Dieses Projekt zeigt, wie unpassend es sein kann, Kinderfotos auf Social Media zu teilen

Eltern sollten nicht entscheiden, welche Fotos ihrer Kleinkinder im Internet landen und welche nicht. Eine Berlinerin macht mit dem Hashtag #DeinKindauchnicht darauf aufmerksam.

Viele frische Eltern tragen einen unerschöpflichen Vorrat an Liebe für ihre Kinder mit sich. Sie sind so stolz auf sie, fotografieren, dokumentieren und geben vor Freund*innen an. Manchmal, um die frohen Botschaften weiterzuverbreiten, posten sie Fotos ihrer Kinder auf Social Media. Guck, Internet, mein Baby war heute das erste Mal auf dem Topf. Und schau mal, wie lustig es aussah, als es sich gestern angekotzt hat. Und der Gesichtsausdruck erst, wenn es volle Windeln hat. Hahaha!

Nichts gibt so ein gutes Gefühl der Zufriedenheit wie ein Haufen Likes, Herzen und Daumen hoch, oder? Dass die eigene Sehnsucht nach Anerkennung oft auf Kosten der Kinder geht, bedenken dabei nur wenige. Stellt eine Mama ein Foto ihres Babys online, entscheidet sie über seinen Kopf hinweg. Das Baby hatte keine Wahl. Wie sollte es auch? Wie soll es in einem Alter, in dem es gerade mal lernt, in einen Topf zu machen, überhaupt irgendeine Entscheidung treffen – geschweige denn die Welt der sozialen Medien mit all ihren Konsequenzen verstehen?

Die Berlinerin Toyah Diebel sieht derartige Fotos ständig. Und sie ärgert sich darüber. „Eltern, die Fotos ihrer Kinder posten, ignorieren, missbilligen und missbrauchen deren Recht auf Privatsphäre“, sagt sie zu ze.tt. Trotzdem teilen sie unter Hashtags wie #cryingbaby oder #firstpoo unaufhörlich solche Fotos. Unzensierte Nacktfotos, vollgesudelt mit Essen, Erbrochenem oder Exkrementen, Babys auf dem Klo, Babys, die verzweifelt weinen oder an der Mutterbrust nuckeln. „Eltern tragen ihren Kindern gegenüber eine Verantwortung, die sie in diesen Fällen nicht übernehmen. Ihnen fehlt die Medienkompetenz“, sagt sie. Diebel sei bewusst, dass Eltern ihren Kinder damit keineswegs schaden wollen. Im Gegenteil: Sie posten diese Fotos, weil sie ihre Kinder zuckersüß finden. Trotzdem sollte jede*r selbst entscheiden, was er*sie öffentlich preisgeben will und was nicht.

Mit einem Kniff zum Aha-Erlebnis

Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, gründete Diebel einen eigenen Hashtag. Unter #DeinKindauchnicht stellt sie Babyfotos mit Erwachsenen nach. Wir sehen dann Volljährige, die aus einer Mutterbrust Milch saugen oder in einen Topf machen. Das erzeugt bei den Betrachter*innen ein unangenehmes Gefühl, eine Mischung aus Fremdscham und Lächerlichkeit, die bei Eltern ein Aha-Erlebnis erzwingen soll. Über den Fotos steht in großen Buchstaben „So ein Bild von dir würdest du nie posten? Dein Kind auch nicht.“

Diebel hat keine eigenen Kinder. Zu ze.tt sagt sie, dass ihr das immer wieder zum Vorwurf gemacht wird. Wie wolle sie das überhaupt nachvollziehen können? Diesen Vorwürfen entgegnet sie: „Nein, ich habe zwar selbst keine Kinder, aber ich war selbst mal eines und weiß ganz genau, welche Bilder ich nicht von mir hätte sehen wollen.“

Dass Instagram das erste Foto ihrer Reihe innerhalb von zwei Minuten nach Online-Stellung gesperrt hat, würde für Diebel das Problem nur noch offensichtlicher machen. „Wieso wird ein Foto von Menschen, die sich bewusst dafür entschieden haben, sich so zu zeigen, gelöscht und gleichzeitig sehe ich täglich tausende Fotos von nackten Babys, die diese Wahl nicht hatten?“ Sie wünsche sich daher, dass durch ihr Projekt ein Diskurs entsteht und Eltern endlich klar wird, dass sie ihren Kindern diese Entscheidung nicht abnehmen sollten. Das Feedback auf #DeinKindauchnicht würde ihr bis jetzt zumindest recht geben. „Ich bekomme immens viele positive Rückmeldungen. Die Webseite hatte innerhalb einer Stunde bereits 5.000 Besucher.“