlich offensichtlich: Überkonsum. Es wird einfach auch viel zu viel produziert, zu viel ver- und gekauft.

Karina: Das macht mir Angst. Es ist eben nur dieser Gedanke, der die Leute antreibt, etwas komplett Neues zu besitzen, das direkt aus der Fabrik kommt. Wir mögen die Kleidung, die Geschichten erzählt, lieber als neue Stücke. Seien wir ehrlich, die Leute werden das weiterhin machen, wir werden nichts im großen Maßstab ändern. Aber für uns selbst es fühlt sich falsch an, für etwas zu zahlen, das es schon gibt und Teil dieser großen Maschinerie zu sein.

Welche Reaktionen erlebt ihr selbst darauf, wenn ihr Leuten erzählt, woher ihr eure Kleidung habt?

Karina: Ich werde häufiger danach gefragt, woher ich mein Outfit habe. Dann sage ich, dass ich es auf der Straße gefunden habe und viele sind dann erst mal schockiert. Viele Berliner*innen akzeptieren das relativ schnell, aber für Leute aus Russland zum Beispiel ist es ein totaler Schock. Aber dann erklärt man, dass ganz viel zum Mitnehmen auf der Straße steht, das eigentlich noch total gut ist und dann verstehen sie, dass das eine Art ist zu leben.

Anna: Wenn du in Russland etwas von der Straße mitnimmst, dann heißt es, dass du kein Geld hast, dass du arm bist. Aber das ist ja bei uns definitiv nicht der Fall. Für mich war ja der Grund, das zu machen nie, dass ich kein Geld hatte. Ich hatte immer genügend Geld für Klamotten. Aber irgendwann hatte ich eben auch zu viel Zeug und habe angefangen, das zu tauschen, zu verschenken oder auf die Straße stellen und dafür etwas anderes mitzunehmen. Es ging darum, dass ich mein Geld eigentlich nicht für Klamotten ausgeben muss, sondern es eben in etwas anderes investieren kann.

Karina: Ja, mittlerweile finde ich es schon irgendwie lächerlich 100 Euro für ein einziges Paar Hosen auszugeben. Das ist eine bewusste Entscheidung dagegen.

Ich treffe dadurch auch kaum jemanden, der dasselbe anhat wie ich.“ – Anna

Genau das wollte ich euch fragen. Lebt ihr so, weil ihr Geld sparen wollt oder geht’s euch um die Nachhaltigkeit.

Karina: Definitiv um die Nachhaltigkeit. Das, was wir machen, ist Konsum, aber ohne zu konsumieren.

Anna: Und ich muss sagen, dass die Qualität bei den älteren Klamotten deutlich besser ist als von heutigen Klamotten. Kleidung aus den 60ern, egal ob Jeans oder Baumwolle, ist sehr lange haltbar. Als ich das letzte Mal etwas von H&M gekauft habe, hat das so schnell Farbe und Form verloren und Löcher bekommen. Es ist eben so gedacht, dass man es notfalls wegschmeißt und neu kauft.

Gibt es etwas zum Anziehen, das ihr trotzdem noch neu kauft?

Karina: Natürlich gibt es noch Teile, die wir einfach kaufen müssen oder wo wir uns dazu entschließen, sie doch lieber zu kaufen, wie etwa Unterwäsche. Für mich ist es auch relativ schwierig, Schuhe in meiner Größe von 39/40 zu finden.

In eurem Manifesto schreibt ihr, dass es euch nicht um eine moderne Philosophie geht. Was genau meint ihr damit?

Karina: Eigentlich weiß ja jede*r, dass zu viel Kleidung produziert wird, dass die Arbeitsbedingungen nicht gut sind, der Müll nicht richtig genutzt wird. Was wir machen, könnte als Versuch gesehen werden, dem Konsum zu entfliehen, uns davon zu lösen. Aber wir predigen das nicht, wir sagen nicht, dass jede*r so leben muss. Wir bezeichnen unseren Blog gerne als „ironischen Fashion-Blog“. Weil es auch einfach ein Spaß für uns ist und für die Leute sein soll, die ihn sich anschauen. Es ist eine Art, sich mit Mode auszudrücken. Es gibt zwar einen tieferen Gedanken dahinter, aber der ist nicht so erschlagend.

Anna: Manche unserer Freund*innen sind echte Shopaholics und wir sagen zu denen jetzt nicht: Hey, es ist nicht okay, was ihr macht. Aber ich denke, dass wir mit dem, was wir machen, trotzdem Leute beeinflussen. Ich sehe das ja schon bei meiner Tochter, bei meinem Vater oder ein paar Freund*innen, die auch secondhand kaufen. Aber selbst das fällt vielen ja schon schwer, weil es mit etwas Ekligem verbunden ist. Unser Blog ist vor allem ironisch, weil die Leute denken, dass etwas von der Straße doch eklig sein muss und wir zeigen, wie schön es eigentlich auch sein kann.

[Außerdem auf ze.tt: Ich habe mir dieses Jahr nur sieben Kleidungsstücke gekauft – und das hat völlig gereicht]

Stellt ihr selbst eigentlich auch Kisten auf die Straße?

Karina: Ich brauche eigentlich nichts mehr, aber kriege so viel, das hat jetzt quasi zu einer neuen Idee geführt. Wir stellen selbst Zu-verschenken-Boxen raus und überlegen, wie wir die Klamotten noch weitergeben können, aber haben noch keinen konkreten Plan. Wir würden gerne einen Ort finden, wo wir einfach regelmäßig unsere Sachen hinstellen können für andere Leute. Eine Art Giveaway-Box, aber für immer.

Anna: Wir finden sehr viel Kleidung, die wir selbst weitergeben. Ich nehme an vielen Clothes Swaps teil oder gebe sie an Flüchtlingsunterkünfte weiter. Ich könnte gar nicht alles behalten und will das auch nicht. Aber die Kleidung bleibt im Kreislauf, landet nie im Müll. Ich gebe sie weiter.

Wie nachhaltig lebt ihr sonst? Ist das ein Lebensstil, der auch andere Bereiche durchzieht?

Anna: Ehrlich gesagt, alles, was wir so in unseren Wohnungen stehen haben, von der Waschmaschine und dem Kühlschrank über Bücher bis zum Sofa, ist einfach von der Straße, sind Sachen, die wir von Zu-verschenken-Kleinanzeigen haben oder gegen etwas Kleines wie eine Tafel Schokolade oder so eingetauscht haben. 90 Prozent der Sachen, die man braucht, kann man eigentlich so finden.

Wofür gebt ihr euer Geld dennoch gerne aus?

Karina: Kannst du es dir denken? Reisen natürlich.

Anna: Manche meiner Freund*innen, die normal arbeiten gehen und gut Geld verdienen, fragen mich immer, wie ich es mir leisten kann, so viel zu reisen. Gerade bin ich wieder für fünf Monate unterwegs. Ich habe nicht wirklich Ausgaben, ich habe nicht mal ein Smartphone. Ich benutze nur die alten Handys meiner Freund*innen. Und ich habe mich so daran gewöhnt, ich kann gar nicht mehr anders. Ich bin da vielleicht auch etwas extrem, aber ich kann nicht mehr zu Mediamarkt oder H&M gehen.

Karina: Das Problem habe ich nicht, da unterscheiden wir uns. Ich kann schon noch Sachen kaufen, nicht von Läden wie H&M, aber ich mag die Idee, dass man lokale Händler unterstützt. Wenn ich mir etwas kaufe, dann bei einem lokalen Händler, zum Beispiel letztens einen BH, der in Handarbeit von einer Berlinerin hergestellt wurde. Dann ist es eine andere Art von Konsum. Es ist direkte Bezahlung und es geht um gute Arbeit und gute Qualität.

Für meine Mutter war es ein Desaster zu hören, dass ich mir keine Kleidung mehr kaufe. Sie hat gefragt, ob sie mir mehr Geld schicken soll.“ – Karina

Auch, wenn ihr niemanden missionieren wollt: Merkt ihr, dass eure Einstellung zu Konsum euer Umfeld beeinflusst?

Karina: Ja, wir haben einen starken Einfluss auf unserer näheres Umfeld. Denn wir sind ja schon ziemlich Freaks, wenn wir ehrlich sind. Für meine Mutter war es ein Desaster zu hören, dass ich mir keine Kleidung mehr kaufe. Sie hat gefragt, ob sie mir mehr Geld schicken soll. Ich musste ihr erst mal erklären, dass ich mich freiwillig dazu entschieden habe. Ich will Sachen in Vintageläden kaufen oder auf der Straße finden. Letztes Mal als sie hier war, war sie plötzlich die Erste, die zu einer Zu-verschenken-Box gerannt ist.

Anna: Ja, bei meinem Vater war es ähnlich. Er wurde zu einem richtigen Kistenjäger und hat den Leuten in der Heimat stolz erzählt, dass er seine Kleidung von der Straße habe. Das war schön, denn wir haben nie versucht, unsere Eltern zu überzeugen oder zu überreden. Sie wurden einfach inspiriert.