Diese Erfahrungen haben Menschen mit einer Psychotherapie von zu Hause aus gemacht

Wie funktionieren digitale Therapien – wenn man plötzlich nicht mehr in die Praxis gehen kann? Mehrere Patient*innen und eine Therapeutin erzählen.

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Wie funktioniert Therapie von zu Hause aus? Foto: © Jake Noren / Unsplash | CC0

Vor der ersten Sitzung war Laura ziemlich nervös. Sie saß in ihrem Zimmer, der Laptop stand geöffnet vor ihr, der Videotelefonie-Dienst war bereits gestartet. Laura blickte in die Webcam, im Hintergrund war ihr Bett zu sehen, auf ihrem Bildschirm würde gleich ihre Therapeutin erscheinen. Es war Ende März, das Coronavirus war in Deutschland angekommen, in Bayern, wo Laura wohnt, waren gerade harte Beschränkungen beschlossen worden. Die 23-jährige Studentin ist seit Februar 2019 in therapeutischer Behandlung, ab März konnte Laura plötzlich nicht mehr zu ihrer Therapeutin in die Praxis gehen. Nach ein paar Wochen Pause stieg sie deshalb auf eine digitale Therapie um.

„Es war ein komisches Gefühl, zu wissen, dass die Therapeutin gleich quasi in meinen privaten Bereich eintritt“, sagt sie heute, ein halbes Jahr später, wieder vor ihrem aufgeklappten Laptop. Laura ist mittlerweile umgezogen, im Hintergrund ist kein Bett mehr zu sehen, sondern eine weiße Wand und der Ausschnitt einer großen, gräulichen Fotografie.

Wenige Minuten nach Beginn der ersten Sitzung legte sich Lauras anfängliche Nervosität. Sie sprach mit ihrer Therapeutin über das komische Gefühl, sie in ihre Privatsphäre hineinzulassen und reflektierte gemeinsam mit ihr viel darüber, wie es ihr mit der Onlinetherapie geht.

Die Studentin hatte sich auch darüber informiert, welche Herausforderungen die Onlinetherapie für Psychotherapeut*innen mit sich bringt. „Bei der Internetrecherche habe ich oft gelesen, dass es für die Therapeut*innen schwierig ist, die Gestik ihrer Patient*innen nicht mehr zu sehen“, erzählt sie. Dementsprechend hat sie das berücksichtigt, als sie sich vor der Kamera positionierte. Auch für Laura ist es wichtig, dass ihre Therapeutin mehr von ihr sieht als das Gesicht: Sie hat eine Essstörung. Dass ihre Therapeutin regelmäßig ihren Körper sieht, nennt die 23-Jährige ihre Kontrollinstanz. Bei der Onlinetherapie war das schwierig.

„Ich hatte viel Zeit, nachzudenken“

Mittlerweile fährt Laura wieder zu ihrer Therapeutin in die Praxis. „Da habe ich schon gespürt, was das persönliche Treffen für einen Unterschied macht. In der Zeit während der Online-Sitzungen ging es mir psychisch ziemlich gut, aber ich habe danach trotzdem bemerkt, dass ich in der Therapie Rückschritte gemacht habe.“

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So habe Laura mit der Zeit etwa angefangen, Dinge zu verheimlichen, oder gar zu lügen. „Es war fast ein Trotzverhalten, als wollte ich sagen: ‚Das hier ist mein Zuhause. Wenn ich hier etwas nicht sagen will, sage ich es nicht‘“, sagt sie. „Gerade, wenn es um meine Essstörung ging.“ Während sie bei dieser Erkrankung Rückschritte in der Therapie gemacht hat, ist ihre Depression, die Laura ebenfalls therapeutisch behandeln lässt, besser geworden.

Für Jonna hat die Therapie per Video nicht gut funktioniert

Als Jonna anruft, will die Technik nicht so recht. Der Ton ist leise, es rauscht im Hintergrund, die Aufnahme funktioniert nicht. „Das ist sehr bezeichnend für meine Therapiestunden“, sagt sie. „Das Programm meiner Therapeutin war zu Beginn total überlastet, es hat außerdem nur auf meinem Handy richtig funktioniert. Für eine Therapie ist das nicht ideal.“ Für Jonna ist die Mimik und Gestik ihres Gegenübers sehr wichtig, wenn plötzlich das Bild einfriert oder sie die Hände des*der anderen auf dem Bildschirm nicht richtig sehen kann, fällt ihr die Interaktion schwerer.

Jonna ist 28 Jahre alt, lebt in Bayern und studiert Medizin. Seit geraumer Zeit ist sie in therapeutischer Behandlung, Sitzungen hatte sie normalerweise alle zwei Wochen. Mittlerweile hat sie die Therapie ausgesetzt, gerade ist sie dabei, die Therapeutin zu wechseln. Keine Therapie sei ihr aktuell lieber als eine Onlinetherapie, sagt die Medizinstudentin. Einer ihrer größten Kritikpunkte: „Die meiste Zeit während unserer Stunden ging es darum, dass wir gerade eine Onlinetherapie machen. Es ging kaum noch um meine Therapieinhalte.“ Neun Wochen lang ist sie während der Corona-Pandemie auf die digitale Lösung umgestiegen. „Anfangs war das ja okay und verständlich, es war für uns alle eine vollkommen neue Situation. Aber nach drei oder vier Wochen hätte ich mir gewünscht, dass wir uns wieder auf die eigentlichen Themen konzentrieren“, sagt Jonna.

Keine Therapie ist mir aktuell lieber als eine Onlinetherapie.

Jonna

„Corona hat das Tor für Kommunikationsprobleme und Grenzüberschreitungen geöffnet“, lautet ihr Urteil. So schrieb ihre Therapeutin ihr zum Beispiel plötzlich per SMS, um Termine zu vereinbaren. Bei der Anmeldung hatte Jonna in der Onlineplattform ihre Handynummer hinterlegt. Plötzlich eine Nachricht ihrer Therapeutin auf dem Handydisplay zu haben, war für sie ein ungewollter Eingriff in ihre Privatsphäre. Auch die Tatsache, dass sie den Therapiethemen in ihren eigenen vier Wänden so viel Platz geben musste, hat sie massiv gestört. „Ich brauche dafür einen separaten, neutralen Raum, in dem ich das lassen kann. Wenn dieser Raum fehlt, fehlt auch der Rahmen.“

Jonna hat wenig Verständnis dafür, dass Fachärzt*innen während der Corona-Pandemie durchgängig zur Behandlung aufgesucht werden durften, die Psychotherapie als Gesprächstherapie aber online stattfinden sollte: „Therapie ist mehr als Reden! Das muss endlich verstanden werden. Und das kann nicht unbedingt von zu Hause aus stattfinden.“

Die Praxis von Thorbens Therapeutin ist 80 Kilometer weit entfernt – für ihn war die Onlinetherapie eine gute Alternative

Thorben wiederum ist froh darüber, dass er seine Therapiestunden jetzt vom Küchentisch aus machen kann.  Thorben heißt eigentlich anders, möchte namentlich aber lieber nicht zitiert werden. Bereits seit 2017 macht der Mitte 30-Jährige eine Therapie, er lebt mit einer Depression. Mit dem Beginn der Corona-Pandemie ist er, wie die meisten anderen, auf Onlinesitzungen umgestiegen. Vor Kurzem hat er die Therapeutin gewechselt, die neue Praxis liegt etwa 80 Kilometer von Thorbens Wohnort entfernt. Dank Online-Therapie ist die Distanz aber kein Problem. In Zeiten, in denen die Wartelisten für Therapieplätze oft lang sind, ist das für Thorben ein riesiger Vorteil.

Ich muss für mich und an mir arbeiten und brauche dafür eine Anleitung. Die kann auch per Video kommen.

Thorben

In Zukunft wollen sie sich alle vier Wochen einmal persönlich treffen, kennengelernt haben sie sich über den Computerbildschirm. Für Thorben kein Problem. „Meine Therapeutin ist sehr nett und freundlich, ich hatte sofort ein gutes Gefühl“, sagt er. „Ich brauche auch nicht unbedingt jemanden, der*die mir physisch gegenübersitzt. Ich muss für mich und an mir arbeiten und brauche dafür eine Anleitung. Die kann auch per Video kommen.“

Nichtsdestotrotz hatte auch er ein Problem, in seinem Haus den richtigen Raum für die Onlinetherapie zu finden. Thorben ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder, seine Frau arbeitet gerade im Homeoffice und deshalb viel zu Hause. „Wir sprechen offen über meine Krankheit, ich erzähle ihr alles. Aber wenn ich mit der Therapeutin etwas bespreche, was ich für mich selbst noch nicht geordnet oder verarbeitet habe, ist es mir manchmal schon unangenehm, wenn sie was hört.“ Thorben sitzt heute meistens am Esstisch, wenn er sich mit seiner Therapeutin trifft. Er wohnt in einem recht offenen Haus, die Kinder wuseln während seiner Therapiesitzung ab und an um ihn herum.

Für bestimmte Diagnosen oder Therapiemethoden ist Onlinetherapie nicht geeignet

Wie fühlt sich denn die Therapie auf der anderen Seite des Bildschirms an? Anna Fröhlich leitet eine Praxis für Psychotherapie im bayerischen Marktredwitz und teilt ihre Erfahrungen: „Ich fand es eine sehr gute Lösung und mache es mit einigen Patient*innen immer noch so.“ Bei manchen ihrer Patient*innen, so hat sie beobachtet, sei während der Onlinetherapie gar eine größere Arbeitsbereitschaft entstanden. Erklären kann sie das nur für ihre jüngeren Patient*innen, denen digitales Arbeiten leichter fällt.

Wenn jemand eine posttraumatische Belastungsstörung hat und in der Therapiestunde dissoziiert, ist es für mich per Video deutlich schwerer, darauf zu reagieren.

Anna Fröhlich, Psychotherapeutin

Für bestimmte Diagnosen oder Therapiemethoden, bemerkt die Therapeutin, sei die Onlinetherapie nur der zweitbeste Weg. Videofeedback, Achtsamkeits- und Entspannungsübungen – das alles sei über den Computerbildschirm nur schwer machbar. „Für Diagnosen gilt das natürlich nicht pauschal, es hängt auch vom Grad der Ausprägung ab. Aber wenn jemand zum Beispiel eine posttraumatische Belastungsstörung hat und in der Therapiestunde dissoziiert, ist es für mich per Video deutlich schwerer, darauf zu reagieren.“

Auch neue Patient*innen per Video kennenzulernen, ist für Anna Fröhlich sehr ungewohnt: „Den meisten würde ich mittlerweile sagen, dass sie dann persönlich vorbeikommen sollen. Wobei das mit dem Mund-Nasen-Schutz natürlich auch so eine Sache ist, weil man das Gesicht des Gegenübers und seine*ihre Mimik nicht wirklich sieht.“ Obwohl sie die Maskenpflicht befürwortet, sei es so trotzdem schwierig, Vertrauen aufzubauen.

Bald sollen sich die Bestimmungen der Krankenkassen für Onlinetherapie wieder verschärfen

Die Onlinetherapie befürwortet Psychotherapeutin Fröhlich auch für Patient*innen, die plötzlich wegziehen: „So kann ich sie weiterhin betreuen, zumindest für eine Weile.“ Bei zwei ihrer Patient*innen hat sie das während der letzten Monate so gehandhabt. Ende September könnte sich das allerdings ändern, die Bestimmungen der Krankenkassen sollen dann wieder strenger werden.

Schon vor 2020 waren Onlinetherapien möglich, aber nur in eingeschränkterem Rahmen. Es gilt bisher nicht als Regelleistung der Krankenkassen, die meisten übernahmen die Kosten deshalb nicht. Wer eine virtuelle Therapie machen wollte, musste diese oft selbst bezahlen. Mit der Corona-Pandemie haben sich die Regelungen dann gelockert. Anna Fröhlich würde sich vor allem für Patient*innen wünschen, dass ein Stück der Flexibilität aus dieser Zeit erhalten bleibt.

Für Laura und Jonna ist die Onlinetherapie ihren Erfahrungen nach trotzdem nur eine Notfall-Alternative, wenn es gar nicht anders geht. Keine Therapie oder Onlinetherapie, in der Corona-Krise sei es vor allem für Jonna fast wie eine Wahl zwischen Pest und Cholera gewesen. Die beiden jungen Frauen brauchen die physische Therapie, sie brauchen auch den Gang in die Psychotherapiepraxis. Thorben dagegen möchte gerne digital weitermachen. Sie alle wünschen sich deshalb, dass in Zukunft beide Optionen möglich bleiben – und von der Krankenkasse gezahlt werden.