Diese filmhaften Fotos werden erst durch ihre Untertitel zu einer ganzen Geschichte

Fotografin Sarah Bahbah zaubert mit ihren Bildern filmähnliche Momente. Doch erst der eingefügte Text erzählt die ganze Geschichte.

Wahrscheinlich hast du noch nie von Sarah Bahbah gehört. Ebenso wahrscheinlich: Du kennst trotzdem ihre Fotos und hast vielleicht selbst schon eins von ihr bei Instagram geteilt. Dessen ist sich sogar die Fotografin bewusst. „You’ve probably seen my art on someone else’s account“, schreibt sie in ihrer Instagram-Bio, „Du hast meine Kunst vermutlich schon auf dem Account von jemand anders gesehen.“

Sarahs Fotos haben einen unverkennbaren Stil – und sind wie gemacht für die Social Media-Welt. Denn jedes ihrer Bilder, oft auch als Serie, erzählt eine kleine Geschichte über die Liebe, über Schmerz oder Sex. Sie alle ähneln Film Stills, also Momentaufnahmen aus Filmen, bei denen die Untertitel den laufenden Dialog anzeigen. Dabei sind sowohl Bild als auch Text für sich schon stark, doch erst im Zusammenspiel erzeugen sie emotionale Pointen und unerwartete Momente. Bestes Beispiel: Ein blonder Mann (ja, es ist Dylan Sprouse, der Bruder von Cole Sprouse) sitzt in einem Diner und blickt verträumt nach oben. „Kann ich mich hierhin setzen?“ – „Nein, sorry, ich bin verliebt“, heißt es in den Untertiteln. Ein Dialog, der klar geskriptet ist und mit wenigen Worten bewegt. Ein Dialog, wie er sich im wahren Leben wohl nicht ereignen würde.

Schlagfertige Antworten, starke Dialoge

„Ich bin an erster Stelle eine Schriftstellerin, eine bildende Künstlerin an zweiter“, erklärt die in den USA lebende Künstlerin in einem Interview mit dem Onlinemagazin i-D. Die Dialoge für ihre filmhaften Fotos würden über mehrere Monate entstehen, normalerweise nachdem sie intensive Konversationen hatte. „Ich spule diese Gespräche in meinem Kopf immer wieder ab. In diesen Gesprächen entdecke ich zwischen den Zeilen unausgesprochene Dialoge, die später Teil meiner Kunst werden.“ Viele dieser Momente, die die Betrachter*innen in den Bildern beobachten, seien Neuschöpfungen von Augenblicken, in denen sie sich gewünscht hätte, eine andere Antwort parat gehabt zu haben, sagt sie gegenüber dem US-Magazin Forbes.

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Dass ihre Dialoge so unkonventionell, oft provokativ wirken, hängt aus ihrer Sicht auch mit der Wahrnehmung von Weiblichkeit zusammen. „Oft haben die Charaktere Gedanken, die als tabu gelten, besonders für Frauen. Die weiblichen Charaktere sind besonders stark, weil sie diese Momente neu erfinden. Ich gehe davon aus, dass die Dinge, die ich [in den Gesprächen] gern gesagt hätte, nicht einfach toleriert worden wären, weil ich eine Frau bin. Ich verändere diese Erwartung und mache diese Charaktere unbesiegbar.“

Eine Ästhetik, die sogar Selena Gomez inspiriert hat

Die Bilder, die Sarah auf Instagram teilt, sind nicht die ersten, die international Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Bereits 2014 erzeugte ihre Fotoreihe Sex And Takeout, eine bildliche Verbindung von Fast-Food-Gerichten und sexuellen Momenten, eine Welle an Rezeptionen. Das brachte ihr unter anderem Kooperationen mit Gucci ein. Trotzdem nutzt sie die Kunst auch, um ihre persönliche Geschichte zu erzählen. So verarbeitet Sarah, die in Palästina geboren und in Australien aufgewachsen ist, in ihrer aktuellen Serie I Could Not Protect Her den sexuellen Missbrauch, den sie als Kind erlebt hat. Die Fotocharaktere spiegeln ihre Geschichte wider und beginnen am Ende langsam zu heilen.

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Mittlerweile ist Sarahs unverkennbarer Stil nicht mehr nur in ihrer Arbeit zu beobachten. Popsängerin Selena Gomez ließ sich offensichtlich von ihr inspirieren: Das Video zur Single Back To You enthält Elemente, die sehr nah an Sarahs Bildsprache angelehnt sind. Auf die Frage, wie sie die Macht über ihre Arbeit in der digitalen Zeit behält, wenn doch alle ihre Kunst teilen, meint Sarah nur: „Ich habe 232.000 Rechtsanwälte [Anm. d. Red.: Mittlerweile fast 600.000 Follower*innen auf Instagram], die jeden Tag auf mich aufpassen.“