Diese Fotos zeigen das Leben arabischer Studierender in der DDR

Der palästinensische Fotograf Mahmoud Dabdoub zog 1981 für ein Kunststudium nach Leipzig. Seine Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen den Alltag seiner Freund*innen aus Algerien, Libanon oder Kuweit in den 1980ern in der DDR.

Zwei schwarzhaarige junge Männer, der eine mit lockigem Haar, der andere trägt es kurz, sitzen auf einem Sofa. Hinter ihnen an der Wand zeigt ein Poster den singenden Bob Marley, vor dem Fenster rechts davon hängt eine gehäkelte Gardine, die in das sonst spärlich eingerichtete Studentenzimmer nicht hineinzupassen scheint. Die Männer halten Fotografien und Alben in den Händen, die sie sich anschauen. Kurz blicken sie in die Kamera, weil sie wissen, dass auch sie nun Teil einer Fotografie werden. Die Bilder, die sie in den Händen halten, und das Bild in Schwarz-Weiß, auf dem sie nun verewigt sind, gehören demselben Fotografen: Mahmoud Dabdoub. Er machte die Aufnahme in den 1980er Jahren in Leipzig.

Der palästinensische Fotograf kam 1981 aus dem Libanon in die ehemalige DDR. Hier hat er seinen und den Alltag seiner arabischen Freund*innen dokumentiert. Er fotografierte sie auf der Straße, in der S-Bahn, auf dem Markt, in der Mensa und zu Hause. Er begleitete sie mit seiner Kamera zu politischen Veranstaltungen und zu Tanzproben. Durstig nach Fotografie sei er gewesen, erzählt Mahmoud Dabdoub heute. Seine Kamera habe er immer bei sich getragen: „Hinter meinen Fotos von damals steckt kein Programm. Ich wollte einfach alles festhalten.“

Vor sechzig Jahren kam Dabodub im Norden Libanons, in Baalbek, auf die Welt. Er wuchs als Kind einer palästinensischen Familie in einem Camp für Geflüchtete auf. Kamerafilme seien dort damals sehr selten und teuer gewesen.

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Der Fotograf Mahmoud Dabdoub war 23 Jahre alt, als er aus dem Libanon nach Leipzig zog. Links: damals im Selbstporträt. Rechts: heute. Foto: André Kempner

Mit seiner Familie lebt Dabdoub heute immer noch in Leipzig. Seine Töchter würden ihn manchmal fragen: „Papa, warum hast du so wenig auf den Demonstrationen vor dem Mauerfall fotografiert?“ Er habe Angst gehabt, sagt er. „An den Protesten habe ich selten teilgenommen. Wenn, dann habe ich meine Kamera gar nicht ausgepackt, weil sie sehr laut war. Ich wollte als ausländischer Student niemandem auffallen.“

Seit 1951 durften Menschen aus dem Ausland in der DDR studieren. Bis 1989 erwarben hier zwischen 64.000 und 78.400 Studierende aus über 125 verschiedenen Staaten einen akademischen Abschluss. Sie kamen aus dem sozialistischen europäischen Ausland, aus afrikanischen und asiatischen Ländern, wie etwa aus dem arabischen Raum. Dabdoubs Freund*innen, die mit ihm studierten, so erzählt er, waren unter anderem aus Jordanien, Kuweit, Libanon, Syrien und Algerien. Sein Zimmer im Studierendenwohnheim in Leipzig-Grünau habe er mal mit einem Studenten aus Bulgarien, mal mit einem aus Japan und dann mit einem jungen Mann aus Äthiopien geteilt.

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An der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studierte Dabdoub Fotografie. Er sagt: „Ich war mittendrin in der Gesellschaft.“ Er sei viel rumgereist in der DDR, habe oft Besuch empfangen von deutschen Mitstudierenden, habe wiederum auch sie zu Hause besucht. Gelernt haben eingewanderte und einheimische Studierende gemeinsam in den Seminaren. Neben dem Wohnheim in Grünau bewohnte Dabdoub außerden ein Zimmer in einer Künstler*innenkommune im Bezirk Connewitz.

Die ersten Fotos schoss Dabdoub mit einer DDR-Kamera

Getroffen habe man sich oft in der Mensa der Karl-Marx-Universität, heute Universität Leipzig, und im Café Corso, das heute immer noch in der Brüderstraße zu finden ist. Zu dem arabischen Stammtisch, der dort außerdem wöchentlich stattfand, seien nicht nur Studierende, sondern etwa auch Arbeiter*innen gekommen. „Ich habe aber auch viel Zeit im Labor und in der Universität verbracht“, sagt Dabdoub, „Die einheimischen Studierenden hatten viel mehr Vorkenntnisse als ich.“

Beworben hatte er sich an der Hochschule mit Fotos, die er im Libanon geschossen hatte, mit einer Praktica LLC − ein Dresdener Fabrikat, das sein Bruder von einem Besuch in der DDR mitgebracht hatte. „Ich habe sie mir so oft es ging ausgeliehen. Meistens habe ich dann in Schatila fotografiert“, erzählt er. Schatila ist ein anderes Lager für Geflüchtete im Libanon. Wenige Jahre später, im Jahre 1982, gab es dort ein Massaker an palästinensischen Geflüchteten, das weltweit Aufsehen erregte.

Ich wollte einfach nur die Möglichkeit haben, zu studieren und zu fotografieren.“ – Mahmoud Dabdoub

Wenn Dabdoub über seine letzte Zeit im Libanon spricht, erwähnt er oft Ismail Shammout. „Gott hab ihn selig“, raunt er dann. Shammout, einer der berühmtesten palästinensischen Künstler und Kunsthistoriker, starb vor zwölf Jahren. Dabdoub traf ihn in Beirut, wo er vor seinem Umzug nach Leipzig lebte. Diese Bekanntschaft öffnete ihm viele Türen: Er konnte Shammout von seinen künstlerischen Arbeiten überzeugen. Dabdoub begann im palästinensischen Kulturbüro zu arbeiten und assistierte Shammout. Er organisierte Ausstellungen und Diskussionen mit internationalen Künstler*innen, gestalte Kunstbücher und Plakate.

Und er war direkt „an der Quelle“, wie er es bezeichnet, als das Angebot des Künstler*innenverbands der DDR kam: Man ermöglichte fünf palästinensischen Künstler*innen mit einem Stipendium einen Studienplatz in der DDR. Auf die Frage, ob er lieber in der BRD studiert hätte, antwortet Dabdoub heute: „Das war mir wurscht. Ich wollte einfach nur die Möglichkeit haben, zu studieren und zu fotografieren.“


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