Diese charmanten Kleinläden trotzen der Monotonie der Shoppingmalls

Fotograf Vladimir Antaki zeigt urige Läden auf der ganzen Welt, die es sich zu betreten lohnt – selbst wenn du dort nichts kaufen willst.

Vor etwa acht Jahren, im August 2012, wartete Vladimir Antaki gerade auf seine Bahn in New York City in der Nähe des Times Square. Als er da stand und die Minuten vergingen, fiel ihm plötzlich ein Mann auf. Dessen Körperhaltung war imposant, die Ausstrahlung majestätisch, und trotzdem schien er den anderen vorbeilaufenden Passant*innen nicht aufzufallen. Der Mann hieß Jainul Abedin und war ein Kioskverkäufer, entspannt wartete er inmitten des gehetzten Großstadtlebens auf die nächsten Kund*innen, umgeben von hunderten Zeitschriften und Snacks.

Antaki schoss aus der Ferne ein Foto von ihm. Mit einer Geste fragte er, ob es in Ordnung für den Verkäufer war. Dieser signalisierte ein Okay, Antake schoss ein zweites Fotos aus der Nähe. Sie tauschten noch schnell Kontaktdaten aus, bevor der Fotograf mit der nächsten Bahn verschwand.

Die letzte Verteidigungslinie gegen die Monotonie

Antaki war von dieser zufälligen Begegnung besessen, wie er es ausdrückt. Der Mann mit seinem kleinen Laden, scheinbar missachtet, irgendwie Fehl am Platz und doch in seiner Authentizität wunderschön, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. „Jainul und Menschen wie er sind wichtig. Ohne sie hätte die städtische Umgebung nichts von ihrer Lebendigkeit, ihrer Menschlichkeit“, sagt der Fotograf aus Paris. Antaki war so von Jainuls Präsenz beeindruckt, dass er sich vornahm, Ladenbesitzer*innen und Handwerker*innen auf der ganzen Welt in ihren Geschäften in einer Fotoserie zu dokumentieren.

The Guardians - Jainul - NYC - 2012
Jainul, New York City. Foto: © Vladimir Antaki

Die kleinen Läden, Boutiquen und Werkstätten, die unauffällig verstreut in unseren Städten platziert sind, nennt Antaki „urbane Tempel“. Für ihn sind Menschen wie Jainul Wächter*innen, die eine letzte Verteidigungslinie gegen einen homogenen Konsumismus darstellen. Aus diesem Grund nannte er sein Projekt The Guardians. „Manche Ladenbesitzer machen das seit 50 oder 60 Jahren. Ich finde, dass diese Orte etwas Heiliges an sich haben“, sagt der 39 Jahre alte Fotograf.

Die Unordnung und die schiere Masse an Gegenständen, die in so einem kleinen Laden Platz finden, mögen auf manche abschreckend wirken. Antaki hingegen empfindet genau das als unglaublich liebenswert. Er nennt es „eine Schönheit und Einzigartigkeit in Zeit und Ort, die langsam zu verschwinden droht, während sie gegen den Strom der Moderne zu kämpfen versucht.“

Antakis Ziel sei es, die Wächter*innen in ihrer eigenen Umgebung mindestens so majestätisch wie einst Jainul in seinem New Yorker Kiosk aussehen zu lassen. Seine Bilder und die jeweiligen Geschichten dahinter sollen die Betrachter*innen neugierig machen. Im besten Fall so neugierig, dass sie ihr eigenes Konsumverhalten ändern: Weg von den gigantischen Shoppingmalls, dem Zuhause von global vernetzten Geschäftsketten, hin zu privaten Läden und Dienstleister*innen. „Damit diese so lange wie möglich geöffnet bleiben können.“

Die Läden sind wie Portale in eine andere Zeit

Viele der Wächter*innen würden sich laut Antaki fragen, was mit ihrem Geschäft passieren, wer es betreiben wird, wenn sie einmal nicht mehr da sind. Ohne Nachfahr*innen, ohne Käufer*innen oder andere Interessent*innen sind die Läden und das gesammelte Know-how jedenfalls verloren – und in Hinblick darauf quasi jetzt schon vom Aussterben bedroht. Teil von Antakis Aufgabe als Künstler sei es daher, die Erinnerung an diese städtischen Tempel zu bewahren. „Es sind Denkmäler des über Generationen hinweg überlieferten Wissens und Portale in eine andere Zeit“, sagt der Fotograf.

Wie wir uns an die kleinen Läden erinnern sollen, durften die Besitzer*innen selbst entscheiden. Jedes Mal, nachdem Antaki alle notwendigen Fotos vor Ort geschossen hatte, bat er die Besitzer*innen ihre Läden und ihre Leben mit diesen Läden in eigenen Worten zu beschreiben.

Da ist zum Beispiel Mehmet Öztekin aus Istanbul. Er repariert seit mehr als 45 Jahren Grammophone:

„Ich bin der letzte Grammophontechniker in Istanbul. Ich habe ihnen mein ganzes Leben gewidmet. Ich habe das Handwerk von meinem Vater gelernt, als ich sieben Jahre alt war, indem ich ihm in seiner Werkstatt half. Damals waren Grammophone sehr wertvoll. Ich durfte sie nicht einmal anfassen, sondern ihm nur mit den Werkzeugen helfen. In den letzten 45 Jahren habe ich unter anderem mehr als 9.000 Grammophone hergestellt. Die meisten davon wurden in verschiedene Länder der Welt geschickt. Ich habe viele Meister ausgebildet, aber sie wurden mit der Zeit arbeitslos, weil das Interesse an dem Gerät nachließ und die Leute sie loswerden wollten. Ich habe auch Grammophonsammler ausgebildet. Immer mehr Menschen haben wieder angefangen, mit Grammophonen zu hören und im Internet und auf Flohmärkten nach ihnen zu suchen. Ich sehe meine Arbeit als eine Art von Kulturerhaltung. Sie sollten für künftige Generationen geschützt werden.“

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Mehmet, Istanbul. Foto: © Vladimir Antaki

Marie Gagné aus Montreal betreibt ein Antiquitätengeschäft:

„Ich verkaufe Objekte aus der Zeit der Kindheit meiner Großeltern. Die meisten dieser Dinge sind aus dem Umlauf verschwunden, tauchten dann etwa 40 Jahre später wieder auf und sind heute bei Sammlern sehr begehrt. Dieses Geschäft hat nur ein Ziel: die Menschen glücklich zu machen. Wir nehmen uns selbst nicht ernst. Die Zeit bleibt hier stehen, und wir befinden uns in einer anderen Epoche. Die 1950er Jahre waren magische Jahre, denn sie kamen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir verkaufen auch einige Objekte aus den 1960er und 1970er Jahren. Die Menschen kommen hierher, um ihre Kindheit oder die ihrer Eltern oder Großeltern wieder zu erleben. Heutzutage geht alles so schnell vorbei, schuld haben die neuen Technologien. In meinem Geschäft können sich die Menschen von dem Wahnsinn der 2000er Jahre lösen, und das macht sie glücklich.“

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Marie, Montréal. Foto: © Vladimir Antaki

Mario Antonio Hernández Escamilla ist seit seinem 14. Lebensjahr Bildhauer in Mexiko City:

„Ich restauriere und erschaffe katholische Kunst. Meine Werkstatt befindet sich seit 1944 hier. Mein Vater hat an der Akademie von San Carlos studiert, er hat mir alles beigebracht: Anatomie, Zeichnen, Bildhauerei, Schnitzerei. Mein Ur-Ur-Großvater Margarito Hernández war der erste Bildhauer in unserer Familie. 204 Jahre später bin ich der 12. Bildhauer dieser Dynastie und leider der letzte. Die Kirche war einer meiner wichtigsten Kunden, aber sie schickt mir keine Aufträge mehr. Sie interessiert sich mehr für Politik. Sie hat ihre Gemeindemitglieder im Stich gelassen. Heutzutage wird alles in China hergestellt. Es ist billiger. Ich arbeite jeden Tag, um zu überleben. Mein größter Wunsch war es, einen Lehrling auszubilden, aber leider ist niemand daran interessiert. Ich werde all dieses Wissen mit ins Grab nehmen.“

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Mario, Mexico. Foto: © Vladimir Antaki

Alles was bleibt, ist eine Illusion

Um noch mehr Leute auf sein Projekt und das Sterben der Miniläden aufmerksam zu machen, organisierte Antaki in den vergangenen Jahren mehrere Straßenausstellungen – unter anderem in Montreal, Toronto und Philadelphia. Dafür ließ er seine Fotos auf Schaufenstergröße ausdrucken und klebte sie auf Hauswände, leere Glasfronten und nicht genutzte Flächen.

Damit sah es so aus, als wäre der jeweilige Miniladen tatsächlich da. „Ich wollte eine Illusion der Anwesenheit der Ladenbesitzer schaffen, um die Passanten anzuziehen und das Bewusstsein für das Verschwinden dieser Mama- und Papaläden durch Kunst zu schärfen.“

Und Jainuls Kiosk in New York City? Der allererste Wächter aus Antakis Fotoserie wacht nach wie vor über seinen Laden am Times Square – und seit dem Tag ihrer ersten Begegnung vor acht Jahren geht Vladimir Antaki ihn jedes Mal, wenn er in New York ist, kurz besuchen.

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