Diese Bücher helfen dir, einen Kontaktabbruch und deine Familie besser zu verstehen

Ein Kontaktabbruch ist seelisch enorm belastend – sowohl für die Abbrecher*innen als auch die Verlassenen. Mit der Lektüre dieser vier Sachbücher kannst du dich dem Erlebten nähern.

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Leser*innen haben uns nach Literaturempfehlungen zum Thema Kontaktabbruch gefragt. Hier sind unsere Vorschläge. Buchcover: © Kösel, Klett-Cotta, Piper, Goldmann

Wenn sie keinen anderen Ausweg aus einer konfliktreichen Beziehung sehen, treffen manche Menschen eine extreme Entscheidung: Sie brechen den Kontakt ab. Für ihre Familie, ihre Partner*innen oder Freund*innen sind sie nicht mehr zu erreichen. Manche Abbrecher*innen ziehen in andere Städte oder sogar Länder, für die Verlassenen wirken sie wie von der Bildfläche verschwunden.

Sowohl für die Verlassenen als auch für die Abbrecher*innen ist die Funkstille alles andere als ein angenehmer Zustand. Weil die auslösenden Konflikte nie geklärt wurden, gibt es auf beiden Seiten viele offene Fragen und unausgesprochene Bedürfnisse. Das belastet die Seele auch Jahre später.

Hinzu kommt: Ein Kontaktabbruch ist meist die Folge alter Laster in der Familie, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Durch einen Abbruch der Kommunikation lassen sich diese Laster womöglich nicht unbedingt überkommen. Einen Kontaktabbruch und die Verletzungen, die dazu geführt haben mögen, arbeitet man daher am besten mit professioneller Unterstützung in einer Therapie auf.

In den vergangenen Wochen haben wir uns mit dem Thema Kontaktabbruch beschäftigt, wie er zustande kommt und wie eine Annäherung gelingt. Daraufhin haben sich viele Leser*innen gemeldet und erfragt, ob wir weiterführende Literatur in Buchform empfehlen können. Hier kommen Leseempfehlungen, die dabei helfen können, einen Kontaktabbruch und die beteiligten Parteien besser zu verstehen. Bei ze.tt haben wir uns übrigens auch in der Reihe Ohne meine Eltern mit einzelnen Aspekten des Kontaktabbruchs beschäftigt.

Kontaktabbruch in der Familie – Wenn ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich scheint

Wer hat’s geschrieben?

Claudia Haarmann, Jahrgang 1951, ist psychotherapeutische Heilpraktikerin und lebt in Essen. Sie beschäftigt sich bei ihrer Arbeit schwerpunktmäßig mit der Frage, wie sich frühe Bindungserfahrungen auf Beziehungen und das Leben von Menschen auswirken. Kontaktabbruch in der Familie ist zuerst 2015 im Orlanda-Verlag und in der überarbeiteten Fassung 2019 im Kösel-Verlag erschienen. Es umfasst 288 Seiten.

Warum ist es lesenswert?

Haarmann schildert in Kontaktabbruch in der Familie zahlreiche Konflikte von Patient*innen, mit denen sie sich in ihrer Praxis intensiv beschäftigt hat. Die meisten Berichte beschreiben Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern, aber Haarmann abstrahiert die Fälle stets auf eine Ebene, aus der man für Konflikte in jeder Beziehungskonstellation etwas mitnehmen kann. Spannend ist auch das in der 2019er-Ausgabe angehängte zwölfte Kapitel: Darin beschreibt Haarmann, dass jüngere Menschen oft einen Kontaktabbruch vollziehen, weil ihre Eltern sie, wie Haarmann es nennt, überliebt haben. Löst bei Menschen um die 40, 50 häufig Distanz einen Kontaktabbruch aus, ist es bei jüngeren Generationen eher eine einzwängende, überfordernde Nähe.

Funkstille – Wenn Menschen den Kontakt abbrechen

Wer hat’s geschrieben?

2007 erschien der Dokumentarfilm Für mich bist du gestorben der Journalistin Tina Soliman beim NDR. Nach der Ausstrahlung erreichten Soliman zahlreiche Zuschriften von Menschen, die selbst einen Kontaktabbruch erlebt hatten. Aus ihren Recherchen zur Doku sowie weiteren Treffen mit Betroffenen ist das Sachbuch Funkstille entstanden und 2011 bei Klett-Cotta erschienen. Es umfasst 196 Seiten.

Warum ist es lesenswert?

Wie Claudia Haarmann gibt auch Tina Soliman unterschiedliche Geschichten von Betroffenen wieder. Bei Soliman kommen dabei verstärkt Geschwisterbeziehungen zur Sprache sowie Partner*innen, die den Kontakt abgebrochen haben. Außerdem hat Soliman acht Expert*innen zu den unterschiedlichen Facetten des Kontaktabbruchs befragt, deren Wissen sie in ihrem Band bündelt. Weil die Journalistin auch auf ihr Buch viele Rückmeldungen bekam, legte sie ein weiteres nach: In Der Sturm vor der Stille – Warum Menschen den Kontakt abbrechen bildet sie hauptsächlich die Perspektive von Kontaktabbrecher*innen ab. Der 224-seitige Band ist ebenfalls bei Klett-Cotta erschienen.

Das bleibt in der Familie – Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten

Wer hat’s geschrieben?

Sandra Konrad hat an der Uni Hamburg Psychologie, Sexualwissenschaften, Psychiatrie und Germanistik studiert und mit einer Arbeit über mehrgenerationale familiäre Weitergaben promoviert. Seit 2001 führt sie eine Praxis in Hamburg, in der sie sich auf systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie spezialisiert hat. Ihr Buch Das bleibt in der Familie ist 2014 bei Piper erschienen und umfasst 304 Seiten.

Warum ist es lesenswert?

Wer die ersten beiden Empfehlungen gelesen hat, weiß nun: Ein Kontaktabbruch ereignet sich häufig in Folge von familiären Traumata, die oftmals seit mehreren Generationen weitergegeben werden. Um sich aus wiederkehrenden Mustern zu lösen, lohnt es sich, das familiäre Erbe zu analysieren. Das beginnt bereits damit, zu prüfen, welche Erwartungen die Eltern an eine*n hatten. „Wir alle unterliegen familiären Aufträgen“, schreibt Sandra Konrad zu Beginn ihres Buchs. „Befreien können wir uns erst, wenn wir verstehen, welche Aufträge überhaupt an uns gerichtet wurden, und wenn wir uns bewusst entscheiden, diese nicht mehr zu erfüllen.“ Welche Aufträge es gibt, woher sie rühren und welche transgenerationalen Übertragungen und Wiederholungen sich in Familien abspielen, schildert Konrad anhand vieler Beispiele. Etwa was ein Suizid in der Familie bei Verwandten auslöst oder wie sich von der Großelterngeneration durchgeführte Gräueltaten im Nationalsozialismus bis auf die Enkelgeneration auswirkt.

Familiengeheimnisse – Warum es sich lohnt, ihnen auf die Spur zu kommen

Wer hat’s geschrieben?

John Elliot Bradshaw (2016 gestorben) hat eine schwere Jugend durchlebt. Sein Vater war Alkoholiker, als Teenager wurde Bradshaw selbst alkoholabhängig. Um seinen exzessiven Lebensstil zu beenden, wurde er nach einem Theologie- und Philosophiestudium Priester, gab das Priestertum aber nach wenigen Jahren auf. Schließlich arbeitete er als Psychotherapeut und avancierte durch Bücher und Fernsehsendungen zu einem der bekanntesten Familientherapeut*innen der USA. Sein 1997 erstmals auf Deutsch erschienenes Buch über Familiengeheimnisse gibt’s inzwischen als Taschenbuch im Goldmann-Verlag, es hat 368 Seiten.

Warum ist es lesenswert?

Kontaktabbrüche lassen sich häufig auf die transgenerationale Weitergabe von Traumata zurückführen. Sie zu verstehen bedeutet, sich mit der Familie darüber auszutauschen. Doch Traumata sind oftmals Tabuthemen, womöglich werden Kriegserlebnisse, Vergewaltigungen, Suizide, psychische Probleme bewusst verschwiegen. Mit Familiengeheimnisse kann man dem Unausgesprochenen in der Familie auf die Spur kommen. Bradshaw erläutert zunächst, welche unterschiedlichen Arten von Geheimnissen es in Familien geben kann. Anschließend liefert er eine Anleitung, wie man zur besseren Analyse der Familienverhältnisse ein Genogramm anlegt, also eine Art Stammbaum, mit dem sich bestimmte Muster innerhalb einer Familie visualisieren und besser verstehen lassen. In einem späteren Kapitel widmet sich Bradshaw auch dem Kontaktabbruch: Allerdings mit Tipps, wie man statt den Kontakt abzubrechen Wege findet, die Verbindung zu seiner Familie aufrechtzuerhalten und sich gleichzeitig vor weiteren Verletzungen zu schützen.

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