Diese Münchner Brüder wurden durch eine clevere Idee zu Millionären

Raphael und Maxim Nitsche haben alles anders gemacht als Gleichaltrige. Sie haben mit 14 angefangen, eine Mathe-App zu entwickeln – und sie jetzt für 20 Millionen Euro verkauft.

Die beiden Geschwister, Raphael und Maxim, sind heute 21 und 22 Jahre alt und haben letzte Woche Math42 für 20 Millionen Euro verkauft. © ze.tt

Raphael war in den Augen seiner französischen Großmutter eher von der Gattung Problemkind. Jedes Mal, wenn er ihr eine neue 1,0 in Mathe zeigte, erwiderte sie: „Aber Raphael, im Leben gibt es nicht nur Mathematik.“

Sein Bruder Maxim lacht über die Anekdote, als Raphael davon erzählt. Er zeigt mit dem Finger in seine Richtung und flüstert: „Raphael ist das wahre Mathe-Genie unserer Familie.“

Beide tragen Pullunder, knallenge Levis-Jeans in Schwarz und Blau. Unter dem Pullunder guckt der weiße Kragen des Hemds hervor – Knöpfe nicht geschlossen. Dazu frisch polierte Lederschuhe; das einzige Statussymbol, das man vielleicht an ihnen ausmachen könnte. Von ihrem Aussehen her wirken die Brüder nicht viel anders als viele Betriebswirtschaftsstudierende an Unis.

Plötzlich Multimillionär

In einem Café in Berlin-Charlottenburg sitzen sie nebeneinander am Tisch. In der Nähe bewohnen sie zusammen eine Wohnung. Sie kommen gerne hierher, Kaffee trinken, wie sie sagen. Die Preise seien noch günstiger als zum Beispiel in Kreuzberg und sie könnten hier Schach spielen. An den anderen Tischen sitzen Menschen, die Zeitungen lesen, über Eigentumswohnungen philosophieren oder den Brexit diskutieren. Die Kellnerin kennt die beiden bereits und bringt Maxim einen Earl Grey und Raphael einen Latte Macchiato.

Die beiden Geschwister sind heute 21 und 22 Jahre alt und haben vergangene Woche ihre Mathe-Nachhilfe-App Math42 für 20 Millionen Euro an einen US-amerikanischen Lernanbieter verkauft. „Ich bin regelrecht in einem Rausch der Erleichterung, dass die Verhandlungen abgeschlossen sind“, sagt Maxim und lächelt: „Ja, es fühlt sich schon auch supergeil an.“

Wie Schüler*innen in Deutschland derzeit ausgebildet werden, das dürfte es eigentlich nicht geben.“

Screenshots iPhone 6s Lineare Gleichung © Math 42

Fragt man die beiden, wie die Idee für die App entstanden sei, tritt man direkt eine Diskussion über deutsche Bildungspolitik los. Die Brüder besuchten eine französische Schule in München, da ihre Mutter aus Frankreich kommt. Raphael und Maxim sind sich einig: Wenn man das deutsche und französische Schulsystem vergleiche, gäbe es beim deutschen große Defizite. „Wie Schüler*innen in Deutschland derzeit ausgebildet werden, das dürfte es eigentlich nicht geben“, erklärt Raphael nüchtern.

Der Stoff würde gerade in Mathematik oft falsch vermittelt. Generell seien die Anforderungen zu gering. „Für den Moment sind alle zufrieden: die Kinder und die Eltern. Aber spätestens an der Universität fällt alles zusammen wie ein Kartenhaus“, so Maxim.

Auch die beiden haben in ihrer Schulzeit viel Nachhilfe gegeben, Raphael hat sogar die Ergebnisse für Mathe-Hausarbeiten in der Klasse für einen Euro verkauft. Die beiden lachen, wenn sie sich daran zurückerinnern.

Im Sommerurlaub kam die App-Idee

Irgendwann wurde ihnen bewusst, dass alle Nachhilfeschüler*innen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. „Meist scheitert es an den Basics wie am Addieren von Brüchen. Menschen haben mit Mathematik wenig Geduld, entweder sie sind gut darin oder geben auf.“ Zu dieser Zeit entwickelte ihr Vater Thomas Nitsche gerade eine Suchmaschine. So begann auch Maxim in seinen Sommerferien in Frankreich darüber nachzudenken, wie man Nachhilfe automatisieren könnte.

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Als die beiden damals noch 14- und 15-Jährigen ihrem Vater stolz von ihrer Idee berichteten, zeigte er sich wenig begeistert. Er habe trocken erwidert, sie sollen erst mal einen Business-Plan schreiben. Daraufhin durchforsteten die Brüder Statistiken. Dabei wurde ihnen klar, wie groß der Nachhilfemarkt in Deutschland wirklich ist. „Damals haben die Deutschen jährlich 500 Millionen Euro für Mathe-Nachhilfe bezahlt“, erzählt Maxim heute. In Ländern wie Korea sei es noch viel extremer, dort würden 85 Prozent der Schüler*innen Nachhilfe nehmen. Als ihr Vater die Zahlen sah, war auch er überzeugt.

Die beiden Gründer in Berlin © ze.tt

Maxim und Raphael wuchsen in einer Familie auf, in der Bildung immer an erster Stelle stand. Dabei ging es jedoch weniger um die Schule selbst, so Maxim: „Mein Vater sagte immer, dass wir da halt durch müssten.“ Von Bedeutung war, was die beiden neben der Schule machten. Beide lernten bereits als Kinder Schach spielen.

Ihre Eltern trennten sich, als die beiden noch Kleinkinder waren. Die Jungunternehmer haben noch zwei jüngere Geschwister. Vater Thomas Nitsche hat Mathematik, die Mutter Annette Hahn Medizin studiert. „Unser Vater hat uns das Schachspielen beigebracht und das Unternehmertum. Unsere Mutter wie man sich verhält, isst und spricht.“ Neben Schach war auch Kunst in der Familie immer wichtig. Maxim zeichnet heute noch gerne und viel. Zuletzt hat er ein Porträt von seinem Bruder gemacht.

Während der Vater darauf pochte, nicht in Systemen zu denken und sich nicht anzupassen, betonte die Mutter die Wichtigkeit von Schule und Bildung. „Ja, da gab es natürlich Reibungspotenzial“, sagen die beiden heute. Schließlich arbeiteten die Brüder gemeinsam mit ihrem Vater über acht Jahre an einer App, von der niemand wusste, ob sie Erfolg haben würde. „Ich verstehe unsere Mutter, von außen muss das wahnsinnig gewirkt haben. Es war schon ein großes Risiko.“

Auch wenn es Krisen gab, ans Aufgeben dachten die drei nie. Insgesamt wurde die App dreimal neu von ihnen entwickelt. Dafür zog die Familie sogar von München nach Berlin. Raphael schloss sein Abitur in Berlin ab und begann mit 17 Jahren ein Frühstudium in Mathematik. „In der ersten Vorlesung sagte der Professor zu uns, dass wir die letzten zwölf Jahre vergessen sollten. Spätestens da wurde mir klar, so darf Bildung nicht funktionieren.“ Auch Maxim studierte Mathematik in Berlin. Mittlerweile haben beide aufgehört zu studieren, da sie sich voll auf die App konzentrieren wollten.

Wie sie der Maschine das Rechnen beibrachten

Da ein Computer nicht wie ein Menschen denken kann, mussten sie ihrer App erst mal die Basics beibringen. „Wir haben Math42 aufgebaut, wie es auch in der Schule passieren sollte: Schritt für Schritt und in Mustern. Nur dass man in der App zurückgehen kann, wenn man etwas noch nicht verstanden hat.“

Eineinhalb Jahre dauerte es, bis sich die erste Gleichung in der App automatisch Schritt für Schritt aufschlüsselte. Ob er sich noch an die Gleichung erinnern könne, fragt Maxim seinen Bruder. Seine Augen glänzen dabei. „Ich weiß es noch: ½ + ⅓ = ⅚ „, sagt Maxim. Danach entschuldigen sich die beiden für ihren nerdigen Dialog und suchen nach Vergleichen aus dem Alltag: „Wenn jemand beispielsweise lernt, einen Tisch zu schreinern, dann zeigt man der Person doch auch die Fehler und versucht es zu verbessern und wirft nicht einfach den Tisch weg und sagt, es ist falsch.“

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Im Frühjahr 2015 sprach dann die TV-Show Höhle der Löwen die beiden an. Dort forderten sie für 20 Prozent ihrer Firma zwei Millionen von den potenziellen Investor*innen. Das war damals das höchste Angebot der Show und kam ausgerechnet von zwei 18- und 19-jährigen Mathe-Genies. Über drei Stunden wurde mit den Löwen verhandelt. Gezeigt wurden davon nur 15 Minuten. Am Ende lehnten sie ab, da sie nicht mehr als 20 Prozent abgeben wollten und gingen ohne einen Deal nach Hause. „An diesem Abend waren wir schon sehr enttäuscht“, erinnern sie sich.

Als die Show dann Monate später ausgestrahlt wurde, wurde Math42 plötzlich zu der am häufigsten heruntergeladenen App in ganz Deutschland – gelistet vor Whatsapp und Call of Duty. Plötzlich wurden die beiden Gründer auch von Menschen auf der Straße erkannt. „Das war schon sehr weird irgendwie“, sagt Maxim.

Neue Investoren

Die Download-Zahlen stiegen weiter und immer mehr Investoren wurden aufmerksam. Ende 2015 holten sie sich den Klett-Verlag als Investor ins Boot. Durch sie entstand auch der Kontakt zum US-amerikanischen Unternehmen Chegg. Zuerst wollten sie die Firma nur als Kunden für ihre App begeistern, doch schnell wurde klar, dass diese ein größeres Interesse an ihrem Produkt hatte.

Gemeinsam mit ihrem Vater und zwei Beratern flogen die Brüder dann in die Zentrale nach Santa Clara in Kalifornien. „Endlich diskutierte niemand mehr mit uns über irgendwelche Familien-Dynamiken, sondern konzentrierte sich auf die Technologie“, erzählen sie. Sie waren sofort begeistert von der Firma und dessen Team: „Die Menschen bei Chegg denken einfach genauso wie wir.“ Auch angenehm sei, dass in den USA niemand ein Theater um ihr Alter mache, meint Maxim.

Letzte Woche unterschrieben sie dann die finalen Papiere für den Verkauf. Auch wenn sie damit Math42 zu 100 Prozent verkauft haben, werden die beiden Brüder nun gemeinsam mit ihrem Vater die Abteilung der Firma in Berlin leiten und weitere Produkte entwickeln – sie wollen nun auch die Unis erobern.

Mit dem Leben eines durchschnittlichen 20-Jährigen hat diese Geschichte wenig zu tun. Wie lebt es sich also als Multimillionär Anfang 20? „Gar nicht anders als zuvor“, meinen beide und lachen. Klar, die finanzielle Sicherheit sei angenehm, aber sie würden nicht daran denken, nun weniger zu arbeiten. „Wir haben gerade erst begonnen. Ich sehe das Geld als ein Sprungbrett“, sagt Raphael. Ihnen fällt auch nichts ein, was sie sich für das Geld kaufen möchten. Außer: Maxim möchte neue Messer und Pfannen für die Küche, da er leidenschaftlich kocht. Und Raphael wünscht sich einen Mixer, weil er Bananen-Shakes liebt.

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Ansonsten hängen sie genauso am Wochenende genau so in Bars ab, wie andere Menschen ihres Alters. Maxim geht auch mal gerne auf Techno feiern. „Aber in den letzten Jahren war einfach viel zu wenig Zeit dafür“, sagt Raphael. Jetzt, nach dem Verkauf in die USA, werden sie sich vielleicht etwas Freizeit gönnen.