Diese Fotos wollen queere Sexualität enttabuisieren

Die LGBTQIA-Szene hat weniger Probleme mit Nacktheit und frei gelebter Sexualität, sagt Benjamin Wolbergs. In seinem Bildband New Queer Photography zeigt er, wie vielfältig queeres Leben ist.

Queere Fotografie kann zweierlei bedeuten: queere Menschen, die fotografieren. Oder Fotograf*innen, die queere Menschen ablichten. Für den Bildband New Queer Photography von Benjamin Wolbergs trifft beides zu. Der Fotograf und Art Director aus dem bayerischen Regensburg hat in seinem Buch 52 Fotograf*innen kuratiert, die sich als queer identifizieren und in ihren Arbeiten queeres Leben von Homosexualität über Drag und Transgender bis hin zum Spiel mit den Geschlechterrollen zeigen.

Die LGBTQIA-Community ist extrem divers. Sie muss es sein, schließlich sind ihr alle Personen zugehörig, deren geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung nicht der Heteronormativität entspricht. Queer ist, wer sich ihrer entzieht. „Mein Anspruch war es, den Fokus auf Personen und Themen zu lenken, die sich am Rande der Gesellschaft befinden und im allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs eher weniger Beachtung finden“, sagt Wolbergs. Dafür wollte er möglichst viele queere Künstler*innen mit möglichst vielen unterschiedlichen Themen, Ästhetiken und Bildwelten präsentieren.

Der Bildband sei außerdem eine kleine Liebeserklärung an die queere Szene Berlins. Denn ohne die vielschichtige und lebhafte queere Szene wäre er wohl gar nicht auf die Idee gekommen, sein Projekt zu realisieren, meint der 45-Jährige. Er sei in den vergangenen Jahren intensiv in die queere Szene des Kultur- und Nachtlebens vor allem in Berlin eingetaucht und habe dort viel Inspiration für das Buch mitgenommen. Zwölf der 52 Fotograf*innen aus dem Buch leben und arbeiten heute in Berlin.

Marginalisiert und kriminalisiert

Der Rand der Gesellschaft ist ein Terminus, der oft mit Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Unterdrückung verbunden ist. Laut Daten der Menschenrechtsorganisation Ilga ist beispielsweise Homosexualität in weltweit 69 Staaten noch immer unter Strafe gestellt, von Geld- und Haftstrafen bis hin zur Todesstrafe.

Diesem Aspekt widmen sich zum Beispiel die Bilder von Robin Hammond. Er porträtiert queere Menschen in Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Liebe kriminalisiert ist und zu Diskriminierung, psychischer und physischer Gewalt, Haft und Folter bis hin zur Todesstrafe führen kann. Zu dem Langzeitprojekt wurde eine eigene Website eingerichtet, auf der die persönlichen, teils schrecklichen Geschichten der Porträtierten nachzulesen sind. „Nicht nur die Leidensgeschichten der Menschen haben mich sehr berührt, sondern auch eine gewisse Doppeldeutigkeit, die auf den zweiten Blick bei den Bildern sichtbar wird“, sagt Wolbergs. Trotz ihrer Erlebnisse und den damit verbundenen Gefahren würden die Porträtierten nämlich Mut und Stärke ausstrahlen.

Geht es um Länder, die queere Lebensweise stigmatisieren, darf man nicht vergessen, die Geschichte der europäischen Kolonisierung mitzudenken. „In vielen der Länder, in denen Homosexualität illegal war oder immer noch ist, vor allem in vielen Staaten Afrikas wie beispielsweise Südafrika oder Nigeria, stammt das entsprechende Gesetzt aus der Kolonialzeit“, sagt Ben Miller, Vorstandsmitglied des Schwulen Museums in Berlin. Wir würden nur allzu leicht vergessen, dass in vielen Fällen Homosexualität oder gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen in diesen Ländern damals erst von den Kolonialmächten verboten wurden. Dieses Verbot wurde teilweise auf zutiefst gewalttätige Art und Weise durchgesetzt.

Frei in ihrer Nacktheit

Am Rand der Gesellschaft zu leben muss laut Wolbergs nicht immer nur negative Auswirkungen haben: „Unter bestimmten Bedingungen und Vorzeichen kann das Leben am Rande es oft gerade erst möglich machen, sich völlig frei und fern aller Normen und Konventionen zu entfalten und auszudrücken, die eigene Genderidentität zu erkunden und das Spiel damit selbstverständlich und unbefangen zu erleben.“ Eine derartige Unbeschwertheit zeigen beispielsweise die Bilder aus den Ballroomszenen aus Amsterdam, Mailand, Paris und Berlin oder aus der Londoner Dragszene. Sie alle ergründen alternative Schönheitsideale und individuelles Schönheitsempfinden.

Viele Fotos zeigen Haut: nackte Frauen- oder Männerpaare, die sich im schummrigen Licht küssen und umarmen. Transmenschen, die stolz ihre Narben von ihren Anpassungsoperationen in die Linse halten. Oder Männer in Schminke und knapper Wäsche, die sich lustvoll rekeln. Laut Kurator Wolbergs hat das queere Umfeld im Allgemeinen weit weniger Probleme mit Nacktheit und frei gelebter Sexualität als das durchschnittliche heteronormative Umfeld.

Das findet auch Ben Miller vom Schwulen Museum nicht überraschend. Queere Identitäten würden schließlich aus dem Wechselspiel zwischen Geschlecht und Begehren entstehen. Vor allem die sexy schwule Männerfotografie habe mittlerweile Tradition. „Die Ästhetik der Schwulenerotik auf Fotos findet nun auch immer mehr für queere Frauenkörper statt“, sagt Miller. Das führe dazu, dass sich die „obszönen Grenzen der Schönheit“ in der queeren Fotografie erneuern und weiterentwickeln könnten.

Die Fotograf*innen in Wolbergs Buch haben sich zur Aufgabe gemacht, diese alternativen Lebensrealitäten in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen und ihnen damit das Stigma zu nehmen. Sie enttabuisieren, indem sie ihren künstlerischen Fokus darauf richten. Denn: Je sichtbarer alternative Lebensrealitäten werden, desto eher können wir den Zusatz „alternativ“ von ihnen lösen.