Diese Fotos zeigen Migration und Flucht – ohne volle Boote und Rettungswesten

Für den Fotografen Michael Danner sind Migrant*innen eine Avantgarde: Sie gehen neue Wege auf der Suche nach besseren Perspektiven. 

Boote mit eng aneinander gepressten Menschen in orangenen Rettungswesten, die auf dem Mittelmeer gerettet werden – dieses Bild hat wohl wie kein anderes die Migrations- und Fluchtbewegung der vergangenen Jahre geprägt. Dieses Bild ist durchaus problematisch, denn es stellt die Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, in einer passiven Rolle dar: Es zeigt sie als Bittstellende, als Bedürftige, denen Europa helfen muss.

2018 veröffentlichte der Fotograf Michael Danner seinen Bildband Migration as Avant-Garde. Darin hinterfragt Danner die passive Darstellung von Migrant*innen und Geflüchteten. Man sieht keine Menschen in orangenen Rettungswesten, keine wartenden Schlangen, keine Abschiebungen – generell keine Bilder, auf denen mit Migrant*innen oder Geflüchteten etwas gemacht wird.

„Ich denke, dass Migration etwas Aktives ist. Die Leute, die migrieren, treffen eine Entscheidung, die meistens nicht spontan getroffen wird, sondern geplant ist, mit der Familie besprochen wird. Vielleicht wird Geld gesammelt, um ein Familienmitglied voraus zu schicken. Die Bilder, die wir aus der Berichterstattung kennen und die Migration als etwas Passives darstellen, zeige ich in meinem Buch nicht.“

Für Danner bedeutet Migration, eigenständig denken zu können und Schlüsse aus diesem Denken zu ziehen – genau das macht für ihn das Menschsein aus. „Das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, zu schauen, wo man bessere Chancen und Möglichkeiten hat – nicht nur für sich, auch für die eigenen Kinder. Das trifft auf Menschen zu, die vor Krieg fliehen. Das trifft aber auch auf Menschen zu, die beispielsweise vom Dorf auf der Suche nach Arbeit oder zum Studieren in eine größere Stadt ziehen.“

Das Gehen neuer Wege

So entstand auch der Titel des Buches: „Bei Avantgarde denkt man an neue Wege, die Kunstmachende gehen, um etwas zu schaffen, was es noch nie zuvor gab. In diesem Sinne sehe ich eine Ähnlichkeit zur Migration: Auch Migrant*innen gehen neue und andere Wege, um eine bessere Perspektive zu haben. Der Dialog zwischen den beiden zunächst entgegengesetzt wirkenden Begriffen soll im Idealfall irritieren und einen Denkraum schaffen.“

Danner ist nicht der erste, der eine Verbindung zwischen Avantgarde und Migration sieht. Die erste, die diese erkannte, war die Philosophin Hannah Arendt. In ihrem Essay Wir Flüchtlinge, das sie 1943 veröffentlichte, schreibt sie über das politische Selbstverständnis jüdischer Geflüchteter. In dem Fotoband Migration as Avant-Garde sind Zitate aus diesem Essay eingearbeitet. Zum Beispiel dieser berühmte Satz: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge‘ nennt. Wir selbst bezeichnen uns als ‚Neuankömmlinge‘ oder als ‚Einwanderer‘.“

Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge‘ nennt.

Hannah Arendt

Mit der Kamera untersuchte Danner die jüngste Migrationsbewegung – er fotografierte neun Jahre lang in acht verschiedenen Ländern. Das Fotobuch beginnt am Mittelmeer – Sehnsuchtsort sowohl für Europäer*innen, die dem Alltag entkommen und Urlaub machen wollen, als auch für Migrant*innen und Geflüchtete, die sich nach dem anderen Ufer sehnen und hoffen, das Meer unbeschadet zu überqueren. Es folgt die nächste Etappe des Migrationsprozesses: der Grenzschutz. Mehrmals war der Fotograf mit der deutschen Küstenwache unterwegs, die in den türkisch-griechischen Gewässern patrouilliert. Ein Moment ist ihm besonders in Erinnerung geblieben:

„In einer Nacht kam ein Notruf von einem in Seenot geratenen Flüchtlingsboot. Die Menschen der Küstenwache, die übrigens alle freiwillig vor Ort sind, haben stundenlang versucht, das Boot zu finden. Von der Küstenwache hört man ja häufig, dass die nicht gerade zimperlich mit Geflüchteten umgehen würden. Es war beeindruckend zu erleben, wie die Stimmung auf diesem Boot von Stunde zu Stunde stiller wurde, weil man das Boot nicht gefunden hat und damit die Chance, die Menschen lebend zu finden, immer geringer wurde. Auch hier stand das Humanitäre im Vordergrund. Zum Glück haben wir das Boot dann noch gefunden.“

Nach dem Grenzschutz folgt die Verwaltung und Registrierung. Erst auf den letzten Seiten des Bildbands sieht man die Neuangekommenen selbst: Das Asylverfahren ist abgeschlossen, ihre Gesichter sind ruhig und entspannt.

Migration war schon immer da

Auf Danners Bildern sind an manchen Stellen schwarz-weiße Archivbilder von vergangenen Migrationsperioden gelegt: Jüdische Kinder aus Wien, die 1939 nach New York ausreisten, Vera Rimski, die 1972 als zweimillionste Gastarbeiterin in der Bundesrepublik ankam, oder ostdeutsche Flüchtende, die die Grenze zwischen Österreich und Ungarn überqueren.

So verschmilzt die Vergangenheit mit der Gegenwart: „Migration hat es immer gegeben und wird es immer geben“, sagt Danner. „Ich hoffe, dass das Betrachten meiner Bilder einen vielschichtigeren Blick auf das Thema Migration ermöglicht. Dass man die Bilder, die man kennt, hinterfragt. Dass man vielleicht selbst Fragen an die eigene Identität oder Herkunft stellt.“

Das Buch widmete Danner Alan Kurdi – der zwei Jahre alte syrische Junge ertrank im Mittelmeer. Das Foto seines an der türkischen Küste angeschwemmten Leichnams ging um die Welt.


Der Bildband Migration as Avant-Garde ist 2018 beim Kettler-Verlag erschienen. Mehr über Michael Danners Arbeit erfährt man auf seiner Homepage.