Diese Fotos zeigen das Leben von Kurd*innen im Nordirak

Der Fotograf Eugenio Grosso verbrachte acht Monate in den kurdischen Gebieten im Nordirak. Die während dieser Zeit entstandenen Fotos hat er nun in einem Bildband veröffentlicht.

Im Oktober 2016 beginnt der Kampf um Mossul. Die irakische Stadt wurde 2014 von der Terrororganisation Islamischer Staat eingenommen. Auch die Peschmerga, die Kampfeinheiten der nordirakischen Kurd*innen, beteiligen sich an der Offensive. Der italienische Fotograf Eugenio Grosso begleitet sie.

„Der Fakt, dass ein Krieg begonnen hatte, bedeutete nicht, dass die Peschmerga darüber die Regeln der Gastfreundlichkeit vergessen hätten, die den Kurden so wichtig sind“, erinnert sich Grosso an den Tag seiner Ankunft in Frontnähe. „Trotz des harten Tags hießen sie mich willkommen und gaben mir als Ehrengast zu essen. Dann schickten sie mich, eingewickelt in eine Decke, auf das Dach, wo ich die Nacht verbrachte. Dort sah ich eine der schönsten, sternenklarsten Nächte meines Lebens.“

Der Nordirak, von wo aus die Peschmerga ihre Offensive beginnen, ist ein autonomes Gebiet der Kurd*innen. Die Region hat ein eigenes Parlament, das in der Stadt Erbil sitzt, und eine eigene Militäreinheit. Eugenio Grosso verbringt mehrere Monate im Nordirak – immer wieder unterbrochen von Aufenthalten in Europa, wo er lebt. Der Fotograf hält die verschiedenen Facetten des Lebens innerhalb der kurdischen Gebiete auf seinen Fotos fest.

Das Kandil-Gebirge und die PKK

Im September 2016 reist Grosso das erste Mal in den Nordirak. Sein Ziel: das Kandil-Gebirge, das sich zwischen dem Nordirak, Iran und der Türkei erstreckt. Dieses Gebiet wird von der PKK kontrolliert, eine Organisation, die insbesondere in der Türkei für die politische Autonomie kurdisch besiedelter Gebiete kämpft – und dabei auch Gewalt einsetzt. In der kurdischen Universitätsstadt Sulaimaniyya wartet Grosso 2016 darauf, dass ein Kontaktmann sich bei ihm meldet.

„Eines Nachts spazierte ich durch die belebten Straßen des Bazaars von Sulaimaniyya, als mein Telefon klingelte. Mein Kontakt teilte mir mit, dass mich ein Fahrer in der Früh abholen würde“, erzählt Grosso. „Die Reise war lang und die Landschaft wunderschön. Wir passierten den Dukansee und hielten für eine schnelle Zigarettenpause auf einem Hügel, der das Gebiet überblickte. Das Blau des Wassers war so intensiv, wie das Gelb der Landschaft.“

Ähnlich wie Hirten folgen Guerillas dem Rhythmus der Natur.

Eugenio Grosso

Im Kandil-Gebirge verbringt Grosso einige Tage bei einer PKK-Einheit: „Ähnlich wie Hirten folgen Guerillas dem Rhythmus der Natur, sie erwachen mit dem ersten Morgenlicht. Ihr Tag ist zweigeteilt: Morgens Militärtraining, nachmittags Theorie, die Freizeit wird meist mit Lesen, Schreiben und Tanzen zu traditioneller kurdischer Musik verbracht.“ Dabei fotografiert er empfindsame Bilder, die einen Kontrast zur harschen Militärwelt zeigen: Männer, die in Kampfausrüstung auf einem Berggipfel stehen, während die untergehende Sonne Landschaft und Himmel in zarte Pastellfarben taucht; das breite, herzliche Lachen eines jungen Mannes in einer kurzen Trainingspause.

Seitdem lässt Grosso das kurdische Gebiet im Nordirak nicht mehr los. Insgesamt acht Monate wird er hier zwischen 2016 und 2017 verbringen – eine Zeit, in der häufig über die am Kampf gegen den IS beteiligten Kurd*innen berichtet wird. Auch Grosso verbringt einige Zeit in Frontnähe. Dort merkt er, dass dies nicht die Art von Arbeit ist, die ihm liegt: „Mir gefiel es nicht, Teil einer Menge von Journalisten zu sein, die alle dieselben Fotos schießen.“

Lalisch und die Jesid*innen

Stattdessen beginnt er zu dokumentieren, was hinter der Front, im kurdischen Herzland, passiert. Er besucht Lalisch, ein Tal im Nordirak, das für Jesid*innen ein heiliger Ort und Zentrum der Schöpfung ist. Hier findet sich das wichtigste jesidische Heiligtum: die Grabstätte von Scheich `Adī ibn Musāfir. „Was mich bei meiner Ankunft in Lalisch am meisten überraschte, war die riesige Anzahl an Menschen, die den Hügel hinaufkletterte, um das Heiligtum zu erreichen. Alle waren barfuß, da Schuhe im Inneren des Komplexes verboten sind“, erinnert sich Grosso. Die meisten der Jesid*innen, die der Fotograf traf, waren vor dem IS aus ihren Heimatorten geflohen. „Nach Lalisch zu gehen, ist für sie nicht nur eine religiöse Pflicht, sondern auch eine Art, ihre Identität nach der Tragödie, die ihren Communitys widerfahren ist, zu stärken.“

Im Sindschar-Gebirge, lange Hauptsiedlungsgebiet der Jesid*innen, töten IS-Anhänger*innen im August 2014 5.000 Männer und Jungen und entführen 7.000 Frauen und Kinder, von denen viele in Gefangenschaft unermessliches Leid erleben müssen. Guerillakämpfer*innen der PKK retten rund 35.000 Jesid*innen das Leben, indem sie einen Fluchtweg nach Syrien freikämpfen. Die Vereinten Nationen stufen die IS-Massaker an den Jesid*innen als Völkermord ein.

Alltag in den kurdischen Metropolen

In den nordirakischen Städten abseits der Front dokumentiert Grosso das Alltagsleben der Städter*innen. Er erlebt die autonome Region Kurdistan trotz des Konflikts als sicher. „Die vielen bewaffneten Männer und Security-Check-Points lösen anfangs ein unbehagliches Gefühl aus, aber nach einer Weile werden sie so normal wie die Menschenmengen auf dem Bazaar oder die Straßenhändler“, erzählt Grosso. „In Erbil und Sulaimaniyya sind Cafés und Teehäuser voll mit Menschen, nachts servieren Shishabars und Restaurants bis spät Essen und Getränke. Es gibt Clubs, Swimmingpools, Ressorts und Spas.“

Die zwischen 2016 und 2017 entstandenen Bilder hat Grosso nun in einem Bildband veröffentlicht: Kurdistan Memories. Die Fotos werden begleitet von Texten, in denen sich Grosso an seine Zeit im Nordirak und die Entstehungsgeschichten der Bilder erinnert. Der Bildband, der Ende 2018 erschien, zeigt die Kontraste des Lebens in der autonomen Region Kurdistans: dort Kinder, die zwischen Plastikflaschen und Stacheldrahtzäunen in Vertriebenencamps leben – hier eine Villa im reichen Vorort von Erbil, die eine originalgetreue Kopie des Weißen Hauses ist. Männer in Jeans und Hemden, die in einem Teehaus in Dohuk ein Fußballspiel schauen – Frauen in khakifarbenen Militäruniformen, die in den Bergen tanzen. Der strahlend blaue Dukansee – eingebettet von kargen, sandfarbenen Hügeln.

Kurd*innen werden gerne als kollektive Einheit betrachtet, die gegen den IS und für Unabhängigkeit kämpfen. Grossos Bildband bietet eine facettenreichere Perspektive auf die kurdische Gesellschaft.


Der Bildband Kurdistan Memories ist 2018 beim Kehrer Verlag erschienen. Mehr über Eugenio Grossos Arbeit erfahrt ihr auf seiner Webseite und auf Instagram.